[NEW YORK] Das Boulevardblatt aus dem Hause Rupert Murdochs stellte sich bei Irans Präsidenten Mahmoud Ahmadinejad mit einem Präsent ein. Unter dem flapsigen Titel „Shalom and Welcome, Ajad" ließ die „New York Post" ihm einen Geschenkkorb jüdischer Spezialitäten zukommen: Bagels, Gefilte Fish, Borschtsch, Käse von Zabar's, Tickets für eine Broadway-Show, einen Prospekt des Holocaust-Museums, einen Untersuchungsbericht zum 9/11-Terror - all dies passend zu Jom Kippur. Am Mittwoch begingen Juden den Versöhnungstag, den höchsten Feiertag.
Vor den Barrikaden seines Hotels und der UN-Zentrale bot sich das übliche Ritual dar: Pro- und Anti-Iran-Demonstranten schrien sich im Herzen der größten jüdischen Metropole der Welt die Seele aus dem Leib. Der Paria der Weltgemeinschaft - nach dem Tod Osama bin Ladens und Muammar al-Gaddafis Feindbild Nummer eins - war zur Abschiedstour mit großer Entourage, einer Flugzeugladung voller Hofstaat und Claqueuren, in New York eingefallen.
Es ist Ahmadinejads letzte Stippvisite vor dem UNO-Forum, Mitte nächsten Jahres endet seine zweite und letzte Amtszeit. Und er nahm seine letzte Gelegenheit auf der Weltbühne wahr, um mit seinen wohlbekannten gezielten Provokationen die größtmögliche Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.
Isoliert und im Visier
Innenpolitisch immer stärker isoliert, außenpolitisch als notorischer Brandstifter gezeichnet, wegen des Atomprogramms im Fadenkreuz des Westens und geschwächt durch die Wirtschaftssanktionen der USA und der EU, spulte der iranische Präsident in Serieninterviews seine Leier herunter. Er suchte sein Heil in der Offensive - ein Propaganda-Spektakel der Extraklasse.
„Ich liebe alle Menschen in den USA", ließ er einen verdutzten CNN-Moderator Piers Morgan wissen. In seiner irrlichternden Rede vor der UNO richtete er sich vor einem halb leeren Plenum an die „Brüder und Schwestern" in aller Welt, an die „Brüder Adams".
Er sprach mit silberner Zunge, beschwor Friede, Einheit und Harmonie, Gerechtigkeit und die Prinzipien der Humanität, als würde er sich für den Lorbeer eines Friedensnobelpreises bewerben. Das Podium der UNO funktionierte er wie weiland Gaddafi zur Predigerkanzel um. Düster raunte er von den „Kräften der Zerstörung", dem Übel des Kapitalismus und Neokolonialismus. Die westlichen Diplomaten saßen auf Nadeln, um wie auf Stichwort aus Protest das Plenum zu verlassen. Ahmadinejad hatte sein Pulver allerdings bereits im Vorfeld verschossen.
Hasstiraden und Liebesschwüre
Hasstiraden und erratische Liebesschwüre - dies war seine Strategie, um einen Keil zwischen die traditionell eng Verbündeten USA und Israel zu treiben, die Kluft zwischen US-Präsident Barack Obama und dem israelischen Premier Benjamin Netanjahu in der Frage eines potenziellen Militärschlags gegen Teheran zu verbreitern. In seiner Rede drehte er das Bedrohungsbild um: Nicht der Iran stelle eine Bedrohung für die Welt dar, der „Gottesstaat" werde vielmehr selbst von seinen Feinden bedroht.
Der 56-Jährige plädierte vage für eine neue Weltordnung, er gerierte sich als Advokat der Palästinenser und als Eiferer gegen „unzivilisierte Zionisten". Israel bezeichnete er als Fremdkörper, es habe keine Wurzeln in der Region geschlagen - und ignorierte so die jüdische Historie. Der jüdische Staat habe die USA gleichsam in Geiselhaft genommen. Solcherart bestätigte er seine Reputation als Antisemit. In der Vergangenheit hat er Israel mit seiner vergifteten Suada überzogen, dem Judenstaat mal das Existenzrecht abgestritten, mal den Holocaust geleugnet.
Mursis Debüt
Die Drohungen Netanjahus mit einem Angriff gegen die iranischen Nuklearanlagen hatte er zuvor selbstsicher als „Bluff" abgetan. Im gegenteiligen Fall sei der Iran zum Vergeltungsschlag bereit. In Interviews schwadronierte Ahmadinejad von einer friedlichen Lösung in Syrien unter seiner Vermittlung, eine militärische Unterstützung für den Verbündeten in Damaskus stellte er energisch in Abrede.
Während der professionelle Provokateur Ahmadinejad seine Abschiedsvorstellung vor der UNO gab, feierte der ägyptische Präsident Mohammed Mursi sein Debüt. Drängendstes Problem sei die Palästinenserfrage. Es sei Zeit, dass die Palästinenser die „Früchte von Freiheit und Würde" ernteten. Die USA hatte er schon vorher an ihre Verpflichtung erinnert, sich an das Friedensabkommen von Camp David zu halten. Sein Kommentar zum Disput um das Mohammed-Video: Meinungsfreiheit erfordere Verantwortungsbewusstsein.
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