Sein roter Blouson fällt weit und seidig glänzend, das Käppi sitzt schief, die rechte Hand hält ein schnurloses Mikro, die Linke zeigt nach oben, in den Himmel über der Bolivarischen Republik. Eines der neuen Wandgemälde im Elendsviertel Petare zeigt einen rot gewandeten Rapper, ein anderes einen Boxer, ein drittes einen Basketballer und ein viertes einen Motorradfahrer beim „Wheelie“. All diese Figuren, die ein Graffiti-Kollektiv an Wände vieler Barrios der Hauptstadt Caracas gesprüht hat, tragen das Gesicht des jungen, schlagkräftigen Comandante Hugo Chávez.
Sein blau-weißer Blouson fällt weit und seidig glänzend, er breitet die Arme aus, blickt nach oben und bittet Gott und Jesus Christus um sein Leben, um weitere Jahre, die er dem Volk, dem Vaterland vermachen will. Ach, könnte er noch einmal unerkannt durch diese Gegend wandern, in der er aufgewachsen ist. „Dieses Land, ich trage es in meiner Seele!“, ruft er seinem Publikum im Bundesstaat Apure zu, und seine Stimme überschlägt sich dabei. Die Bildregie zoomt auf den Kopf des weinenden Comandante. Und zeigt die gedunsenen Wangen, die geschwollenen Lider, die hängenden Tränensäcke im Gesicht des müden, kranken Kandidaten Hugo Chávez.
Chemo und Strahlentherapie. Er kämpft. Gibt alles, gewiss mehr, als der Arzt erlaubt. Drei Krebs-OPs seit Juni 2011, Chemo- und Strahlentherapie hat er verkraften müssen, bis zur termingerechten Wiederauferstehung zum Wahlkampfauftakt Anfang Juli. 14Jahre führte er Venezuelas Bolivarische Revolution, er ist der Gönner armer Amigos in Kuba, Nicaragua, Bolivien und diverser Karibikinseln. Er ist der amerikanische Alliierte der Regime in Damaskus und Teheran. Er ist die treibende Kraft hinter Südamerikas Loslösung von den USA, er allein – und das ist sein größtes Problem. Seit Jahren geben Chávez die Umfragen 15 bis 20 Prozent mehr als seiner sozialistischen Partei. Einzig Chávez ist imstande, die Präsidentenwahlen kommenden Sonntag zu gewinnen. Er muss sie gewinnen.
„K.o.“ stand auf dem rechten der zwei Boxhandschuhe, die Chávez vorigen Montag in die Kameras reckte, auf dem anderen das Datum des geplanten Niederschlags: „7 de octubre“. Seitdem sich der 58-Jährige Ende Juni „frei von Krebs“ erklärt hat, führt er einen Wahlkampf aus der Halbdistanz. Das Bad in der Menge scheut der vormalige Volkstribun, fern von Viren und Bazillen verharrt er bei seinen seltenen Aufmärschen auf der Ladefläche eines Lastwagens, und wenn er redet, dann fasst er sich wesentlich kürzer als zuvor. In den sozialen Netzwerken wuchern die Gerüchte über den Grund für Chávez' Abschottung. Die meistpublizierte Version besagt, Chávez leide weiter an einem Sarkom im Unterleib, das Metastasen in den Knochen gebildet habe.
Dennoch: Chávez verkündet bei jeder Gelegenheit seinen Sieg. Tatsächlich sahen ihn die meisten Umfrageinstitute vorige Woche noch vor dem Einheitskandidaten aller Oppositionsparteien, Enrique Capriles, dem erst 40 Jahre alten Gouverneur des Bundesstaates Miranda. Manche Meinungsforscher geben dem Amtsinhaber gar 20 Punkte Vorsprung, andere zehn.
Chávez weiß, was diese Umfragen wert sind. In dem tief gespaltenen Land trauen sich viele Befragte nicht zuzugeben, für die Opposition stimmen zu wollen, weil sie um ihre Anstellung oder ihre Geschäfte beim Staat fürchten. Darum hat Chávez seine Taktik revidiert. Gab er zunächst – auf Empfehlung des aus Brasilien importierten Spin Doctor – den gereiften Staatschef, so schaltete er im letzten Monat wieder zurück auf Angriff. „Lern erst mal reden!“, rief er vorigen Mittwoch via Live-TV seinem Kontrahenten zu, der zum wiederholten Mal eine Debatte mit Chávez verlangt hatte. „Du bist ein politischer Analphabet, pures Mittelmaß. Was willst du denn mit Chávez diskutieren, Knirps!“ Beleidigungen sind ein Teil der Strategie, düstere Drohungen der andere.
„Ich oder das Chaos.“ Auf seinen „nationalen Senderketten“, die alle TV- und Radiokanäle schon mehr als 2300-mal seit seinem Amtsantritt 1998 live übertragen mussten, zitierte der Comandante aus einem angeblichen Strategiepapier der Opposition. Diese wolle das Land den internationalen Konzernen ausliefern und Sozialprogramme einstellen, behauptete Chávez, trotz aller vehementen Dementis seiner Gegner. Dieser Kracher war zur Mobilisierung seiner Stammwähler, für die noch Unentschlossenen hatte er die alte Maxime des zairischen Diktators Mobuto Sese Seko parat. „Ich oder das Chaos!“ Wenn er nicht wiedergewählt werde, dann drohe dem Land ein Bürgerkrieg, orakelte er und rief, vorigen Mittwoch: „Einige werden ,Wahlbetrug!‘ rufen und ihre Leute auf die Straßen schicken. Ich rate der Opposition: Tun Sie das nicht!“ Die Angst, kalkuliert Chávez, kann ihm helfen. Die Fakten können es nicht.
Vor dem Eingang der „Nationalen gerichtsmedizinischen Koordinationsstelle“ Bello Monte im Süden von Caracas warten Tag und Nacht verzweifelte Mütter, Väter, Schwestern und Brüder der Opfer der gefährlichsten Stadt Südamerikas. Zwischen 1. und 27.September wurden 380 Getötete hier abgeliefert, 2011 starben in Venezuela 19.336 Personen durch Gewalt, erhob die NGO „Observatorio Venezolano de Violencia“, die seit Jahren die Opferzahlen publiziert, was der Staat jahrelang verweigert hat. In den 14 Jahren Chávez wurden in Venezuela mehr als 150.000 Menschen umgebracht. Hunderte Morde geschehen jährlich innerhalb der Gefängnismauern, im August bekriegten einander zwei Häftlingsclans im Gefängnis Yare 1 mit Schusswaffen und Granaten. Der Großteil dieser Toten endete in Bello Monte.
Die Unsicherheit auf Venezuelas Straßen ist das stärkste Argument der Opposition, die wirtschaftliche Misere kommt gleich dahinter: Obwohl unter Chávez mehr Petrodollars ins Land strömten als unter allen Vorgängerregierungen zusammengenommen, hat das Land heute die höchsten Schulden seiner Geschichte. Mit 216 Milliarden US-Dollar hat sich Venezuela belastet, das entspricht 79 Prozent des BIPs. In den fetten Jahren zwischen 2003 und 2006 brachte Chávez so viel Bolivares unter das Volk, dass die Inflation zur höchsten des Kontinents hinaufschnellte.
Seither stiegen die Preise jährlich um durchschnittlich 25Prozent. Vier von zehn Industriebetrieben haben im letzten Jahrzehnt zugesperrt, bilanziert der Industriellenverband. Fast eine Million Venezolaner emigrierten, die meisten davon gut ausgebildet. Im Frühjahr schloss Chávez das Konsulat in Miami und brachte so die erhebliche Exilgemeinde um die Möglichkeit, gegen ihn zu stimmen.
Kollaps und Korruption. Die staatliche Ölgesellschaft finanziert soziale Projekte, aber ihr fehlt das Geld für Investitionen, deshalb sinkt der Ertrag ständig. Nach Berechnungen der Opposition hat Chávez an seine Amigos in Kuba, Nicaragua und der Karibik Erdöl im Wert von 170 Mrd. Dollar verschenkt, das entspricht mehr als einem Viertel aller Einnahmen aus dem Erdöl, das 95Prozent der Exporte Venezuelas ausmacht. Im ganzen Land kollabiert die Infrastruktur, Brücken brechen, Pipelines lecken, viele Städte erleben tägliche Stromausfälle, Ende August explodierte die größte Raffinerie des Landes, dabei starben 42Menschen. Seitdem Chávez regiert, zählt in der Verwaltung ein rotes Hemd mehr als Fachkenntnis. Und im Korruptionsindex von Transparency International scheint Venezuela auf Rang 172 auf, gereiht zwischen Äquatorialguinea und Haiti.
Welcher Staatschef der Welt könnte in solch einem Land auf Wiederwahl hoffen? Hugo Chávez kann. Es gibt immer noch Millionen Menschen, die ihren Comandante vergöttern, ihn von der Schuld an all der Schlamperei, Unfähigkeit und Korruption seiner Vasallen freisprechen. Auch, wenn die meisten Armen nach 14 Jahren Ölbonanza noch immer arm sind, erkennen sie in Chávez ihren Mentor, ihren Beschützer, der ihnen Ärzte schickte, Volkssupermärkte und bolivarische Universitäten. Nun, kurz vor der Wahl, kann der Comandante dank eines chinesischen Kredits Baukredite verteilen, Wohnblöcke, Busterminals und Kliniken einweihen, Lebensmittel importieren und den Mindestlohn anheben.
Aber wird das reichen, um einen kranken Mann an der Macht zu halten? „Es ist unverantwortlich, dass jemand in diesem körperlichen Zustand die Präsidentschaft anstrebt“, schreibt der exilkubanische Journalist und Schriftsteller Carlos Alberto Montaner. „Aber es wäre noch weitaus unverantwortlicher, ihn zum Präsidenten zu wählen. Die Venezolaner wissen das.“
Am 7. Oktober haben die Venezolaner die Wahl zwischen Hugo Chávez und Enrique Capriles als Staatsoberhaupt ihres Landes. Von der Regierung bestellte Umfragen bescheinigen dem Amtsinhaber zwar einen satten Vorsprung, doch nach unabhängigen Berechnungen beträgt der Abstand zwischen Chávez und seinem Herausforderer nur wenige Prozentpunkte.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.09.2012)
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