Tampa. Bleiern hing der Himmel über Tampa, Regenschauer und Windböen peitschten durch den „Sunshine State“, als der Tropensturm „Isaac“ über Florida fegte und Kurs nahm auf die Golfküste. Ausgerechnet am siebten Jahrestag des Hurrikans „Katrina“ könnte „Isaac“ die Region um New Orleans bedrohen – und somit auch die Choreographie des republikanischen Parteitags in Tampa nach der Absage des Auftakts am Montag erneut durcheinanderwirbeln.
„Storm Watch“ beherrschte den Konvent, die Organisatoren starrten mit Bangen auf die Prognosemodelle der Meteorologen. Schließlich würden etwaige Verwüstungen an der Golfküste die „Krönungsmesse“ Mitt Romneys zum Präsidentschaftskandidaten massiv beeinträchtigen. Nicht nur wäre die Kür medial überschattet, der Kontrast der Romney-Party zur Pein angesichts einer Naturkatastrophe wäre verheerend. Parteichef Reince Priebus gab einstweilen unverdrossen die Devise aus: „Wir gehen mit Volldampf in den Dienstag.“
Neil Armstrongs Konterfei
In der zur Parteitagskulisse verwandelten Sportarena des Tampa Bay Times Forum baumelten unterdessen die rot-weiß-blauen Luftballons bereits an der Decke. Handwerker legten noch letzten Schliff an: Da wurde gebohrt, und es wurden Pressspanplatten zersägt, dass die Späne flogen. Auf den Monitoren über der Bühne, die dem hölzernen Schrein eines Tempels gleicht, prangten ikonografische Konterfeis Neil Armstrongs. Der Tod des Posterboys der Apollo-11-Generation, der auch Mitt Romney angehört, überstrahlte vorerst den Kandidaten.
Ein Helfer spulte am Teleprompter einen Blindtext herunter. Dabei pflegen sich die Republikaner sonst so gerne über die „Abhängigkeit“ des Präsidenten von dem technischen Utensil zu mokieren. Romney und seine Frau Ann probten derweil in der High School ihres Feriendomizils in New Hampshire die Reden ihres Lebens.
Schlag des Ex-Gouverneurs
Als wäre das Wetterunbill nicht genug, musste Romney noch einen herben Schlag eines Ex-Parteifreundes einstecken. Charlie Christ, der frühere Gouverneur von Florida, kündigte an, im Wahlkampf Barack Obama zu unterstützen. Seine Ex-Partei sei zu weit nach rechts gerückt, erklärte er. Nachdem Christ vor zwei Jahren in Florida bei der Vorwahl um einen Senatssitz Marco Rubio, der kubanischstämmigen Hoffnungsfigur der Grand Old Party, unterlegen war, deklarierte er sich als Unabhängiger.
In Romneys Abwesenheit ließen sich seine einstigen Rivalen feiern, sie feuerten die Tea-Party-Anhänger an. Tausende Fans bejubelten in einem Stadion die libertäre Galionsfigur Ron Paul. Nur Sarah Palin fehlte in dem Sammelsurium, dafür reiste ihre Doppelgängerin Lisa Ann an, ein Pornostar. Auch ein kleines Häuflein von Gegendemonstranten, Aktivisten der Occupy-Wall-Street-Bewegung, zog durch die Straßen Tampas, begleitet von einer Heerschar an Sicherheitskräften. Zu Fuß, zu Rad, hoch zu Ross, zu Wasser und in der Luft: Tausende Polizisten, vielfach in Khaki-Uniform, schwärmten durch das hermetisch zernierte Stadtzentrum. Im Tampa Theatre rief die „Faith & Freedom Coalition“ zur Umkehr auf. Vor einer Woche flimmerte in dem Kinopalast noch der Filmklassiker „Vom Winde verweht“ über die Leinwand. Seite 8
("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.08.2012)
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