The Villages Fächelnd streicht die Brise durch die Palmen von Spanish Springs, aus den Lautsprechern plätschern Oldies, und am Plaza wiegen sich an dem lauen Abend ein Dutzend Paare – grau gewordene „Lovebirds“ – zum Takt von „Pretty Woman“, Roy Orbisons von einer Live-Jazzband intoniertem Evergreen. Eine fidele Rentner-Runde beobachtet das Treiben aus sicherer Entfernung vom Rand der Plaza, zurückgelehnt im Schaukelstuhl wippend, an einem Plastikbecher Eiskaffee nippend.
Die Ecke auf dem im hispanischen Stil gehaltenen Platz ist quasi ihr öffentliches Wohnzimmer. Stets morgens und abends treffen sich Mike, Lynn, Donna, Debbie & Co. zu ihrem Ritual der Happy Hour. Sie sind vor Jahren aus dem Norden in The Villages gezogen, eine Retortensiedlung für Senioren im einstigen Seminolenland im Zentrum Floridas, eineinhalb Autostunden nördlich von Tampa. Sie stammen aus Boston, Philadelphia oder aus Ohio, und sie genießen ihr Pensionistendasein offenkundig in vollen Zügen.
Demokraten als rare Spezies
Mike ist der einzige unter den acht Freunden, der sich offen als Demokrat deklariert – eine rare Spezies –, weshalb er sich allerlei Häme gefallen lassen muss. „Wer Köpfchen hat, ist Republikaner“, feixt Lynn. „Ich sage nur George W. Bush“, wendet Mike ein. „Und ich sage nur Barack Obama“, kontert Lynn und zieht dabei den Vornamen spöttisch in die Länge. „Vor vier Jahren haben wir Joe Biden rausgeschmissen“, prahlt Steve. Das entspricht nicht ganz der Realität, doch die Kommune ließ den damaligen Vizepräsidentschaftskandidaten wissen, dass er in The Villages nicht willkommen sei.
Dafür pilgerten damals 20.000 Zaungäste zu einer Kundgebung Sarah Palins. Für die Republikaner gehört eine Stippvisite in der gepflegten, ausgedehnten Siedlung, von Palmen und mit Moos bedeckten Eichenalleen durchzogen, von Koppeln und gewellten Golfkursen umschlossen, längst zum Wahlkampf-Pflichtprogramm.
Bei den Primaries im Jänner stimmte Mitt Romney hier „America, the Beautiful“ an, die heimliche US-Hymne. Erst neulich absolvierte sein „Running Mate“, Paul Ryan, an der Seite seiner Mutter Betty auf der Plaza einen Auftritt. Sie fungierte als Alibi dafür, dass ihr Sohn Medicare – das populäre Gesundheitsprogramm für Pensionisten – nicht zerschlagen will.
Die 78-Jährige, ein „Snowbird“ aus Wisconsin, überwintert – wie so viele Pensionisten aus dem Norden der USA und Kanada – im „Sunshine State“ Florida. Vor allem Witwen, heißt es, suchen im sonnigen Süden Geselligkeit. Bei vielfältigen Aktivitäten, beim Tanzen oder beim Bowling, finden sie unter den aufgeschlossenen Senioren rasch Anschluss. Viele surren im Golf-Kart durch die Straßen des republikanischen Rentner-Disnelands. „Nur wer unbedingt will, langweiligt sich hier“, sagt A. J. O'Leary, ein „Yankee“, ein aus Boston zugewanderter Versicherungsmakler, der die Demokraten und die Gewerkschaften hasst wie die Pest. „Nur wenn ich Heißhunger nach Hummer verspüre, kehre ich nach Neuengland zurück.“
The Villages gilt als republikanische Hochburg, es zählt zu den konservativsten Gemeinden der USA – und zu den am schnellsten wachsenden. Zwei Drittel der Wähler im Bezirk Sumter County votierten bei der Präsidentschaftswahl 2008 für John McCain. „Das rührt daher, weil sich viele ehemalige Geschäftsleute und Kriegsveteranen hier ansiedeln“, erklärt Steve Tribett, ein 66-jähriger Sportreporter der „Daily Sun“, mit Hipster-Hut und Hawaiihemd.
Das Gary-Morse-Imperium
Das Blatt ist Teil des Imperiums des 75-jährigen Immobilien-Milliardärs und republikanischen Großsponsors Gary Morse, der die exklusive Retortenanlage von inzwischen 60.000 Einwohnern in den 1980er-Jahren auf dem Reißbrett konzipiert hat. Das Spital mutet an wie eine Kreuzung aus Kathedrale und Schloss.
Tribett und seine Frau, Susan, haben sich im Kino „Old Mill Playhouse“ in Sumter Landing, einem Stadtkern mit anheimelndem Südstaaten-Charme, den polemischen Dokumentarfilm „2016: Obamas America“ angesehen. Er ist der Nummer-eins-Hit in The Villages. „Wenn Obama hier eine Bombe abwirft“, witzelt ein aufgestachelter Besucher mit schwarzem Humor, „gewinnt er die Wahl.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.08.2012)
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