Wenn es Abend wird in Caracas, die Menschen endlich dem zermürbenden Großstadtverkehr entkommen und daheim das Fernsehgerät einschalten, dann hören sie Sätze wie diesen: „Massengräber wird es hier geben, sollte die Opposition gewinnen!" Und damit das auch alle Zuseher wirklich tief verinnerlichen, tritt der Moderator direkt vor die Kamera und wiederholt in Großaufnahme noch einmal Silbe für Silbe: „Mas-sen-grä-ber, Mas-sen-grä-ber!"
Schwere Geschütze werden aufgefahren im Wahlkampf um Venezuelas Präsidentenamt am Sonntag. Am 7. Oktober will sich der Linkspopulist Hugo Chávez für weitere sechs Jahre an die Staatsspitze wählen lassen. Aber weil die Venezolaner nach 14 Jahren Chávez zunehmend revolutionsmüde sind, wurde das frechste Format des Staatskanals "VTV" in die prime-time gehievt. Das Programm „Cayendo y Corriendo" (etwa: „Fallen im Rennen") ist ein Verschnitt aus MTV, Videospiel und Uni-Vorlesung. Vor einer übermannsgroßen Touchscreen steht, geht, gestikuliert, grinst und doziert der ehemalige Uni-Lehrer Miguel Angel Pérez Pirela.
Der kahlköpfige Brillenträger zeigt und kommentiert TV-Schnipsel und Twitter-tweets, die, zumeist ihrem ursprünglichen Kontext entrissen, entweder Meriten der Regierung preisen oder Unfähigkeit und Niedertracht der Opposition dokumentieren sollen. Nachdem Ende August in der größten Raffinerie des Landes mehrere Tanks explodierten und 42 Menschen starben, feierte Pérez Pirela das rasche Einschreiten der Behörden und die persönliche Anwesenheit des Comandante vor den brennenden Tanks. Die Frage nach den Ursachen der „Naturkatastrophe" wurde nicht diskutiert, ebensowenig wie jener Satz, den Hugo Chávez am Unglücksort aussprach: „The Show must go on."
Capriles, der „Eierkrauler"
Die Shows im Staats-TV laufen von morgens früh bis spät in die Nacht stramm auf Regierungskurs. Die Opposition wird teils ignoriert, teils verhöhnt oder auch vulgär beschimpft. Der Regierungssender VTV ist live dabei, wenn Chávez seinem Gegner Henrique Capriles Radonski Beinamen verpasst wie „la nada" (das Nichts), „majunche" (der Mittelprächtige) oder einfach nur „cochino" (Ferkel). Bei einer Rede vor Arbeitern nannte Chávez seinen Gegner 13 mal in nur 90 Sekunden „jalabolas", Eierkrauler. Das Wort ist ungefähr so ordinär wie sein deutsches Pendant „Arschkriecher".
Moderator Pérez Pirela, ein Philosoph und Politologe mit erheblichen akademischen Weihen, kleidet seine An- und Untergriffe in zivilisierteres Gewand. Aber in der Sache steht er stramm auf Seiten seines Comandante. Hinter Capriles verstecken sich dunkle Mächte, das ist ständig repetierte Kernbotschaft des revolutionären VJs: Die USA, Israel und Kolumbiens ehemaliger Hardliner-Präsident Álvaro Uribe samt Drogenhändlern, Geldwäschern und Paramilitärs. Als Beleg wird ein Organigramm eingeblendet, auf dem ein Bild von Capriles‘ Wahlkampfleiter zu sehen ist, ebenso wie das eines Ex-Bankiers, der sich vor einem Geldwäsche-Verfahren in die USA abgesetzt hat. „Dieser Kerl hat Sie ausgeraubt", sagt der Moderator und sticht mit dem Zeigefinger in den Brennpunkt der Kamera. „Und Sie und Sie und Sie. Und nun leiht er seinen Privatjet dem Kandidaten der Rechten! Wollen Sie Beweise sehen?" Die Bildregie blendet Briefköpfe ein, Texte mit markierten Absätzen. Alles scheint schlüssig. Wenn man den Quellen des Staatsfernsehens glauben will.
VTV (Venezolana de Television) war einst als privater Sender gegründet worden und kam nach einer Pleite bereits 1964 an den Staat. Alle Regierungen, auch die christ- und sozialdemokratischen Vorgänger der "Bolivarianer" von Chávez, benutzten VTV als Sprachrohr, wie das in allen Ländern Lateinamerikas so üblich ist. Allerdings war es die Regierung Chávez, die den Kanal zur permanenten Sendefläche von Regierungspropaganda umformte. Nachdem konservative Kreise im April 2002 vergeblich versucht hatten, Chávez aus dem Amt zu putschen, machten die Bolivarianer den Staatskanal zum politischen Instrument: „VTV wurde erst vom Staats- zum Regierungskanal und schließlich zum Sender der Chávez-Partei", sagt der Journalist Vladimir Villegas, der von 2003 bis 2004 Chefredakteur des Senders war. Er ist einer von vielen ehemaligen Weggefährten, die sich von Chávez inzwischen losgesagt haben. „Zu meiner Zeit zeigten wir noch die Basketballspiele der NBA oder Kinder- und Kulturprogramme. Heute heißt der einzige Held von VTV Hugo Chávez."
Der Comandante ist es gewohnt, den Kanal für seine Ansprachen ans Volk zu gebrauchen, auch wenn diese mitunter fast zehn Stunden dauern, so wie seine Rekordrede vor der Nationalversammlung im Jänner dieses Jahres. Damit die Bürger seinem Sendungsbewusstsein nicht entkommen, lässt er gern alle TV- und Radiosender in Kette schalten. Schon mehr als 2300 solcher „cadenas nacionales" hat Chávez senden lassen, und fast täglich werden es mehr.
VTV ist der größte von vier staatlichen Kanälen, die den Venzolanern täglich Bilder aus einem Land zeigen, in dem Wohntürme in den Himmel wachsen, Volkssupermärkte eröffnet werden, ein „Bataillon in weißen Kitteln" zum Dienst in neuen Kliniken antritt und eine „fiesta del asfalto" die Schlaglöcher der Landstraßen flickt. Themen wie Kriminalität - alle halbe Stunde wird in dem 30-Millionen-Einwohner-Staat ein Mensch ermordet -, Defizite in Justiz und Strafvollzug - Mitte August lieferten sich schwer bewaffnete Häftlinge in der Anstalt "Yare 1" ein stundenlanges Feuergefecht, bei dem 25 Menschen umkamen - oder der Gesundheitszustand des an krebs laborierenden Präsidenten haben im Staats-TV keinen Platz.
Allerdings: Der Marktanteil der vier Staatssender ist extrem niedrig, zum ausgesprochenen Missfallen der Regierung. Selbst das Flaggschiff VTV bleibt mit Einschaltquoten von acht Prozent weit hinter den privaten Konkurrenten "Venevision" und "Televen". Diese beiden Kanäle verbreiten vor allem Telenovelas und verzichten schon seit Jahren auf Kritik an der Regierung. Der älteste und reichweitenstärkste Privatkanal "RCTV" indes war nicht bereit, seine Distanz zu Chávez aufzugeben, was diesen 2007 dazu bewog, die Sendelizenz des Kanals nicht zu verlängern. 2010 flog RCTV schließlich auch noch aus dem Kabelnetz, weil es nicht die Chávez-Cadenas übertragen wollte. In dem Sender, der einst über 4000 Menschen beschäftigte, arbeiten heute noch 23 Personen - und zwar an der Website "rctv.net".
Radikalität auch bei den Privaten
Nur noch ein TV-Kanal kritisiert Chávez heute öffentlich: "Globovision". Dessen Reporter, die schon mehrfach physischen Angriffen ausgesetzt waren, bleiben von allen Regierungsevents ausgeschlossen. In der jahrelangen Konfrontation ist aber auch bei diesem Kanal jede journalistische Distanz erodiert. Globovision berichtet ebenso einseitig wie die Regierungskanäle. Ähnlich ist die Polarisierung bei Radiosendern, Printmedien und Internetportalen. Ausgewogener, professioneller Journalismus findet in Venezuela kaum noch statt, schon gar nicht während des Wahlkampfs.
Der dürfte von Gesetzes wegen eigentlich kaum Einfluss auf die Sendefolge haben, denn das Wahlgesetz gesteht allen Parteien in der heißen Phase vor dem Urnengang lediglich drei tägliche Sendeminuten pro Kanal zu. Der Regierung erlaubt es zusätzliche zehn Minuten, um die Erfolge ihrer Amtszeit zu präsentieren. Dass die Staatskanäle de facto rund um die Uhr Werbung senden, hat der nationale Wahlrat bislang nicht registriert. Das mag daran liegen, das vier der fünf Mitglieder aus dem Chávez-Lager stammen.
Wie Mario Silva, der Moderator von Hugo Chávez Lieblingssendung „La Hojilla". „Die Rasierklinge" zerfetzt täglich ab 23 Uhr die Berichte jener Medien, die sich noch kritisch über das bolivarianische System zu berichten trauen. Mit seinem grauen Bart und seiner Vorliebe für Khakihemden und Drillich demonstriert der Moderator seine Ehrerbietung für Fidel Castro, dessen Gesicht regelmäßig über die Bildschirme hinter ihm flimmert, wie auch die Konterfeis anderer Revolutionäre von Che bis Chávez. Mario Silva- eines der ranghöchsten Mitglieder der sozialistischen Partei - verwendet seine journalistische Freiheit vor allem darauf, politische Gegner zu beleidigen. Er nannte etwa die Traditionszeitung "El Nacional" „Nazi-onal" und ihren Chefredakteur einen „riesigen Hurensohn".
Seine guten Verbindungen zu den Behörden nutzt Silva gern für deftige Denunziationen. Dabei verwendet der gelernte technische Zeichner und ehemalige Karikaturist oft Material, das ihm die Sicherheitsdienste zuspielen. Im Februar zitierte er aus einem internen Polizeibericht: Ein Ortspolizist hatte im Jahr 2000 zwei Männer beim Oralsex in einem BMW beobachtet; einer davon erwies sich dem von Silva verlesenen Dokument zufolge bei der Ausweiskontrolle als der damalige Parlamentspräsident und heutige Präsidentschaftsbewerber Capriles Radonski.
Der heute erst 40Jährige habe damals in Folge offenbar versucht, den Polizisten mit einem Disziplinarverfahren mundtot zu machen. Dieser Amtsmissbrauch sei der Grund für dieses Outing, erklärte der Moderator. „Hier geht es um den Machtmissbrauch, nicht um die sexuelle Vorliebe des Herren!" rief der Moderator seinem Publikum entgegen und schickte ein breites Grinsen hinterher.
"Nicht mit sieben Raketen im Arsch"
Capriles vermied während des Wahlkampfes jeglich Äußerung zu diesem Vorfall und versicherte wiederholt, er suche eben noch "die Richtige". Dennoch wollte Mario Silva, wie auch der Präsident selbst, nicht darauf verzichten, immer wieder schmutzige Andeutungen über Capriles zu machen. In seiner Sendung am 5. September sagte der Lieblingsjournalist des Comandante Chávez wörtlich: „Nicht mal mit sieben Raketen im Hintern wird der Eierkrauler am siebten Oktober gewinnen."
Vorigen Montag, Stunden zuvor hatte die Opposition die größte Anti-Chávez-Demonstration seit dessen Amtsantritt abgehalten, präsentierte Rasierklingen-Silva den Mittschnitt eines Telefonates von Henrique Capriles García, des Vaters des Oppositionskandidaten Henrique Capriles Radonski. Ohne zu erklären, wer warum den Unternehmer abhörte, ließ der Moderator den Datensatz abspielen, in dem der Vater das Angebot einer Wahlkampfspende akzeptiert, „am besten in bar". Nach Ablauf des Mittschnittes fragte Silva sarkastisch. „Na, Mittelprächtiger, wirst Du jetzt Deinen Vater aus der Partei werfen?".
Capriles musste sich vor drei Wochen von einem Parteifreund distanzieren, der bei der Annahme eines Koffers voller Dollars gefilmt worden war. Nach der Ausstrahlung bestätigte Capriles‘ Wahlkampfleiter Armando Briquet die Echtheit des Telefonats, aber bestand darauf, dass die Wahlkampfspende ordnungsgemäß beim nationalen Wahlrat registriert worden sei. „Das einzige Delikt hier ist der Mittschnitt eines privaten Telefongesprächs."
„Will Medien nicht missbrauchen"
Sollte die Opposition am Sonntag gewinnen, werden sich die leitenden VTV-Redakteure indes wohl umorientieren müssen. Capriles versprach am Montag gegenüber der internationalen Presse: „Meine Regierung wird nicht die Medien missbrauchen, um Propaganda für eine politische Partei zu machen."
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