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In Lukaschenkos Reich geht die Paranoia um

21.09.2012 | 18:28 |  Von unserem Korrespondenten EDUARD STEINER (Die Presse)

Den Staatsapparat hat Verfolgungsangst erfasst. Der weißrussische Staatschef, der offenbar eine Palastrevolte fürchtet, sucht Hilfe beim KGB.

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Moskau/Minsk. Die Freiheit ist oft eine von sieben Minuten. Genau so viele waren vergangen, nachdem sich Viktor Martynowitsch in dieser Woche auf einer Parkbank in Minsk niedergelassen hatte. Der 35-jährige Dozent für Politikwissenschaft, so erzählt er der „Presse“, hatte drei Freunde aus Irland zu Gast. Mehr hat es nicht gebraucht. Weil die Viererrunde auf Englisch kommunizierte, sahen sich die patrouillierenden Polizisten nach sieben Minuten zu einer Kontrolle veranlasst: Was die Ausländer hier wollten, fragten sie barsch. Und überhaupt: Warum man hier Englisch spreche.

 

Bevölkerung unter Verdacht

Es ist nicht mehr nur Misstrauen, das in Weißrussland herrscht. Was im EU-Nachbarland grassiert, ist der Totalverdacht. Das ist nicht unbedingt verwunderlich bei einem Regime, das seit 18 Jahren mit eiserner Hand von Präsident Alexandr Lukaschenko regiert wird und international als Europas letzte Diktatur gilt. Aber die Verfolgungsangst im Staatsapparat hat mächtig an Fahrt gewonnen, nachdem am 19.Dezember 2010 tausende Bürger auf die damalige Präsidentenwahl mit einem Protestaufmarsch reagiert hatten. Lukaschenko ließ ihn brutal auflösen, steckte Aktivisten ins Gefängnis, ließ sie dort mit spezifischen Verhörmethoden zermürben und befindet sich seither in außenpolitischer Isolation. Im Inneren aber wurde die gestörte Beziehung zwischen Bürgern und Staatsapparat endgültig ausgestaltet: unten Totalangst – oben Totalverdacht.

 

Opposition boykottiert Wahlen

In dieser Atmosphäre am Sonntag Parlamentswahlen abzuhalten ist in etwa gleich formalistisch wie das Parlament selbst. Gesetze würden ohnehin von Lukaschenko selbst eingebracht, erklärt Anatoli Lebedko, Chef der oppositionellen Bürgerpartei, im Gespräch: „Wir haben daher unsere Kandidaten nur registriert, damit wir bei Wahlveranstaltungen unsere Botschaft verbreiten konnten.“ Gleich wie andere Parteien hat Lebedko seine Kandidaten dann kurzfristig zurückgezogen und zum Wahlboykott aufgerufen. Die Sicherheitsorgane reagieren mit Bürodurchsuchungen. Und am Dienstag wurde der Stand der regimekritischen Bewegung „Sag die Wahrheit“ überfallen, wurden Wahlkämpfer, Journalisten verprügelt und inhaftiert.

Hat der Staatsapparat schon die Basis in Generalverdacht, so Lukaschenko selbst den Staatsapparat nicht minder. Anders lässt sich nicht erklären, dass neulich zahlreiche Köpfe rollten. Vor allem das Innenministerium wurde durchkämmt. Lukaschenko ließ nicht nur einen Vizeminister verhaften und den Vizechef der Minsker Polizei in die Provinz versetzen, er entließ auch den Innenminister selbst und ersetzte ihn durch Igor Schunewitsch. Letzterer kommt aus dem Geheimdienst KGB und hat die Verhöre der inhaftierten Oppositionellen geleitet. „Schunewitsch ist die Schlüsselfigur der politischen Ermittlungen“, erklärt der weißrussische Politologe Viktor Demidow. Die Erfahrung aus dem KGB komme dem ganzen Apparat zugute, sagt Lukaschenko.

Teils wird das Köpferollen mit zu wenig Härte gegen die Demonstranten erklärt, teils mit Korruptionsvorfällen. Beobachter sprechen aber auch von der Angst des Diktators vor einer Palastrevolution oder gar einem Mordanschlag. Nicht zufällig hat Lukaschenko längst seinen älteren Sohn Viktor zum Sicherheitsberater berufen und ihm die Kontrolle über die Sicherheitsstrukturen übergeben. Das jüngste Köpferollen gilt denn auch als sein Werk. „Einige Altgediente wurden rausgeworfen, weil sie sich eher gegen Lukaschenko hätten verschwören können“, sagt Lebedko.

Auf einen Blick

Am Sonntag finden Parlamentswahlen in Weißrussland statt. Bei den Wahlen vor vier Jahren schaffte kein einziger Oppositionskandidat den Einzug ins Unterhaus. Die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) verurteilte damals die Wahl als „undemokratisch“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.09.2012)

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3 Kommentare

Eine Perle im Osten: Minsk

Die Hatz, mit welcher Weißrussland von der westlichen Medienwelt belegt wird, ist enorm. Das Land wird gezeichnet als ein riesiger Gulag, in welchem die Massen dahinvegetieren. Das entspricht keinesfalls der Realität. Sicherlich, Lukaschenko führt das Land mit seinem Staatsapparat und verfügt über mehr Macht als Regierungen in westlichen Ländern. Der eigentliche Grund des massiven Vorgehens gegen Lukaschenko: Ein Ausverkauf an westliche "Investoren" wird verhindert.
Minsk ist eine der beeindruckendsten Städte Europas, trotz Totalzerstörung im II. WK wurde die Stadt mit prächtigen Straßenzügen und großartigen Parkanlagen neu errichtet. Die Auslandsschulden des Landes sind winzig, für die Verteidigung werden nur etwas über 1% des BIP aufgewendet. Westlicher Kapitalismus kann nicht Fuß fassen, das verstört die Herrschaften des IWF und der EZB.
Wer dieses Land nicht kennt, dem sei eine Reise nach Minsk empfohlen!

Antworten Gast: Imperialist
23.09.2012 11:13
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Re: Eine Perle im Osten: Minsk

Genosse mandl ist ja ein IM des dortigen Propagandaministeriums. Und im Nu wird aus einem Terrorregime eines strohdummen aggressiven Kolchose-Diktators eine Perle.

10% der Bevölkerung hat bereits die weißrussische Perle verlassen. Justiz, Wahlen und freie Presse gibt es nicht, dafür aber die Gestapo und die SA, deren Gorillas die Menschen selbst in ihren eigenen Wohnungen überfallen und foltern.

Gast: ökono-mist
22.09.2012 23:03
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Do konnst jo Ongst krieg'n, wirklich wohr!


In Weißrussland ist die Paranoia offenbar eine singuläre Erscheinung.

In Öster-Reich hingegen verteilt sich die
Paranoia(-Infektionsgefahr) solide auf (mindestens) acht Schultern. Doch sie spitzt sich auch hierzulande zu (siehe nachstehende Tabelle):

Werner A.
Josef C.
Otto P.
KHK

Sollten Sie einer von diesen vier Personen zufällig begegnen, sollten Sie auf keinen Fall einen Plüsch-Teddybären dabei haben! (Von einem Fallschirm ganz zu schweigen!) Auch von Kröten-Sagern ist dringend abzuraten, auch wenn sie in manchen Fällen auf den ersten Blick - sowohl körpersprachlich als auch physiognomisch-optisch - indiziert erscheinen mögen...
Doch es gilt ja ohnehin die Menschlichkeitsvermutung. Die braucht man wenigstens nicht zu präzisieren...

P. S.: Jene, bei denen die Paranoia Oberhand zu gewinnen droht, sollten die "Wiener Zeitung" (neuerdings ein "Krone"-Submedium?) lesen, denn: andere mögen gerade am Grabe der österreichischen Demokratie weinen - doch im Amtsblatt der Republik ist die kleine österreichische Wunderwelt schon wieder heil!
(Jetzt brauchen s' nur noch eine Million aus Schweden zu erben, und/oder dem "Inseratenkanzler" begegnen, diese Reserveburgenländer, dann schreiben's nicht nur Frau Bures, sondern auch noch die Reblaus in den Himmel, diese Radlfohra...)