Moskau. Nur weil der kleine Baltenstaat Estland das Image eines Musterschülers und ehrlichen Maklers (auch in der EU) hat, muss man die Ideen, die seine Volksvertreter von sich geben, nicht sofort glauben. Und doch ist an der Mutmaßung, die der estnische Verteidigungsminister Urmas Reinsalu dieser Tage von sich gab, zumindest theoretisch etwas dran. Mehrere Indizien, vor allem aber die am Montag begonnenen Militärübungen in Südrussland, würden darauf hindeuten, dass Kremlchef Wladimir Putin einen zweiten Krieg gegen seinen Nachbarstaat Georgien nach dem kurzen Feldzug im Jahr 2008 vorbereite.
Das sieht auch die russische Starpublizistin Julia Latynina so: Putin wolle anlässlich der Parlamentswahlen im Oktober in Georgien seinen dortigen verhassten Amtskollegen Michail Saakaschwili „nur zu gern an den Eiern aufhängen“, sagte sie. Die Hardliner im Kreml könnten sich zu einer Einmischung entscheiden. Sie und Putin nämlich, so Latynina, „brauchen dringendst einen kleinen siegreichen Krieg“.
Sollten die Falken unter den Strategen im Kreml tatsächlich an ein Szenario solcher oder ähnlicher Art denken, so käme das aufgrund ihrer Denke zwar nicht unerwartet. Aber der Versuch, eine mittlerweile als fragwürdig geltende Person mittels einer spektakulären Aktion zum vormaligen Helden im Inland zu restaurieren, geht mittlerweile doch offenbar an der Nachfrage vorbei.
Wie das Meinungsforschungsinstitut VCIOM neulich ermittelte, hören die Russen auf, ihren Präsidenten als „Helden“ wahrzunehmen. Auch laut Demoskopen des Lewada-Centers haben nur noch 48 Prozent einen positiven Eindruck von Putin. In den Jahren zuvor waren es deutlich über 60 Prozent. Ganze 25 Prozent (ein historisches Maximum) äußerten sich dezidiert gegen ihn. Eindeutige Sympathie haben nur 22 Prozent, weniger als halb so viel wie 2008.
Archaische Muskelspiele
Das muss noch lange nicht sein nahes Ende bedeuten. Aber „der Mythos von Putin, der als Held das Land von Problemen befreit, wirkt 2012 nicht mehr“, meinte dieser Tage der Politologe Dmitri Orlow zur Zeitung „Kommersant“. Gerade in den neuen repressiven Gesetzen sehen Beobachter einen Versuch, sich zu „archaisieren“ und konservativere Bevölkerungsschichten zu beeindrucken, so der Moskauer Politologe Kirill Rogow.
Auch Aktionen wie der jüngste Segelflug, mit dem Putin sechs weiße Kraniche lotste, werden als Versuch gedeutet, mit alter heroischer Pose zu punkten. Sich so die Liebe als „Anführer der Nation“ zurückzuerobern, werde nicht gelingen, meint Leontij Byzow, Soziologe der Akademie der Wissenschaften: Selbst seinen Stammwählern gefalle Putin als Persönlichkeit immer weniger, weshalb ihm nur bleibe, an „seine Unersetzlichkeit als Politiker zu appellieren“.
Über mehr als ein Jahrzehnt hatte Putin sich als Held der Nation geriert. Hatte gleich zu Amtsbeginn mit dem Krieg in Tschetschenien eine Plattform, um Stärke zu demonstrieren. Hatte mit Macho-Aussagen der Masse gefallen. Hatte mit dem Wirtschaftsboom das Geld, nach dem Gießkannenprinzip Unmut im Keim zu ersticken. Und er hatte einen Stil entwickelt, der selbst im Ausland für Respekt gesorgt hat – zumindest eine Zeit lang.
Dass 2012 Putins Glanz passé zu sein scheint, sage weniger über Putin, sondern mehr über den Zustand der Gesellschaft aus, wie Alexej Levinson, Soziologe des Lewada-Center, darlegt: Putin habe von 2000 an ein Jahrzehnt lang die Funktion des Integrativen erfüllt. Daher habe sich auch sein exorbitant hohes Rating von dem der meisten Staatschefs unterschieden. Nun aber würden 51 Prozent ihren vormaligen Helden erstmals „als gewöhnlichen Präsidenten wahrnehmen, der Dankbarkeit für Erfolge verdient, aber auch Verantwortung für ungelöste Probleme trägt“. 56 Prozent der von Lewada Befragten gaben an, müde von Putins Ineffizienz zu sein.
Kopfwäsche für Regierung
Putin ist kein Wunderwuzzi mehr, zumal er angesichts der flauen Konjunktur weitaus sorgfältiger budgetieren muss. Daher bietet sich die Volkswirtschaft als innenpolitisches Schlachtfeld an. Einen ersten Vorgeschmack auf künftige Grabenkämpfe und Frontverläufe gab es am Dienstagabend, als Putin coram publico über die Haushaltspolitik seines Kabinetts herzog. Putin warf der Regierung vor, seine auf drei Jahre angelegten Budgetentwürfe nicht zu berücksichtigen und umzusetzen – „aber sie müssen umgesetzt werden“.
Und auch auf der internationalen Bühne hat man einen neuen Buhmann gefunden: Wie gestern bekannt wurde, muss die US-Entwicklungshilfeagentur USAID mit Oktober ihre Tätigkeit in Russland einstellen. Begründung: Sie hätte versucht, die Wahlen zu beeinflussen und die Zivilgesellschaft durch Geldervergabe manipuliert.
Immer deutlicher zeigt sich, dass es Putin schwer fällt, sein Image an die neue Nachfrage anzupassen. Sein Bonus: Die Massendemonstrationen auf den Straßen gehen zurück, weil auch die Opposition nicht weiß, was sie Neues bieten könnte. Wie der relativ schwache Aufmarsch am vergangenen Samstag gezeigt hat, reicht eine Anti-Putin-Rhetorik als alleiniges Angebot bei Weitem nicht mehr aus.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.09.2012)
''Macho-Man'': Putin als Jäger, Angler und Herr der Lüfte




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