Mohammed Nasser Ahmed entging nur knapp dem Tod. Jemens Verteidigungsminister war am Dienstag auf dem Weg zum Sitz des Regierungschefs, als neben seinem Fahrzeugkonvoi eine Autobombe detonierte. Der Anschlag kam nur Stunden, nachdem die Streitkräfte des arabischen Landes mit einer besonderen Siegesmeldung aufgewartet hatten: Said al-Shehri, Nummer zwei der Terrororganisation „al-Qaida auf der arabischen Halbinsel“, war bei einer Militäraktion getötet worden. Elf Jahre nach den Anschlägen vom 11.September führen die USA nach wie vor einen Kampf gegen al-Qaida. Und dabei ist neben Afghanistan und Pakistan der Jemen zum wichtigsten Schlachtfeld geworden. Unbemannte Flugkörper, sogenannte Drohnen, der US-Streitkräfte machen dort Jagd auf Terrorführer. Am Boden geht Jemens Armee gegen die Untergrundorganisation vor.
Zawahiri ruft zur Rache am Westen auf
Die al-Qaida-Männer auf der arabischen Halbinsel gehören ideologisch gesehen zur alten Garde. Sie träumen weiterhin vom „globalen Jihad“ gegen den Westen. Osama bin Laden hatte Ende der Neunzigerjahre zu diesem weltweiten Kampf aufgerufen. Im Mai 2011 wurde der al-Qaida-Chef von US-Soldaten in seinem Versteck im pakistanischen Abottabad getötet. Seither steht Ayman al-Zawahiri an der Spitze der Organisation. Kurz vor dem Jahrestag der Attentate vom 11.September meldete sich Zawahiri in einer Videobotschaft zu Wort. Darin rief er dazu auf, den Tod seines führenden Mitstreiters Abu Yahya al-Libi zu rächen und die westlichen „Kreuzfahrer“ zu töten.
Wenn al-Qaida in den vergangenen Jahren Personen aus dem Westen umbrachte, so waren dies zum Großteil Soldaten, die in Afghanistan oder im Irak fielen. Spektakuläre Anschläge in den USA oder Europa brachte die Organisation nicht mehr zuwege. Pläne für solche Attentate wurden aber immer wieder geschmiedet – vor allem von den Anhängern des „globalen Jihad“ im Jemen.
Zwar sprechen die Männer um Zawahiri und ihre Verbündeten auf der arabischen Halbinsel nach wie vor von einem weltweiten Kampf gegen den Westen. De facto ist al-Qaida heute aber eine Ansammlung lokaler Untergrundgruppen. Diese gewalttätigen islamistischen Gruppen verfolgen örtlich begrenzte Ziele, benutzen aber die Trademark al-Qaida, um gefährlicher und bedeutender zu erscheinen. Zudem können sie im Gegenzug mit der Unterstützung internationaler jihadistischer Netzwerke rechnen.
Extremisten unterwandern Syriens Rebellen
Ein Beispiel dafür sind die Extremisten, die den Norden Malis unter ihre Kontrolle gebracht haben. Sie wollen einen Staat errichten, der ihren steinzeitlichen Vorstellungen eines angeblich „wahren Islam“ entspricht. Ähnliches schwebt den al-Shabaab-Milizen für Somalia vor. Ihr Arm reicht bis Kenia und Uganda, wo sie sich mit Attentaten für das militärische Engagement beider Länder in Somalia rächen.
Auf die jüngsten Umbrüche in der arabischen Welt hatte al-Qaida so gut wie keinen Einfluss. Zwar wetterten Bin Laden und Zawahiri stets gegen die korrupten Regime in diesen Staaten. Die Autokraten in Tunesien und Ägypten wurden aber nicht von einer Elite „rechtgläubiger“ Selbstmordattentäter weggebombt, sondern von hunderttausenden Demonstranten vertrieben.
Am Aufstand in Libyen beteiligten sich hingegen islamistische Veteranen aus dem Afghanistan-Krieg. Diese Kämpfer bildeten aber nur eine von vielen Fraktionen und kooperierten mit der Nato. Ein „Jihad“ gegen den Westen scheint derzeit nicht auf ihrem Programm zu stehen. Und das Libyen nach der Revolution ist kein al-Qaida-Staat.
Syrien scheint für al-Qaida ein geeigneteres Schlachtfeld darzustellen. Machthaber Bashar al-Assad ist Alawit und aus der Sicht radikaler Sunniten somit kein richtiger Muslim. Zahlreiche Jihadisten sollen sich bereits auf den Weg gemacht haben, um Syriens Rebellen zu unterstützen. Je mehr sich die Aufständischen vom Westen im Stich gelassen fühlen, desto größer könnte der Einfluss der Extremisten werden.
Im Jemen konnte al-Qaida mittlerweile aus einigen jener Regionen zurückgedrängt werden, die sie zuvor kontrolliert hatte. Jemens Streitkräfte erhielten dabei Unterstützung lokaler Bürgerwehren. So wie zuvor schon im Irak hatten die Extremisten mit ihrem Terrorregime selbst streng konservative Stämme verprellt. Al-Qaida hat den Bogen überspannt.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.09.2012)
BilderMord an Soldaten schockiert Großbritannien
Staatsbürgerschaftstest neuKönnten Sie Österreicher werden?
Zitate der Woche''Die Ehre lasse ich mir nicht abschneiden''
X-47BGroßdrohne hebt erstmals von Flugzeugträger ab
''Kim on Tour''Der Diktator als Pappkamerad
