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Die Flüchtigkeitsfehler des Helmut Kohl

22.09.2012 | 15:33 |  von Wolfgang Böhm (DiePresse.com)

Vor 30 Jahren wurde Helmut Kohl deutscher Kanzler. Ein Politiker mit Gespür für den historischen Moment, aber nicht immer für das richtige Tempo. Den Fall der Berliner Mauer hat er fast verschlafen.

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Es ist der 9. November 1989: Der deutsche Kanzler befindet sich auf einem heiklen Staatsbesuch in Polen, wo die kommunistische Führung bereits angeschlagen ist. Es riecht nach politischem Umbruch. Helmut Kohl spürt die Bedeutung der Ereignisse, er will mitgestalten. Am frühen Nachmittag trifft er mit Lech Wałęsa zusammen, der eben die ersten – noch nicht völlig freien Wahlen – gewonnen hat. Der Vorsitzende der Solidarność spricht Kohl darauf an, dass angesichts der Fluchtwelle vieler DDR-Bürger die Berliner Mauer bald fallen könnte, und sagt forsch: „Da müssen Sie etwas vorbereiten. Hundertausende werden in die Bundesrepublik einreisen wollen.“

Unmittelbar nach dem Verlassen des Raums wendet sich Kohl seinen Beratern zu und sagt schmunzelnd: „Jetzt ist er vollkommen durchgeknallt.“ Ein Fall der Mauer, der am selben Abend Realität wurde, stand nicht am politischen Radar des Pfälzer Riesen. Kohl wusste freilich auch nicht, das sich die Lage in Ostberlin mit einem Mal verändert hatte. Die Delegation aus Deutschland hatte den Auftrag, in Warschau keine Telefone zu benutzen, weil es Ängste gab, vom polnischen Geheimdienst abgehört zu werden. Bei einer Pressekonferenz kamen dann seltsame Fragen über Ereignisse in Deutschland, die Kohl nicht einordnen konnte. Als der Kanzler am selben Tag bei einem Abendessen mit dem polnischen Ministerpräsidenten Tadeusz Mazowiecki saß, dramatisierte sich die Lage in Berlin. Später in der Nacht rief die Delegation dann doch daheim an. Der diensthabende Beamte im Außenministerium berichtete, dass etwas Seltsames im Fernsehen laufe: „Auf der Mauer tanzen Menschen.“

Helmut Kohl, der zum 30. Jahrestag seiner Amtsübernahme kommende Woche in Berlin als großer Europäer und Kanzler der deutschen Einheit gefeiert wird, hatte die Lage im Jahr 1989 vorerst völlig falsch eingeschätzt. Allerdings reagierte er dann umso rascher. Werner Weidenfeld, der als einer der engsten Berater Kohls mit in Warschau war, berichtet der „Presse am Sonntag“ von den dramatischen Stunden: „Am Morgen des 10. November legte Kohl noch einen Kranz im ehemaligen jüdischen Ghetto nieder, dann unterbrach er den Besuch, flog mit seinem engsten Stab nach Deutschland. An Bord der Maschine saßen Außenminister Hans-Dietrich Genscher, Vizekanzleramtschef Horst Teltschik, Kohls Bürochef Walter Neuer und auch Weidenfeld. Die Maschine bekam keine Landeerlaubnis für Berlin, Kohl musste in Hamburg auf ein Flugzeug des US-Botschafters umsteigen, um rasch nach Tegel zu gelangen. Er hatte Eile. Weidenfeld: „Kohl hat sich gedacht, es ist schon einmal ein Kanzler zu spät gekommen – nämlich Konrad Adenauer, als die Mauer gebaut wurde.“ Er wollte vor Ort sein, die Geschichte erleben, sie vertiefen, begleiten. „Helmut Kohl hatte ein Grundgespür für historische Weichenstellungen“, so Weidenfeld. Wenige Stunden nach dem Fall der Mauer sprach der Kanzler vor dem Schöneberger Rathaus: „Es ist ein historischer Augenblick für Berlin und für Deutschland. Wir alle stehen jetzt vor einer großen Bewährungsprobe.“
Er selbst hat die Bewährungsprobe bestanden. Helmut Kohl, dessen Beitrag für die deutsche Einheit die jüngst erschienene Biografie von Hans-Peter Schwarz noch einmal belegt, war 1989 innenpolitisch schwer angeschlagen. Seine Rede in Berlin wurde von Pfiffen begleitet. Vielleicht war es der Ärger über sich selbst, die Lage so falsch eingeschätzt zu haben, die ihn dazu drängte, angesichts des historischen Moments konsequent zu handeln. Er wuchs über sich hinaus, telefonierte sofort mit Gorbatschow, Bush und Mitterrand, nutzte die angeschlagene wirtschaftliche Lage in der DDR geschickt als Trumpf für die Herauslösung des Landes aus dem Ostblock.

Adrenalin. Wenige Wochen später wurde Kohl bei einem Auftritt in Dresden von 120.000 Menschen gefeiert. Die Pfiffe waren verstummt. Er hatte einen detaillierten Plan zur Wiedervereinigung in der Tasche. Der eben angeschlagene Kanzler gewann auf allen Linien: Mit der Wiedervereinigung sicherte er seinen Eingang in die Geschichtsbücher, mit seinem Durchsetzungsvermögen schuf er sich internationale Anerkennung und feierte eine innenpolitische Wiederauferstehung.
Die Dynamik der Wendejahre wurden Kohls politisches Adrenalin. Er reiste von einem Umbruchland in das nächste, forcierte die rasche Erweiterung der Europäischen Union, nahm die Worte „Vereinigte Staaten von Europa“ in den Mund und begeisterte sich für die Idee der Vollendung des europäischen Binnenmarkts mit einer gemeinsamen Währung. Den großen Wurf der Wiedervereinigung wollte er auf ganz Europa übertragen. 1991 sagte er im Bundestag: „Jemand, der davon ausgeht, man könnte die Währung ohne politische Union machen, irrt.“
Kohl sah auch hier den historischen Moment gekommen. Er wollte die Chance, die Europa durch die Wende entstanden war, nicht ungenützt vorbeiziehen lassen. Die gemeinsame Währung auf Basis einer weit engeren politischen Zusammenarbeit aller Mitgliedstaaten sollte der Schlussstein der Nachkriegsordnung werden. „Kohl interessierte dabei das Politische, ökonomische Details schob er hingegen beiseite“, erinnert sich Weidenfeld. Viele Ökonomen hatten den Kanzler gewarnt, dass der Umtauschkurs der Ostmark zur D-Mark mit einem Wert von 1:1 ein Fehler wäre. Er tat es trotzdem.

Als die Gründung der Währungsunion anstand, mangelte es ebenfalls nicht an Warnungen: Der Volkswirtschaftler und CDU-Politiker Kurt Biedenkopf sprach von einem fatalen Teufelskreis, sollten auch Länder wie Italien oder Spanien von Beginn an in die Währungsunion eintreten.
Kohl hatte erneut die historische Chance vor Augen. Er saß außerdem der Fehleinschätzung auf, dass mit der Durchsetzung einer unabhängigen Europäischen Zentralbank nach Muster der Deutschen Bundesbank die Stabilität der künftigen Währung abgesichert sei. „Die Risiken des Staatsbankrotts eines oder mehrerer Mitgliedsländer der Wirtschafts- und Währungsunion liegen außerhalb des Vorstellungshorizonts von Kohl, Mitterrand und Delors, übrigens auch außerhalb der Erwartungen jener zahlreichen kritischen Ökonomen, die eine Währungsunion für sehr riskant halten und dabei in erster Linie an die Inflationsgefahr denken“, schreibt der Zeithistoriker Hans-Peter Schwarz in seiner Biografie über den Kanzler. Kohl und sein damaliger Finanzminister Theo Waigel setzten zwar als weitere Absicherung den Stabilitätspakt durch, der alle Teilnehmerländer zu einer Defizitgrenze von drei Prozent des BIP und einer Staatsschuldenquote von maximal 60 Prozent des BIP verpflichtete. Dem Widerstand gegen automatische Sanktionen im Fall des Paktbruchs gaben sie bei den Verhandlungen in Dublin nach.

Verzicht auf politische Union. Heute sagt Biedenkopf, der in den 1990er-Jahren zu einem der parteiinternen Widersacher Kohls wurde: „Schon während der Verhandlungen zum Stabilitätspakt war deutlich geworden, dass die meisten Länder eine strikte Sparpolitik und Haushaltsdisziplin als Einmischung in ihre politische Souveränität ablehnten. Kohl konnte nicht ernsthaft darauf hoffen, dass die Stabilitätskriterien eingehalten würden.“

An der politischen Union hielt Kohl als Voraussetzung für die Währungsunion nicht mehr fest. In Deutschland und Frankreich waren die Vorstellungen darüber zu unterschiedlich. Sie sollte nachgeliefert werden. Und noch einen Fehler beging Kohl: Er lies sich bei den Verhandlungen zum EU-Maastrichtvertrag auf eine „irreversible“ Lösung ein. Ohne seinen Finanzminister Theo Waigel und Bundesbankchef Hans Tietmeyer zu informieren, stimmte er einem italienisch-französischen Vorstoß für ein unwiderrufliches Inkrafttreten der Währungsunion am 1. Jänner 1999 zu. Damit war der politische Druck da, den Euro zu realisieren, gleich ob die fiskalen Voraussetzungen ausreichend erfüllt wurden. Tietmeyer später: „Ich gestehe, dass ich damals mit dem Kopf geschüttelt habe.“ Der Termin, so Zeithistoriker Schwarz, „war Kohl wichtiger als die Kriterien“.

Freilich war Helmut Kohl mancher Mangel bewusst. Nach den Verhandlungen in Maastricht räumte er vor dem Bundestag ein, dass er sich mehr Fortschritte bei der politischen Union gewünscht hätte. Noch hoffte der agile CDU-Politiker, selbst die Korrekturen vornehmen zu können. In seinem historischen Übermut hatte er jedoch seine eigene politische Halbwertszeit übersehen. Mitte der 90er-Jahre verlor er an innenpolitischem Gewicht und schließlich die Wahlen 1998. Nachfolger Gerhard Schröder trug dazu bei, dass die unperfekte Konstruktion des Euro mit einem unsanktionierten Bruch des Stabilitätspakts offensichtlich wurde.  Theo Waigel verteidigt deshalb das historische Werk Kohls: „Beim Euro sind nicht Geburtsfehler zu verzeichnen, sondern schwere Erziehungsfehler in den Flegeljahren.“

Die Presse, Print-Ausgabe, 23.09.2012

Zeitpunkte
1. Oktober 1982. Nach einem Misstrauensvotum gegen die SPD-FDP-Regierung unter Helmut Schmidt wird Helmut Kohl (CDU) deutscher Kanzler. 9. November 1989. Der Fall der Berliner Mauer: Helmut Kohl befindet sich zu diesem Zeitpunkt auf Staatsbesuch in Polen. 3. Oktober 1990. Die Deutsche Wiedervereinigung ist abgeschlossen. Sie trägt die Handschrift von Helmut Kohl. 10. Dezember 1991. Helmut Kohl stimmt in Maastricht einem neuen EU-Vertrag zu, der die Währungsunion fixiert. Auf seinen Plan für eine politische Union verzichtet er.

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11 Kommentare

Kohl war einer der letzten großen!

leider hat er das Angebot Gorbatschows ausgeschlagen, das Kaliningrader Gebiet (Ostpreußen) von der Sowjetunion zurückzukaufen.

Re: Kohl war einer der letzten großen!

ob er allerdings die Größe hatte, das wird die Geschichte zeigen.
Jedenfalls eines hat er gut verstanden Leute die ihm gefährlich werden konnten auszuschalten.
Biedenkopf-Geißler-Späth und noch enige Andere.
Wenn F.J.Strauss noch gelebt hätte, er war Finanzfachmann und gleichzeitig der Politiker mit dem größten Verstand für Wirtschaft, er hätte die Wirtschaft in der ehem. DDR nicht komplett platt gemacht. Das hatte auch der erste Treuhandchef Rowedder nicht vor. Das geistige Kapital war mehr wert als das Geld das bezahlt wurde.
Kohl war nur Politiker, ehrlich zu seinen Partner in Europa aber ein Machtmensch.
Das gerade zu der Zeit Gorbatschow das Sagen hatte in Russland, das war das eigentliche Glück. Er ist im Sternzeichen Fisch gebohren. Nur Menschen die in diesem Sternzeichen gebohren sind, haben die Weitsicht für nicht aufzuhaltene Entwicklungen in der Zukunft und die menschliche Größe das auch durchzuziehen.
Margaret Thatcher war gegen eine Eingliederung in die BRD sie wollte den Status Quo aufrechterhalten.
Das gute Verhältnis zwischen Frankreich-Deutschland-USA hat anscheinend den Ausschlag gegeben für die Zustimmung von Thatcher.
Welche Zugeständnisse seitens Kohl tatsächlich gemacht wurden, wird man wohl nie erfahren.

Einer der verantwortungslosen Urheber

der heutigen Misere!

Re: Einer der verantwortungslosen Urheber

andrerseits gaebe es ohne ihm auch kein vereinigtes Deutschland. Nobody is Perfect, aber er war im Gegensatz zu anderen Politikern noch einer der besten

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Re: Einer der verantwortungslosen Urheber

Genau einer der sich selbst ein Denkmal setzen wollte und den wirtschaftlichen Untergang Europas eingeleitet hat.

Gast: Sepp Adenauer
23.09.2012 14:29
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Die Kernfrage

Die Kernfrage war die NATO. Leider hat Kohl nur auf seine atlantischen Dienstherrn gehört. Gorbatschow, der als einziger der vier Siegermächte den Deutschen Entscheidungsfreiheit liess war strikt für ein neutrales, friedliches, starkes Deutschland und ein Europa das am Pazifik endet. Die Atlantiker wollten ein künfiges Angriffsbündnis und nahmen Russland in den Zangengriff. Das Versprechen dass die NATO nicht nach Osten erweitert wird, war wenige Wochen später schon Makulatur.

Antworten Gast: Der mit der Wölfin tanzt
24.09.2012 10:09
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Re: Die Kernfrage

Was Sie da erzählen, hatte einst schon Stalin Deutschland angeboten. Jedoch ist Neutralität, im Englischen "splendid Isolation" (selbst gewählte Isolation!) genannt, nicht das Nonplusultra, schon gar nicht, wenn sie einem von außen aufgedrängt wird. Daher haben es die Deutschen damals abgelehnt neutralisiert zu werden. Und das zu Recht. Die Westbindung war wichtig, der Natobeitritt dann logische Folge genauso wie die Gründung der Montanunion, aus der die EU hervorgegangen ist. Abgesehen davon hätte es auch heute nie und nimmer eine Mehrheit in der Bevölkerung für ein neutralisiertes Deutschland gegeben. Zudem könnte Deutschland aus seiner jetzigen Position heraus auch gar nicht mehr neutral sein, dazu ist es viel zu wichtig als politisch-militärische Mittelmacht, Wirtschaftsgroßmacht und europäische Drehscheibe.

speed kills....

wiedermal: statt EWWU kompakt und klug zu gestalten, ist der Termin wichtiger, um einen vermeintlichen Wahlkampftrumpf ausspielen zu können. Gestochen hat der 98 bekanntlich nicht. Wehret den Anfängen von Demagogie!

Gast: Nebelkerzerl
22.09.2012 21:54
0 0

bissi Recherche


http://de.wikipedia.org/wiki/American_Council_on_Germany

Zitat
Die Hauptaufgabe und Ziel der US-amerikanischen Außenpolitik und des American Council on Germany offenbarte der US-Diplomat und Vorstand des ACG, John C. Kornblum erst kürzlich (2010) im Gespräch mit der Atlantik-Brücke: „Der Kernpunkt unserer Europapolitik seit 1910 war, Deutschland in seine europäische Umgebung einzubetten. Dieses Problem war für die Vereinigten Staaten 1990 erledigt.“ [4][5]

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Kohl...

Ein großer Kanzler und ein Visionär, aber auch ihm blieb das Schicksal deutscher Kanzler nach 45 nicht erspart: Bei seinem Herzensanliegen (Europa) voller Enthusiasmus in die falsche Richtung marschiert. Was wären uns für Probleme erspart geblieben wenn man die Situation Anfang der 90er besser eingeschätzt hätte...

Gast: guest455
22.09.2012 20:27
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Ostmark zu D-Mark war 3:1

Der Umtauschkurs war 3:1;
1:1 wurden die Gehälter rund Löhne und die laufenden Kosten umgerechnet