Der Bruder tut es. Der Vater tat es, der Onkel, der Großvater, Urgroßvater, Ur-Ur-Großvater, mehrere Großcousins und davor eine lange Reihe von Ahnen: Als Berufssoldat wahrt Prinz Harry (eigentlich Henry Charles Albert David Mountbatten-Windsor) eine jahrhundertealte Tradition der britischen Königsfamilie. Seit Ende voriger Woche ist der 28-Jährige und die Nr. 3 der Thronfolge bereits zum zweiten Mal in Afghanistan stationiert, jetzt als Commander eines schweren „Apache“-Kampfhubschraubers.
Auch wenn „Captain Wales“, wie er genannt wird, am liebsten vier Monate lang ganz normal dienen will (er soll stocksauer gewesen sein, als sein erster Einsatz in Afghanistan 2008 aus Sicherheitsgründen abgebrochen wurde, weil ein Journalist den Einsatzort genannt hatte): Sein blaues Blut muss an der Front in Helmand jetzt von noch mehr Leibwächtern als üblich geschützt werden. Denn obwohl ein „Apache“ als sehr sicher (noch wurde in Afghanistan keiner abgeschossen) und Harrys Stützpunkt „Camp Bastion“ als uneinnehmbar gilt, so ist der Prinz für die Taliban ein begehrtes Ziel. Das gaben sie am Montag gleich bekannt: „Entweder bringen wir ihn um oder wir entführen ihn“, sagte ein Taliban-Sprecher und deutete an, man habe einen „bedeutenden Plan“, wie man ihn töten könne.
„Ein verdammtes Ärgernis“
Nicht immer sind Drohungen gegen dienende Mitglieder des Königshauses so martialisch, doch ihr Einsatz ist stets ein Politikum. Das musste zuletzt Harrys Bruder William (30) erfahren: Die Argentinier waren empört, als der Rettungshubschrauberpilot Anfang des Jahres auf den Falklands stationiert wurde. Ein Prinz in Uniform auf dem von Buenos Aires seit jeher beanspruchten britischen Archipel im Südatlantik? Für die Südamerikaner pure Provokation. Sogar der Chef der britischen Schlachtflotte im Falkland-Krieg 1982, Admiral Sir John „Sandy“ Woodward (80), kritisierte das: „Einen Royal auch nur in der Nähe der Front zu haben ist ein verdammtes Ärgernis!“
Er weiß, wovon er spricht: Einer seiner Soldaten war Prinz Andrew (heute 52), Hubschrauber-Ko-Pilot auf dem Flugzeugträger „HMS Invincible“. „Wenn man einen Royal an Bord hat und der nur einen Kratzer kriegt, ist deine Karriere vorbei. Das wird zwar nie so gesagt, aber es ist auch so klar“, sagte Woodward zur „Daily Mail“ – und später mit „deutlicherer“ Sprache im Gespräch mit der „Presse“.
Lang ist's her, als englische Monarchen – angefangen mit dem Normannen Wilhelm der Eroberer 1066 – an der Spitze ihres Heeres in den Krieg zogen. Einer der letzten war Wilhelm II., der 1688 mit einer holländischen Armee in England landete, der „glorreichen Revolution“ zum Sieg und sich auf den englischen Thron verhalf.
Als das Pferd den König abwarf
Zuletzt ritt 1743 George II. im Österreichischen Erbfolgekrieg mit einem britisch-österreichisch-hannoveranischen Heer bei Dettingen (Bayern) gegen ein Franzosenheer. Er wurde vom Pferd abgeworfen und versteckte sich. Immerhin verloren die Franzosen.
Dann überließen die Royals wie die meisten Monarchen das Kämpfen Experten. Vor allem die Thronfolger nimmt man aus der Schusslinie: Prinz Charles, ebenfalls Pilot, darf Uniformen eines Flottenadmirals, Feldmarschalls und Luftwaffengenerals anlegen, diente aber nie aktiv. Sein Vater Prinz Philip nahm im März 1941 auf dem Schlachtschiff „Valiant“ an der Schlacht bei Kap Matapan vor Kreta teil, bei der fünf italienische Kriegsschiffe versenkt wurden, und brachte es zum Vizekommandeur der Zerstörer „Wallace“ und der „Whelp“ (1944/45).
Am erfolgreichsten war Lord Louis Mountbatten. Der 1900 geborene Urenkel Queen Victorias und Cousin von Philip führte im Zweiten Weltkrieg eine Zerstörerflotille und dann alle britischen Truppen in Burma. Später brachte er es zum Generalstabschef. Gefährlicher als der Krieg war für ihn ein Urlaub 1979 im irischen Sligo: Die IRA sprengte seine Jacht, er und drei weitere Menschen starben.
Das britische Verteidigungsministerium verteidigt die erneute Entsendung Prinz Harrys nach Afghanistan: Nachdem man seine Ausbildung zum Apache-Piloten finanziert habe, wolle man ihn auch einsetzen. „Natürlich ist sein Leben nicht mehr oder weniger wert als das jedes anderen Soldaten“, so der frühere britische Befehlshaber in Afghanistan, Richard Kemp. „Aber es geht um einen Propaganda-Sieg. Es wäre ein großer Coup für die Taliban, wenn sie ihn kriegen würden.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.09.2012)
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