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Protest: "Korruption ist in Tschechien einfach überall"

02.10.2012 | 18:16 |  von Eva Winroither (Die Presse)

In Tschechien macht der Regisseur Petr Sourek mit Stadtführungen auf die Korruption im Land aufmerksam. Jeweils zwei Stunden dauern die Touren. Nun will er das Projekt auch nach Österreich bringen.

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Wien. Philipp steht vor einem Haus im Norden von Prag und blickt ernst. Mit theatralischer Stimme erzählt er die Geschichte zweier Bewohner, Mirek und Marek, Freunde seit vielen Jahren, keiner machte ohne den anderen irgendetwas. Schon gar keine Geschäfte.

Die Leute vor Philipp blicken neugierig. Sie sind sich nicht sicher, ob sie lachen oder sich ärgern sollen, wenn Philipp von den korrupten Vorgängen im Land erzählt. Etwa von Marek Dalík, dem Vertrauten des tschechischen Ex-Ministerpräsidenten Mirek Topolánek. Dalík soll laut Ex-Mitarbeitern der Firma Steyr-Daimler-Puch 18 Millionen Euro Schmiergeld für den Kauf von österreichischen Panzerwagen verlangt haben.

Seit gut einem Jahr führt die tschechische Corrupt-Tour Tschechen und Touristen aus der ganzen Welt durch Prag. Hauptattraktion sind dabei nicht bekannte Sehenswürdigkeiten, sondern Orte, an denen Korruption stattgefunden hat. Jeweils zwei Stunden dauern die Touren, die sowohl in Prag als auch im nordtschechischen Aussig, in Brünn oder in Karlsbad angeboten werden.

In Prag geht die Tour etwa zum großen Blanka-Tunnel, der den Kostenplan um fast fünfzig Prozent überschritten hat, behandelt weiter die gezinkte Vergabe eines millionenschweren staatlichen Software-Auftrags und erzählt von der Verhaftung des Ex-Gesundheitsministers David Rath, der mit sieben Millionen Kronen – vermutlich Schmiergeld, versteckt in einer Weinkiste – aufgegriffen wurde. „Viele tschechische Politiker wollten zwar die Korruption im Land bekämpfen, nicht aber, wenn sie selbst betroffen sind“, sagt Philipp lächelnd. Schallendes Gelächter seitens der Zuhörer. So viel Korruption kann man nur mit Witz nehmen, wird ein junger Mann später sagen.

Gegründet hat Corrupt-Tour der tschechische Regisseur und Dramaturg Petr Sourek, ein junger Mann in Bügelfaltenhose und Aktentasche. „Korruption ist in Tschechien überall. Das Thema ist einfach Zeitgeist in diesem Land“, erzählt er in fließendem Deutsch. Es hat ihn geärgert, dass zwar viele Korruptionsfälle im Land bekannt waren, es aber trotzdem keine strafrechtlichen Verfolgungen gab. Das ging so weit, dass in den Medien vom „angeblichen Verdacht“ geschrieben wurde. Mit der Corrupt-Tour will er jetzt gegen „die Angst, den Bürgern etwas zu erzählen“, vorgehen. Die Texte für die Touren hat Sourek selbst geschrieben. Sie basieren auf veröffentlichten Daten und Artikeln (man wolle ja nicht verklagt werden) und sind durch und durch ironisch.

 

Proteste gegen Korruption

Die Corrupt-Tour ist damit ein Teil einer Bewegung, die in den vergangenen zwei Jahren in Tschechien stetig gewachsen ist. Immer mehr junge Tschechen wollen sich mit den korrupten Vorgängen im Land nicht mehr abfinden. Da sie das Vertrauen in Politiker, Polizei und Justiz verloren haben, beginnen sie nun selbst Antikorruptionsprojekte durchzuführen. Meistens mithilfe des Internets, stark vernetzt auf Plattformen wie Facebook und Twitter.

Zu den bekanntesten zählt etwa bezkorupce.cz, zu Deutsch „Ohne Korruption“. Die NGO wollte sich für alternativen Stadtverkehr einsetzen, bringt aber mittlerweile Transparenz in öffentliche Ausschreibungen und versucht, undurchsichtige Firmenstrukturen aufzuklären. Die Plattform kohovolit.eu liefert Statistiken über das Abstimmverhalten von tschechischen Politikern im Parlament. Hinzu kommen zahlreiche Bürgerinitiativen auf lokaler Ebene.

Zu kämpfen gibt es genug. Transparency International zählt Tschechien mit Platz 57 zu einem der korruptesten Länder Europas. Neun tschechische Minister musste im vergangenen Jahr wegen Befangenheit oder Korruptionsaffären zurücktreten. Im September startete in Prag ein Mammutprozess gegen 52 Angeklagte, die Armeeaufträge zur Kasernenrenovierung manipuliert haben sollen. Und erst gestern hat die Polizei den stellvertretenden Arbeitsminister Vladimir Siska und einen Abteilungsleiter des Ministeriums direkt im Gebäude der Behörde verhaftet. Beiden wird Bestechung bei einem öffentlichen Auftrag vorgeworfen.

Demokratie will gelernt sein

Doch anders, als man meinen könnte, geht noch immer ein Großteil der tschechischen Bevölkerung wegen solcher Fälle nicht zum Protestieren auf die Straße. „Die Gesellschaft hier ist noch furchtbar unreif“, sagt Jiří Pehe, bekannter Politologe in Tschechien und ehemaliger politischer Berater von Václav Havel. Für ihn liegt der Ursprung der Korruption in der Übergangsphase nach dem Kommunismus, in der Besitztümer im Wert von hunderten Millionen in relativ kurzer Zeit verkauft wurden. Viele Deals kamen nur zustande, weil die Politik davon profitiert hat. Politik in Tschechien ohne Korruption ist für ihn daher gar nicht möglich. „Politik ist in Tschechien eine Möglichkeit, um Geld zu verdienen“, sagt Pehe.

„Wir werden euch finden“

Das Desinteresse an den politischen Vorgängen im Land ist auch bei den Touren von Petr Sourek zu bemerken. Nur die Hälfte der Besucher sind Tschechen. Der Rest kommt aus dem Ausland, viele aus Deutschland und Österreich. Vielleicht wollen manche Tschechen aber nur Unannehmlichkeiten aus dem Weg gehen. Eine der Touren führt zu den Villen von stadtbekannten Lobbyisten. Und die finden das gar nicht lustig, wenn eine Gruppe Fremder vor ihrem Haus steht und Fotos macht. „Einige haben uns schon gebeten, nicht mehr zu kommen. Andere kommen raus und beschimpfen uns. Sie sagen: ,Wir werden euch finden‘“, sagt Pavel ein Mitstreiter Soureks und grinst. Er findet diese Reaktionen nur komisch. Ans Aufhören denkt er nicht. Passiert sei weder den Besuchern noch den Mitarbeitern etwas.

Dafür planen Sourek und Pavel zu expandieren. Nach Italien und nach Österreich. Angeregt durch die österreichische Korruptionsaffären (Stichwort U-Ausschuss) soll es bald die ersten Führungen in Wien geben. Wo die Strecke genau verlaufen wird, das wollen die beiden noch nicht sagen. Probleme, etwas zu finden, haben sie wohl nicht. Mireks und Mareks, die gibt es schließlich überall.

Auf einen Blick

Corrupt-Tour. In Tschechien machen junge Menschen mit Stadtführungen auf die Korruption im Land aufmerksam. Die Touren werden auf Englisch, Deutsch und Tschechisch durchgeführt. Anmeldung erforderlich, Infos unter www.corrupttour.com.

Dieser Artikel entstand im Rahmen von „Eurotours 12“, einem Projekt der Europapartnerschaft, finanziert aus Mitteln der EU.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.10.2012)

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13 Kommentare

Unnötige Einschränkung "in Tschechien"

Korruption ist überall. Punkt.

Gast: Trankuli
03.10.2012 12:28
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Sourekt wird am österreichischen System scheitern.

Der wird vorn und hinten behindert werden. Notfalls sitzt er in Wr. Neustadt für ein paar Monate in U-Haft und macht dann einen Schauprozess durch. Hier darf man das etablierte System nicht beleidigen....

Antworten Gast: Kranktuli
03.10.2012 14:17
0 0

Re: Sourekt wird am österreichischen System scheitern.

Na immerhin spritzt er keine Buttersäure durch Schlüssellöcher, bespuckt KUNSTpelzträger/innen bzw. besprüht Pelze mit Lackfarbe..

Gast: zzz
03.10.2012 09:17
7 0

Wientour

ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen das er in Wien mit einer 2h-Tour durchkommen wird.

Gast: Gastor
03.10.2012 09:03
6 0

Rathaus..

..Wann gibt es erste Führungen im Wr. Rathaus?

Gast: lei lei
03.10.2012 08:58
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Super Idee & Tourismus-Innovation

Corrupt-Holidays in Kärnten

Korruption im Kapitalismus

Eine hervorragende Idee, möglichst viele Menschen mit dem Thema Korruption zu konfrontieren und letztlich zu sensibilisieren.
Einzig die Vermutung, dass insbesondere der rasche Umstieg von der Planwirtschaft zum Kapitalismus die Korruption so sehr begünstigte und die junge Demokratie in Tschechien noch lernen müsste, darauf zu reagieren, ist ein Irrtum.
Kapitalistische Wirtschaftssysteme sind der beste Nährboden für Korruption. Unabhängig davon, welches politische System dahinter steht. So wird die Korruption erst dann wirksam bekämpft werden können, wenn deren Nährboden umgearbeitet werden kann. Der dazu erforderliche Pflug kann von keiner herkömmlichen Demokratie gezogen werden. In diesem Zusammenhang wirken die Drogen "Liberalismus" und "Globalisierung" nicht nur in den Führungsköpfen der Gesellschaften sondern auch effektiv als Kunstdünger in deren Wirtschaftssystemen.

In einigen Jahrzehnten werden die Gesellschaften auch diese Ausgeburt der Versklavung erkannt und überwunden haben. Nur die Frage der Aufarbeitung, Zu- und Einordnung, wird den Gesellschaften bleiben. Dabei droht die Wahrheit schon jetzt zu Grabe getragen zu werden.

so ein Schwachsinn

die größte Korruption passiert in (ehemals) kommunistisch regierten Staaten, weil dort alles (was eigentlich allen gehören sollte) de facto unter wenigen aufgeteilt wird. beim übertritt in die Marktwirtschaft werden diese zustände nur einzementiert. nicht umsonst ist der Kommunismus nirgends! erfolgreich!

die Länder mit der geringsten Korruption sind noch immer die mit der längsten Tradition in Marktwirtschaft (= Kapitalismus) und Demokratie (es gab und gibt keine Möglichkeit den Kommunismus wieder abzuwählen wenn sich die Bonzen mal festgesetzt haben)...

Gast: Rebell
03.10.2012 07:01
6 0

Petr Sourek, do bleibt Dir die Spuke weg!

. . . in Vindobona da gibt's nur Ausnahmen
das Unrecht wird erworben und ist legal
ohne Beziehung und Vitamin B funkt nix
Korruption und Koalition sind heilig
der Klubzwang ist kompromisslos einstimmig!

Gast: globetrotterneu
02.10.2012 22:59
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also wie in wien und österreich

liebe tschechen in österreich das selbe glaubt nicht das es bei uns besser ist.

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das gibt es schon bereits in wien. habe vor kurzem eine reiseführerin vorm parlament gesehen, die mit einer großen gruppe dabei versuchte zu erklären wie korrupt und dekadent österreich ist, und was sich alles hinter den säulen, statuen, und fassaden wirklich versteckt!!! ich war erstaunt über ihre offenheit und ehrlichkeit! sie muss bestimmt selbständig arbeiten...


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Re: das gibt es schon bereits in wien. habe vor kurzem eine reiseführerin vorm parlament gesehen, die mit einer großen gruppe dabei versuchte zu erklären wie korrupt und dekadent österreich ist, und was sich alles hinter den säulen, statuen, und fassaden wirklich versteckt!!! ich war erstaunt über ihre offenheit und ehrlichkeit! sie muss bestimmt selbständig arbeiten...

das ich um Korruption zu sehen auch hier bleiben kann war doch allen klar... ich glaube Kärnten alleine wiegt schon die gesamte tschechische Republik auf

Antworten Antworten Gast: mmmh
03.10.2012 06:13
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Re: Re: das gibt es schon bereits in wien. habe vor kurzem eine reiseführerin vorm parlament gesehen, die mit einer großen gruppe dabei versuchte zu erklären wie korrupt und dekadent österreich ist, und was sich alles hinter den säulen, statuen, und fassaden wirklich versteckt!!! ich war erstaunt über ihre offenheit und ehrlichkeit! sie muss bestimmt selbständig arbeiten...

in kärnten stellte man sich sehr tölpelhaft an, was glauben sie wenn klar wird was in w, nö, t, bgld, usw alles noch herauskommen wird (odr wird es?)