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Japan: 28 Jahre Zeit für den Atomausstieg

14.09.2012 | 18:46 |  angela köhler  (Die Presse)

Die japanische Regierung beschließt das Ende der Kernkraft. Bis 2040 sollen alle Reaktoren stillgelegt und der Stromverbrauch um rund zehn Prozent gesenkt werden.

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Tokio. Bleibt es bei dieser Ansage, wird Japan in knapp drei Jahrzehnten endgültig ohne Atomenergie auskommen müssen. Am Freitag entschied die Regierung, in den 2030er-Jahren sei Schluss mit der Nuklearenergie. Die existierenden 54 Meiler dürfen nicht länger als 40 Jahre in Betrieb sein, neue Reaktoren sollen nicht gebaut werden. Damit würden alle Kernkraftwerke spätestens 2040 vom Netz sein.

Der Ausstieg würde zwar länger dauern als in Deutschland oder der Schweiz, wäre aber kaum weniger radikal. Bis zum Fukushima-Desaster deckte die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt ihren Strombedarf noch zu rund 30 Prozent aus AKW, nun soll der bislang zu vernachlässigende Anteil erneuerbarer Energien an der Gesamtversorgung in zwei Jahrzehnten auf ein knappes Drittel gesteigert werden. Gleichzeitig plant die Regierung den Stromverbrauch um rund zehn Prozent zu senken.

Anti-Kernkraft-Aktivisten feiern diese Umkehr als „Ende der Legende von der Unverzichtbarkeit des Atomstroms“. Masahi Ishikawa, einer ihrer Wortführer, jubelt: „Na also, geht doch!“ Er spricht von einem „großartigen Tag“ und von einem „Sieg über die unbesiegbar scheinende Atomlobby“. Japans lautstarke und demonstrationsfreudige Atomkraftgegner, die sich erst Ende August auf eine Grüne Partei einigen konnten, sind zwar noch immer organisatorisch in einer verschwindenden Minderheit, aber sie können sich auf eine schweigende Mehrheit der öffentlichen Meinung berufen.

 

Stimmung gegen Kernkraft

Glaubt man einer Umfrage der linksliberalen Zeitung „Asahi“, würden fast drei Viertel aller Wähler bei einem Volksentscheid für einen schrittweisen Atomausstieg votieren, zwei Drittel dafür sogar höhere Strompreise in Kauf nehmen, wenn mit dem Geld alternative Energien gefördert werden. Diesem Druck geben nun die Atomkraftbefürworter um Premierminister Yoshihiko Noda nach – erstmals seit den Studentenunruhen in den 1960er- und 1970er-Jahren wird auch in Japan wieder Politik auf der Straßen entschieden.

Immer mehr Japaner folgen nicht mehr der Verheißung „Wohlstand durch Atomkraft“, wie sie alle Regierungen seit 1945 gebetsmühlenhaft propagieren. Seit dem Schrecken von Fukushima hat sich der Widerstand rasant radikalisiert. Auch Japans derzeit bekanntester Schriftsteller, Nobelpreiskandidat Haruki Murakami, gehört zu den Kernkraftgegnern. „Wer in diesem Land die Sicherheit von Nuklearenergie infrage stellt, wird als unrealistischer Träumer abgestempelt, während die Regierung und die Atomkonzerne fast unwidersprochen die Effizienz und die Annehmlichkeit von Nuklearstrom in den Himmel loben dürfen.“

Bestätigt wurden die Sorgen der AKW-Gegner unlängst ausgerechnet durch den amtlichen Bericht zur Fukushima-Katastrophe. Ein „Desaster von Menschenhand“ ist es demnach gewesen, begünstigt durch Profitgier, Verlogenheit, Arglosigkeit, Unfähigkeit und Schlamperei. Auch wenn die Behörden bisher das Wort Super-GAU aus politischen Gründen vermeiden, das Fazit ist erschreckend: Nicht nur ist weit mehr Radioaktivität entwichen als offiziell zugegeben – die verseuchte Brühe schwappt noch immer massenweise durch die Anlage.

 

25.000 Millisievert pro Stunde

Derzeit weisen die im Internet zugänglichen Messwerte aus dem Reaktordruckbehälter von Block 2 Strahlenwerte von 25.000 Millisievert pro Stunde aus – ein Mensch würde unter diesen Bedingungen keine 60 Sekunden überleben. Frühestens in drei Jahren, so schätzen Experten vor Ort, wird man eine Sonde in den Reaktorkern schicken können, um diese Hölle zu erkunden.

Es ist also weiter Wachsamkeit geboten. Die Atomlobby ist in die Defensive geraten und wird auch dort bleiben, zumindest solange die Hiobsbotschaften aus Fukushima nicht abreißen. Deshalb sollten die japanischen Kernkraftgegner ihren Sieg nicht allzu heftig feiern. In Stein gemeißelt ist die Atomwende noch lange nicht, jedenfalls nicht bevor aus dem Kabinettsbeschluss ein verbindliches Gesetz wird.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.09.2012)

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1 Kommentare

Womit werden

dann die E-Autos der japanischen Auto-Konzerne angetrieben,die durch den Überschuß an Atomstrom entwickelt wurden?