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Parteitag : Polit-Karneval und Pflicht zur Wahrheit

29.08.2012 | 19:40 |  Von Thomas Vieregge (DiePresse.com)

Ann Romney repräsentiert die menschliche Seite des Präsidentschaftskandidaten. Eine Parade künftiger konservativer Politstars gibt sich ein Stelldichein im Rampenlicht.

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Tampa. Wäre Mitt Romney ein Showman, hätte er mit der „Lady in Red“, seiner in leuchtendes Rot gehüllten Frau, ein kleines Tänzchen aufs Parkett der 2,5 Millionen teuren Hightechbühne gelegt. Ann Romney hatte soeben ein Loblied auf ihren Mann gesungen. Die 63-Jährige, eine strahlende 18-fache Oma, hatte beim Konvent in Tampa an die Parteigänger, aber mehr noch an die unentschlossenen Wähler an den TV-Schirmen appelliert: „Vertraut Mitt. Er wird euch nicht im Stich lassen.“

Zum Soundtrack von „My Girls“, dem Soul-Klassiker der Temptations, schlüpfte der Präsidentschaftskandidat trippelnd durch den Vorhang, schloss sein Highschool-Sweetheart aus Michigan in die Arme und nahm die Ovationen der Arena entgegen. Auf der Bühne habe sich ein Kreis geschlossen: Bei einem Tanzabend an ihrer Highschool waren sich die Romneys einst, vor beinahe 50 Jahren, nähergekommen.

„I love you, Ann!“

Mit jungmädchenhaftem Charme und einem Lachen, das leichte Nervosität verriet, plauderte sie über ihr Leben und die Liebe ihres Lebens. Sie erzählte von ihrer Ehe, keineswegs eine „Bilderbuchehe“, sondern eine „echte Ehe“ mit allen Problemen und allen Sorgen, auf die Probe gestellt vor allem durch ihre Erkrankung an Multipler Sklerose. Das rührte selbst hartgesottene Zyniker unter den Politprofis. Die Herzen des Auditoriums flogen ihr zu, wie sich dies die Imageberater auch für ihren Mann wünschen würden. „I love you, Ann“, schallte es ihr in vereinzelten Sprechchören entgegen.

Die „Enkeltochter eines walisischen Minenarbeiters“, wie sie in einer Referenz an die Arbeiterschicht sagte, wirkt authentisch und spontan, wo Mitt steif und ein wenig gekünstelt ist. Ihr Tribut an die Flutopfer des Hurrikans Isaac, der zu gleicher Stunde über die Küste Louisianas brauste, entsprang nicht bloß aufgesetztem Mitgefühl. Manchen gilt Ann ohnedies als die bessere Kandidatin, als tatsächlich „bessere Hälfte“ Mitt Romneys und dessen „Geheimwaffe“. Wie „First Lady“ Michelle Obama überstrahlt sie ihren Mann an Popularität. Ann Romney verleiht dem nüchternen Analytiker den „Human Touch“ und die Wärme, die dessen Erfolgsstory erst abrunden.
Erstmals enthüllte die fünffache Mutter im Vorfeld ihrer Rede eine Fehlgeburt, und sie öffnete auch ihr Haus, um sich beim Keksebacken ablichten zu lassen. Solcherart entwarf das Romney-Team das Bild einer klassischen Hausfrau, zugeschnitten auf eine konservative Stammwählerschaft.

Zugleich präsentierten sich die Republikaner am ersten Tag ihres Parteitags allem Schein zum Trotz als bunt schillernde Partei der Vielfalt. Da sprach Artur Davis, ein afroamerikanischer Abgeordneter und demokratischer Überläufer, als enttäuschter Obama-Anhänger. Da ergriff Ted Cruz das Wort, ein texanischer Tea-Party-Darling und Sohn eines kubanischen Immigranten und Selfmademans.

„Yes we can!“

„Wollt ihr Obamacare aus den Angeln heben, wollt ihr das Weiße Haus und den Kongress erobern?“, putschte Cruz das Publikum auf. „Yes we can!“, hallte es zurück. Und Nikki Haley, die 40-jährige Gouverneurin von South Carolina, beschwor den „amerikanischen Traum“ ihrer Eltern, indischer Sikhs, die es inzwischen zu Multimillionären gebracht haben.

Mit gereckter Faust, sich selbst einklatschend stürmte Chris Christie auf die Bühne, der energiegeladene, schwergewichtige Gouverneur von New Jersey, der das Auditorium auf Mitt Romney einschwören sollte. „Steht auf“, rief er am Ende einer Rede, in der er ein „zweites amerikanisches Jahrhundert“ einforderte und die Verpflichtung der Politik, unbequeme Wahrheiten auszusprechen. „Ein Führer richte sich nicht nach Umfragen, er ändere sie. „Wir brauchen Politiker, die etwas anpacken und nicht solche, die etwas darstellen.“ Er meinte nicht zuletzt sich selbst. Viele hätten den für seine Offenheit, Kampflust und seinen Mutterwitz berüchtigten Gouverneur schon jetzt am liebsten ganz oben auf dem Podest gesehen. Seine Stunde schlägt vielleicht in vier Jahren.

Stammgast Lopatka

Zunächst ist indes Mitt Romney an der Reihe. Die nominelle Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten folgte einem Ritual, in dem jeder Bundesstaat von Alabama bis Washington sein Votum abgab – eine Routineangelegenheit, bei der die Anhänger Ron Pauls lauthals für einen Eklat sorgten. An der Spitze einer vierköpfigen ÖVP-Delegation beobachtete der designierte Staatssekretär Reinhold Lopatka, ein Stammgast bei US-Parteitagen, den Polit-Karneval: Die Texas-Sektion schwenkt ihre Cowboyhüte, Wiedergänger von Abraham Lincoln und Wyatt Earp inszenierten ihren Auftritt.

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1 Kommentare

Bin gespannt, ob der "objektiver" Herr Vieregge auch den demokratischen Parteitag als Karneval bezeichnen wird.

Es wird, wie alle derartigen Veranstaltungen sicher einer werden.