Wien/Damaskus/Dab. Immer mehr verzweifelte Syrer fliehen vor Zerstörung und Gewalt in ihrem Land: Auch in den vergangenen Tagen haben mehrere Tausend Syrer das Land verlassen. Laut einem libanesischen Grenzbeamten sind allein am Montag binnen weniger Stunden mehr als 6000 Menschen über die Grenze gekommen.
Aufgrund des stetig wachsenden Exodus will die Türkei nach Medienberichten nun nicht mehr alle Flüchtlinge aufnehmen. Ein türkischer Regierungsvertreter bestätigte die Berichte. Mehr als 7000 Flüchtlinge sollen bereits an der türkischen Grenze angekommen sein. Manche türkischen Kommentatoren sehen in der Flüchtlingswelle eine mögliche Begründung zur Errichtung einer Schutzzone auf syrischer Seite der Grenze.
Die zunehmende Gewalt lässt immer mehr Menschen aus dem Land fliehen. Nach Angaben der Opposition wurden alleine in den vergangenen Wochen 3700 Menschen getötet. „Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache“, sagt Ruth Schöffl, Pressesprecherin des UN-Flüchtlingshochkommissariats UNHCR zur „Presse“. Während man am 27.Juli noch 127.337 syrische Flüchtlinge registriert hatte, waren es am 24.August bereits mehr als 200.000. „Sogar Flüchtlinge aus dem Irak, die vor Jahren vor der Gewalt aus ihrem Land geflüchtet sind, verlassen wieder Syrien. Sie ziehen die Sicherheitslage im Irak vor“, erklärt Schöffl.
Unterdessen konnten die Rebellen nach eigenen Angaben am Montag einen militärischen Erfolg verbuchen: Ihnen soll es gelungen sein, einen Armeehelikopter in Damaskus abzuschießen. Dieser habe zuvor den Stadtbezirk Jobar angegriffen. Auf Youtube veröffentlichte Videos zeigen, wie der brennende Hubschrauber die Kontrolle verliert und auf den Boden zurast. Eine Brigade der syrischen Rebellen bekannte sich zu dem Abschuss.
Propagandakrieg in Syrien
Das syrische Staatsfernsehen dementierte dies und sprach lediglich von einem „Absturz“, ohne jedoch weitere Details zu nennen. Die sonst mit leichten Waffen ausgerüsteten Rebellen sollen laut unbestätigten Medienberichten bereits von arabischen Staaten mit Flugabwehrraketen des US-Typs Stinger ausgerüstet worden sein.
Nach dem Absturz sind in den östlichen Vororten der Hauptstadt schwere Kämpfe ausgebrochen. Auch in Aleppo sollen sich die Kämpfe verschärft haben. Jets bombardierten von Rebellen kontrollierte Gebiete im Süden der Stadt. Bisher konnte jedoch noch keine Partei entscheidende militärische Fortschritte erzielen.
Der Vorfall zeigt auch, wie intensiv der Propagandakrieg zwischen dem Regime und den Aufständischen geführt wird. Internationale Journalisten sind noch schwereren Beschränkungen ausgesetzt als vor dem Krieg. Zudem fehlen seit Abzug der UN-Beobachter unabhängige Quellen. Das macht es schwierig, Berichte aus Syrien zu bestätigen, wie der Fall des Massakers in Daraja zeigt.
Unklarheit über Massaker
Die Opposition hatte dem syrischen Regime am Sonntag vorgeworfen, mindestens 200 Menschen in der südwestlich von Damaskus gelegenen Stadt ermordet zu haben. Über die Gräueltat kursieren jedoch zwei höchst unterschiedliche Versionen: Während syrische Aktivisten regierungstreue Shabiha-Milizen für das Morden verantwortlich machen, dementierte die offizielle staatliche Nachrichtenagentur dies umgehend. Das Massaker hätten die Rebellen verübt. Der private Pro-Assad-Fernsehsender al-Dounia sendete eine Reporterin auf die Straße, um die Ereignisse in Daraja zu dokumentieren. Dabei ging der Sender mit den Aufständischen hart ins Gericht: „Immer wenn wir in Gebiete kommen, wo die Terroristen aktiv waren, entdecken wir Ermordungen und Massaker, die im Namen der Freiheit verübt wurden.“ Auch auf psychologischer Ebene versucht das Regime Druck gegen die Rebellen zu erzeugen. Hubschrauber sollen seit Neuestem Flugblätter in Damaskus abwerfen, auf denen Einwohner aufgefordert werden, Rebellen auszuliefern. Ansonsten drohe ihnen der Tod.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.08.2012)
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