Wien/Teheran. Die Bediensteten der iranischen Nuklearanlage in Natanz waren wohl wie vom Donner gerührt: Mitten in der Nacht begannen mehrere Computer aus heiterem Himmel den Kracher „Thunderstruck“ der australischen Rockband AC/DC zu spielen, und das noch dazu bei voller Lautstärke. Auch Hacker, die das iranische Atomprogramm attackieren, haben offenbar Humor.
Der im Juli bekannt gewordene Vorfall ist nur einer der jüngsten in einer langen Reihe von Cyber-Angriffen, die den Iran in den vergangenen zwei Jahren getroffen haben – und die bekannt wurden. Einige der elektronischen Schädlinge dürften über USB-Sticks eingeschleust worden sein, andere fanden via Internet ihren Weg auf iranische Rechner.
Das Internet ist somit für das Regime eine doppelte Bedrohung: einerseits durch die Cyber-Angriffe, andererseits als Mittel der Opposition, sich gegen die Führung zu vernetzen, wie es während der – letztlich gescheiterten – grünen Revolution 2009 geschah.
Intranet statt Internet
Das Regime reagierte mit harten Zensurmaßnahmen, doch das reichte offenbar nicht aus: Teheran will nun mit Plänen ernst machen, sich vom Internet abzukoppeln und stattdessen ein eigenes, landesweites Intranet aufzubauen, wie Ali Hakim-Javadi, der stellvertretende Minister für Kommunikation und Technologie, am Sonntag bestätigte. Zunächst werden Google und dessen E-Mail-Dienst „gmail“ bis auf Weiteres abgeschaltet, hieß es. Zudem seien bereits in den vergangenen Tagen alle Regierungs- und offiziellen Stellen an ein rein „nationales Informationsnetzwerk“ angeschlossen worden. Der Rest des Landes soll im Laufe des Jahres 2013 folgen.
Alexander Klimburg, Cyber-Security-Experte am Österreichischen Institut für Internationale Politik (OIIP), sieht darin innenpolitische Gründe: „Mit den Cyber-Angriffen hat das wahrscheinlich nichts zu tun, da bietet ein eigenes Intranet keinen Schutz. Es hat aber viel zu tun mit einer verstärkten Kontrolle über die eigene Bevölkerung.“ Immerhin würde es solche Pläne im Iran bereits seit drei, vier Jahren geben.
Also schon vor dem „digitalen Erstschlag“ durch den 2010 bekannt gewordenen Wurm Stuxnet.
Wohl nicht zufällig soll das iranische Netz 2013 fertig sein, rechtzeitig vor der Wahl eines Nachfolgers von Präsident Mahmoud Ahmadinejad, dessen vermutlich gefälschte Wiederwahl die Proteste 2009 entzündete. Eine weitgehende Abkopplung vom Internet würde die Möglichkeiten der Opposition empfindlich schwächen, Demonstrationen zu organisieren und an wichtige Informationen auf ausländischen Websites zu gelangen.
„Nun gibt man die Prämisse auf, dass erlaubt ist, was nicht verboten wurde. Mit einem abgeschotteten Netz ist alles verboten, was nicht explizit erlaubt ist“, sieht Experte Klimburg einen Paradigmenwechsel im Umgang des Regimes mit dem Internet. Wobei er sich sicher ist, dass Dissidenten, etwa über sichere VPN-Verbindungen, „immer eine Möglichkeit finden werden, solche Maßnahmen zu umgehen“. Hierbei gebe es auch Unterstützung aus den USA.
Katz-und-Maus-Spiel
Und so geht das Katz-und-Maus-Spiel munter weiter: Auf der einen Seite Oppositionsaktivisten, die mit Proxy-Servern (zur Verschleierung der Identität), VPN und „Filterbrechern“ die Zensurmaßnahmen umgehen, auf der anderen Seite eine laut Regimeangaben in die Zehntausende gehende „Cyber-Armee“, die den Regimegegnern im Internet nachspürt und sich in ihre Rechner hackt.
Ein prominentes Opfer einer Internetsperre steht jedenfalls schon fest, wie das Magazin „Wired“ süffisant anmerkte: Der oberste religiöse Führer des Iran Ali Khamenei. Botschaften wie „Die Konfrontation des Islam mit den arroganten Mächten unserer Zeit wird zweifellos mit einem Sieg des Islam enden“, wird er künftig nicht mehr über den Kurzmitteilungsdienst Twitter verbreiten können.
Der Iran will sich bis 2013 weitgehend vom Internet abkoppeln und ein eigenes Intranet einrichten. Schon bisher gab es harte Restriktionen: Vor der Parlamentswahl im März wurden viele Websites gesperrt, Betreiber von Internet-Cafés müssen Gäste und deren Aktivitäten registrieren. Eine „Cyber-Armee“ regimenaher Aktivisten überwacht Oppositionsseiten und hackt sich in Rechner von Regimegegnern.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.09.2012)
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