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Gyurcsány: "Viktor Orbán ist ein Putinist"

28.09.2012 | 18:25 |  von PETER BOGNAR (Die Presse)

Ungarns Ex-Premier Gyurcsány kritisiert nicht nur seinen Nachfolger, sondern auch die Bevölkerung: Ungarn sei eine halb feudale, staatsgläubige Gesellschaft.

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Die Presse: Was finden Sie gut an der Politik der Regierung von Viktor Orbán?

Ferenc Gyurcsány: Das Überholverbot für Lkw auf Autobahnen.

Ist das alles?

Vielleicht noch das Rauchverbot in den Gastronomiebetrieben.

Und die Wirtschaftspolitik der Regierung? Gibt es da nichts, mit dem Sie einverstanden sind?

Nichts! Die Wirtschaftspolitik der Regierung ist schauerlich. Es ist ganz offensichtlich, dass Ungarn sich in der Sackgasse befindet. Die Frage ist nur, ob Orbán seine Wirtschaftspolitik bis ans bittere Ende fortsetzt, also ob Ungarn wirklich gegen die Wand fahren wird.

Sie kritisieren Orbáns Wirtschaftspolitik. Doch hat auch die Linke keine Rezepte zur Bewältigung der Krise parat, weder in Ungarn noch anderswo.

Niemand hat heute ein taugliches Rezept parat. Doch kommen wir auf die Probleme in Ungarn zurück. Die Misere des Landes sehe ich heute einerseits darin, dass die Auslandsinvestoren einen weiten Bogen um Ungarn machen, andererseits darin, dass der Inlandskonsum dramatisch schrumpft. Viele Ungarn versuchen, ihr Geld über die Grenze zu retten. Im Burgenland etwa stehen die Ungarn in den Banken Schlange, um Konten für ihre Ersparnisse zu eröffnen. Sie trauen ihrer eigenen Regierung nicht mehr. Das Grundproblem der Wirtschaft liegt darin, dass Viktor Orbán schlicht und einfach nicht an die Eigeninitiative glaubt. Er glaubt ausschließlich an die Allmacht des Staates. Deshalb ist er in meinen Augen auch ein Putinist.

Warum hat Orbán noch immer einen so großen Zuspruch in Ungarn?

Die ungarische Gesellschaft ist eine halb feudale Gesellschaft. Sie ist durch und durch staats- und obrigkeitsgläubig. Die Mehrheit der Ungarn begibt sich lieber in persönliche Abhängigkeiten, als dem Gesetz zu vertrauen. So ist vielleicht auch der Deal zu verstehen, den Orbán mit der Gesellschaft geschlossen hat: Wohlstand gegen Freiheit. Diesen Deal hat seinerzeit auch das kommunistische Kádár-Regime mit der Gesellschaft geschlossen. Ich muss hier natürlich hinzufügen, dass Orbán auch mit Talent und Charisma gesegnet ist, und er versteht die ungarische Volksseele zu bedienen wie kein anderer. So geht er sehr bewusst daran, menschliche Gefühle wie Niedertracht, Neid und Egoismus für seine Politik zu instrumentalisieren.

Gibt es überhaupt keinen gemeinsamen Nenner bei Linken und Rechten?

Nein, selbst in Grundfragen nicht. Die Gegensätze sind heute unüberbrückbar. Das ist zweifellos auch das Grundübel dieses Landes. Einige Beispiele: Während die Regierung den Nationalstaat in den Vordergrund rückt, tun wir das mit dem Vereinten Europa, während die Regierung an die Allmacht des Staates glaubt, glauben wir an die freie Marktwirtschaft, während die Regierung daran arbeitet, ein Einparteiensystem aufzubauen, befürworten wir den Pluralismus, während die Regierung vor der Globalisierung Angst hat, sehen wir in ihr große Möglichkeiten. Solange Orbán und die Rechte eine autoritäre und antidemokratische Politik verfolgen, kann es keine Gesprächsbasis geben.

Wie kann die linksliberale Opposition die Regierung Orbán bei den Parlamentswahlen 2014 besiegen?

Indem sie sich zusammenrauft und eine Allianz bildet. Schon jetzt haben die drei demokratischen Parteien im Parlament (Gyurcsánys Demokratische Koalition DK, die Sozialisten MSZP und die Ökopartei LMP; Anm. d. Red.) in den Umfragen eine knappe Mehrheit gegenüber der Regierungspartei Fidesz.

Jedoch zeigen die anderen beiden linksliberalen Oppositionskräfte keine Bereitschaft, eine Allianz einzugehen.

Die LMP ist als Anti-Gyurcsány-Partei gestartet. Sie bringt leider noch immer die demokratischen Debatten während meiner Regierungszeit (2004–2009) mit der heutigen Notwendigkeit durcheinander, die antidemokratische Regierung zu besiegen. Bei den Sozialisten wiederum ist ein junger Politiker an der Spitze (Attila Mesterházy; Anm.), der jedes Mal den Ministerpräsidenten sieht, wenn er morgens in den Spiegel schaut.

Wie beziffern Sie die Chancen einer Oppositionsallianz?

Ich glaube zwar zu 100 Prozent an eine Allianz, jedoch stehen die Chancen derzeit nur bei 40 Prozent, das sie zustande kommt. Noch sind die Gegensätze zu groß.

Sie haben jüngst Ex-Premier Gordon Bajnai (2009–2010) als Spitzenkandidaten einer Oppositionsallianz ins Spiel gebracht, warum gerade ihn?

Weil er talentiert ist, viele Wählersympathien hat und parteiunabhängig ist. Er muss es aber auch unbedingt wollen. Er ist noch nicht an diesem Punkt angelangt.

Sie sind im Vorjahr aus der MSZP ausgetreten. Welche Ziele hat Ihre Partei?

Wir wollen 2014 bei den Wahlen acht bis zehn Prozent der Wählerstimmen erlangen, 2018 sollen es dann schon 15 bis 20 Prozent sein. Unser Fernziel ist es, zu einer großen Mitte-links-Partei zu werden.

Zur Person

Ferenc Gyurcsány, 51, war zwischen 2004 und 2009 Premier einer linksliberalen Koalition. Berühmt wurde er durch die „Lügenrede“ 2006, als er eingestand, die Ungarn jahrelang belogen zu haben. 2011 kehrte er den Sozialisten (MSZP) den Rücken und gründete die Demokratische Koalition.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.09.2012)

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45 Kommentare
 
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Gast: attila
17.10.2012 18:19
0 0

Eigentor

Sehr gut,Genosse Gyurcsány,Ihre Werte lehnen die richtigen europäer ab!Und auch die meisten Österreicher.Gott sei Dank!

Gast: Mikegeorg
12.10.2012 23:24
1 0

Stalinisten reloaded

Hr. Gy. ehemaliger kommunistische Spitzenfunktionär der KP-Jugenorganisation spielt auf Klaviatur der stalinistischen Propaganda sehr geschickt: die eigene Fehler anderen vorwerfen, usf. Wie weit die westeuropäische Presse da mitgespielt hat zeigte bloß Defizit an journalistischer Ethik auf. Denn Rückgrat ist keine Stärke des zeitgenössischen österreichischen Journalismus.

Ps. Bin begeisterter Österreicher und schäme mich, was da gegen Ungarn veranstaltet wird.

Gast: Spinoza
08.10.2012 20:16
0 0

wo

ist denn die Passage mit den Aussagen über Ozd?
Wie war das doch gleich mit der Meinungsfreiheit ?

Gast: rixxtka
01.10.2012 09:02
0 0

Gyurcsnay ist ein Stalinist...

..dessen sozialistische Lügenpartei mit Lügen die 2 Regierungsperioden vor Orban gewann. Damals war ihm das von ihm nun so bezeichnete minderwertige Volk der Ungarn gut genug als Stimmenbeschaffer. In Gy's Aussagen zeigt sich der antidemokratische und elitäre Machtwillen aller Kommunisten seit Lenin und Stalin; denn auch Lenin konte seine Macht nur mittels Terror und Einschüchterung an sich reißen, wie es Gy mit seiner Prügelsodateska 2006 versuchte, als die Ungarn gegen den Wahlbetrüger Gy demonstrierten. Wenn das Volk diesen Wahnsinn dann an der Urne bestraft, beschimpfen es die Mächtigen.

Gast: benedek.anna67@gmail.com
30.09.2012 22:29
1 0

benedek.anna67@gmail.com

Es tut mir leid, aber ein nieauvoller Zeitung würde mit so einer Geisterkranker Schrott keine Artikel drücken!! Machen Sie sich selbst lächerlich!
Wenn doch nicht das, der richtige Grund were...kann nur ein diches Umschlag im Spiel von Herren :Ratte sein...!In diesen, schönen, heiligen Österreich wie kann das passieren???
Weil warscheinlich auch ihnen nichts mehr heilig ist!

6 2

Gerade ER?


Warum gab man Orbán keine Stimme, als Gyurcsány das Land ausraubte?

Wie kommt ein Kapital-Kommunist dazu, auf Eigenverantwortung der Menschen zu pochen (das wäre ja überhaupt etwas ganz neues in der Sozial-EU)?

Wie kommt der Links-Propagandist dazu, es zu bedauern, dass Investoren Ungarn meiden, gehört er ja selbst zu den Hauptverursachern konzertierter, linker Lügenpropaganda über Ungarn in der EU und auch international?

Dass er "Internationalist" ist, ist ja klar, denn dies war für den Marxismus-Leninismus nach dem Prinzip der Zerstörung der "bürgerlichen" Familienstruktur das zweitwichtigste Thema: Zerstörung der Nationen, Aufgabe ihrer Identitäten und letztlich die Herrschaft des Proletariats (bzw. der Proleten). Geschafft haben es die Sowjets nie.

Nun: die EU hat diese Prinzipien übernommen und kann daher nur mit Angriffen gegen auf Freiheit pochende Länder wie Großbritannien, Tschechien, Polen und Ungarn reagieren, und mit übler Propaganda.

Hier schließt sich der Kreis.

Gast: technischerDienstleister
29.09.2012 19:53
2 1

Dieser Mensch

hat als Premier sein Land so schamlos vekauft und so fette Kuverts an Bestechungsgeldern ausländischer Konzerne höchstpersönlich eingesteckt, daß es ein Wunder ist, daß er noch frei herumläuft

Ich bin kein Fan von Orban, und gott behüt kein Fan seiner rechtsradikalen Koalitionspartner

sondern als linker Mensch bin ich erschüttert, was alles unter dem Fähnchen der Sozialdemokratie passiert und herumläuft

Und ich will kein höhnisches "Ah, früh kommst' drauf" irgendwelcher rechten Poster lesen. Denn so jemanden hätten die Sozialdemokraten früher eigenhändig im Hinterhof verscharrt

Leider haben sich die Zeiten massiv zugunsten von Korruption und Verrat am Bürger geändert

4 1

Re: Dieser Mensch


Orbáns Koalitionspartner sind nicht die Rechtsradikalen, sondern die christlich-konservative KDNP.

Aber der ORF und andere Medien schaffen es leicht, irrwitzige Lügen über Orbán zu verbreiten, indem man z.B. jeden Bericht mit einem Bild von den Rechtsradikalen Garden unterlegt, welchen Gyurcsány freie Hand gab (unter ihm geschahen reihenweise Morde an Cigány-s) und Orbán sie verbieten ließ.

1 3

Gyurcsányi ist schuld an den Roma-Morden?

Und die Jobbik-Garden treten trotz "Verbot" weiter auf! Willkommen im Stadium der selektiven Wahrnehmung.

Gast: Spinoza
29.09.2012 18:59
0 3

da

hat sich aber mal einer seinen Frust von der Seele geredet.
Klar muss er die Bevölkerung kritisieren, sehen doch die meisten Ungarn in ihm nur noch einen "hanswurst"
der durch irgendwelche spektakulären Aktionen Aufmerksamkeit erregen möchte.

Gast: Schlaubi
29.09.2012 18:04
4 1

Gyurcsány war der größte Schädling in Ungarn seit Jahrzehnten

Die Bevölkerung hat ihn und seine Ex-Kommunistische Partei mit Recht abgewählt.

Antworten Gast: Sisi
29.09.2012 18:54
1 1

Re: Gyurcsány war der größte Schädling in Ungarn seit Jahrzehnten

Auf dem Bild ist der Gyurcsány so süüüüß,sorry ich muss kotzen...

Gyurcsány

Gyurcsány und Co haben Ungarn schon 2008 in die Lethargie gestoßen - mögen sich solche Umverteilungskünstler doch endlich ruhig verhalten und weiter in ihrem Eckerl büßen .


der mann ist in wahrheit kein "sozialist" sondern ein marktliberaler schellhornist...

... aber da ja haß blind macht, überschlagen sich die presse-freaks hier vor empörung, dass dieser "sozi" so freundlich behandelt wird. sie übersehen nur, dass der typ mit seiner marktanbetung und dem gejammer, dass die ungarn so staatsgläubig wären, fleisch von ihrem fleische ist. mit dem an der spitze wars kein wunder, das die linke den bach runter geht.

Ungarns Ex-Premier Gyurcsány ist ein Jelzinist

Ungarns Ex-Premier Gyurcsány hat Ungarn an die Großfinanz verschachert und dem Land mehr geschadet als die Kommunisten.

Gast: mens sana
29.09.2012 12:21
7 2

Da redet der richtige...

Bekanntlich ist ja Gyurcsanyi ein bedeutender elder statesman, unter dessen Führung Ungarn sich ganz und gar in die richtige Richtung entwickelt hat.

Diesen Linken ist aber auch wirklich nichts peinlich. Eine Unverschämtheit!!!

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Ungarns Ex-Premier kitisiert auch die Bevölkerung

Typisch die Linken.
Wenn das Volk "falsch"wählt, sind sie beleidigt.

Gyurcsàny der Philantrop

Herzlichen Dank für dieses Lesevergnügen.
Was fehlt noch ?
Vielleicht ein Interview mit Bernie Madoff wie könnte man in Wall Street noch ehrlicher und effizienter Arbeiten ?
Nicht zu fassen!

Wenn ein (Ex-)Premier so abschätzig über sein Volk redet...


Re: Wenn ein (Ex-)Premier so abschätzig über sein Volk redet...

als halbe Ungarin kann ich Ihnen versichern, dass ich mich nicht angegriffen fühle, wenn Gyurcsany die Wahrheit sagt!

"...als halbe Ungarin..."

Welcher Teil ist ungarisch? Ober- oder unterhalb des Nabels?

Gast: Novaris
29.09.2012 10:14
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Planlos ....

Presse:"Sie kritisieren Orbáns Wirtschaftspolitik. Doch hat auch die Linke keine Rezepte zur Bewältigung der Krise parat, weder in Ungarn noch anderswo."

Gyurcsány:"Niemand hat heute ein taugliches Rezept parat."

An der Stelle hätte das Interview eigentlich beendet werden können.

Gast: was hat Putin falsch gemacht?
29.09.2012 08:47
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er hat doch Ruslandeinigermassen gut gefuehrt.

er wirds wieder tun.
ist es wirklich nur neid und der blick auf die resourcen, der den "Westen" verblendet hat?

die Linke

redet von Freiheit??? Ich glaub, ich träum. die sind doch die Oberkommis und die, die am meisten von der Obrigkeitsgläubigkeit profitieren - sie Österreich.

und was ist an dem mann jetzt jemals "sozialistisch" gewesen?

der hört sich an wie der presse-leitartikel.

 
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