Teheran/Ag./La. Die Tränengasschwaden mögen sich zwar verflüchtigt haben, doch von der Normalität ist man in der iranischen Hauptstadt nach wie vor weit entfernt. Nach den stundenlangen Straßenschlachten am Mittwoch blieb der zentrale Markt von Teheran auch am gestrigen Donnerstag weitgehend geschlossen. Die meisten Geschäftsleute hätten ihre Läden aus Sorge vor neuen Zusammenstößen nicht geöffnet, sagten mehrere Händler der Nachrichtenagentur Reuters.
Für Irans Regierung gleicht dieser Zustand einem Eingeständnis ihres Unvermögens – die Machthaber der Islamischen Republik hatten nämlich am Mittwoch angekündigt, der Markt werde seinen Betrieb am Donnerstag wieder aufnehmen. Nach einem Bericht der halb amtlichen Nachrichtenagentur Mehr sollen sich Handelsverbände und Behörden nun darauf geeinigt haben, die Geschäfte am Samstag zu öffnen.
Auslöser der heftigsten Krawalle in Teheran seit zwei Jahren (bei denen es, anders als zunächst berichtet, offenbar doch keine Todesopfer gegeben hat) war der Wertverlust der iranischen Landeswährung. Durch internationale Sanktionen infolge des Atomstreits hatte der Rial allein vergangene Woche rund ein Drittel zum US-Dollar nachgegeben. Der Iran braucht Devisen, um seine Importe finanzieren zu können. Doch diese sind Mangelware, seit die EU und Japan kein iranisches Erdöl mehr kaufen. Die Folge: Die Inflation galoppiert den iranischen Währungshütern davon. Nach offiziellen Angaben liegt die Teuerungsrate zwar bei 25 Prozent, dieser Wert gilt aber als geschönt. Eine realistischere Inflationsrate, die US-Ökonom Steve Hanker vom Cato Institute errechnet hat, beträgt 69,6 Prozent – und zwar pro Monat.
Europäisches Gas-Embargo
Die ohnehin fragile Lage dürfte sich noch weiter verschlechtern, denn in der EU, die seit dem Sommer Öl aus dem Iran boykottiert, wird derzeit auch über einen Importstopp für iranisches Erdgas beraten. Beim Treffen der EU-Außenminister am 15.Oktober steht ein neues Sanktionspaket zur Diskussion, hieß es aus Verhandlungskreisen. Großbritannien, Deutschland und Frankreich hätten bereits einem Gas-Embargo zugestimmt.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.10.2012)
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