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Die Entzauberung der Muslimbrüder

07.10.2012 | 18:14 |  Martin Gehlen  (Die Presse)

Seit 100 Tagen ist mit Mohammed Mursi erstmals ein ziviler Präsident in Ägypten an der Macht. Außenpolitisch setzte er neue Akzente, sonst sieht die Bilanz trübe aus.

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Kairo. Das Mursimeter steht still, die Twitter-Bilanz im Internet ist gezogen: 100 Tage lang standen die fünf zentralen Wahlversprechen des neuen ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi zur Bewertung. Und alle endeten mehr oder weniger tief im Minus. Verkehr, Sicherheit, Müll, Brot für die Armen und Benzin – am gnädigsten beurteilte die zehntausendköpfige Internet-Jury noch die Fortschritte bei Polizeipräsenz und Verbrechensbekämpfung. Ganz unten dagegen rangiert das Thema Müllabfuhr. Nicht nur Kairo, auch die meisten anderen Städte werden seit Jahren des Unrats auf ihren Straßen nicht mehr Herr, was Ägypten zum dreckigsten Land im Nahen Osten hat absinken lassen.

Mursi selbst räumte bei einer Rede vor zehntausenden Anhängern ein, dass es in seiner Bilanz einige Schwachstellen gebe.

Seit 100 Tagen steht der Muslimbruder nun an der Spitze Ägyptens, er ist der erste zivile Präsident seit der Gründung der Republik 1953 und das erste direkt vom Volk demokratisch gewählte Staatsoberhaupt seit 5000 Jahren.

Einmal den „Pharao“ genannten Diktator Hosni Mubarak zu beerben, hätte sich der 61-Jährige wohl nie träumen lassen. Nun wächst Mursi zusehends in seine neue Rolle hinein. Der gelernte Ingenieur präsentiert sich als Landesvater, als Politiker neuen Typs, der sich durch die Privilegien der Macht nicht korrumpieren lässt. Die Mitgliedschaft in der Muslimbruderschaft hat er niedergelegt. Seine erste Regierung setzt sich vorwiegend aus Fachleuten zusammen, die Islamisten sind im Kabinett lediglich mit fünf Ministern vertreten.

 

Armee in Schranken gewiesen

Den Machtkampf mit der Armee entschied Mursi zunächst einmal für sich. Geschickt nutzte er den mörderischen Überfall islamischer Gotteskrieger auf einen Armeestützpunkt im Nordsinai, um zusammen mit dem Führungsnachwuchs der Armee die alte Garde um Feldmarschall Mohammed Hussein Tantawi in Ehren und mit Orden behängt in den Ruhestand zu komplimentieren. Seitdem ist der Oberste Militärrat, der nach dem Sturz Mubaraks 17 Monate lang die Geschicke des Landes lenkte, von der politischen Bühne verschwunden. Das lukrative Wirtschaftsimperium der Streitkräfte ließ Mursi hingegen vorerst unangetastet.

Außenpolitisch setzte der Staatschef ebenfalls neue Akzente. Seine ersten Reisen gingen nach Saudiarabien, China und in die Türkei. Anders als bei Mubarak rücken in Mursis Denken die Beziehungen zu Europa und den USA mehr in den Hintergrund. Ende September, während der UN-Vollversammlung, kam kein Treffen mit US-Präsident Barack Obama zustande. Der erste Staatsbesuch in einer europäischen Hauptstadt lässt – abgesehen von einer Stippvisite bei der EU in Brüssel – auf sich warten. Wirtschaftlich gilt China als Wunschpartner Nummer eins. Denn Peking liefert ohne Bedingungen, den Chinesen ist egal, was in Ägypten mit Bürgerrechten oder Meinungsfreiheit passiert.

Auf dem Gipfel der Blockfreien in Teheran sorgte Mursi für einen Eklat, als er vor der versammelten iranischen Führung den Aufstand in Syrien als „Revolution gegen ein unterdrückerisches Regime“ bezeichnete. Zwei Wochen später legte Mursi nach und warnte den Iran, sich in die inneren Angelegenheiten arabischer Staaten einzumischen. Trotzdem beteiligt sich Teheran an dem regionalen Syrien-Quartett, dem auf Mursis Initiative neben Ägypten und dem Iran auch die regionalen Schwergewichte Türkei und Saudiarabien angehören.

 

Kaum Geld vom Kapitalmarkt

Die größten Herausforderungen für den neuen Präsidenten jedoch warten zu Hause. Der Staat ist total überschuldet, die Subventionen für Benzin, Kochgas und Brot verschlingen ein Viertel des nationalen Budgets. Stromausfälle und Trinkwassermangel sind zu einer Landplage geworden, und der Tourismus will seit der Revolution einfach nicht wieder in Schwung kommen, ebenso zögerlich sind ausländische Investoren.

Und wegen der politischen Instabilität wird es für Kairo immer teurer, sich auf dem Kapitalmarkt Geld zu leihen. „Als Bürger interessiert mich vor allem eines – ob sich das tägliche Leben für die Armen verbessert“, sagt der prominente Menschenrechtler Gamal Eid. „Nichts hat sich wirklich getan“, urteilt Taxifahrer Ali Muhammed. Der Verkehr sei so nervig wie eh und je, vor den Tankstellen gebe es immer wieder lange Schlangen: „Vielleicht lässt sich das nicht in 100 Tagen ändern.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.10.2012)

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23 Kommentare
Gast: Peterundich
08.10.2012 14:26
6 0

Herr Chefredakteur

Lesen Sie was Ihre Zensur so aufführt?

Gast: Lecter
08.10.2012 13:56
6 0

Entzauberung??

Was haben die Leute erwartet?? was soll sich in diesen Ländern ändern keine Industrie und die Arbeit haben die Leute auch nicht erfunden, die Religion dazu-nur dort bleiben sollten sie und nicht in Europa die Sozialnetze strapazieren das wünsche ich mir.

Die Entzauberung der Muslimbrüder

Wo war je ein Zauber?

0 13

Sie meinen so einen Zauber...

...wie Sie ständig mit unzähligen Namensänderungen im Forum betreiben?

Ja, ja, die Angst vor dem Einstehenmüssen für seine Kommentare mit demselben Namen ist ein Luder, nicht wahr?

Wobei Sie auch an der Spitze bei der Erfindung von blöden Namen liegen dürften. Gratuliere!

Zweimal wurden meine Forumsnamen durch Zensoren gekillt.

Daher kommentiere ich nun unter einem dritten. Für Leute wie Staunton ist das natürlich eine Unzahl ("unzählige Namensänderungen"), da sie nicht bis drei zählen können!

Re: Die Entzauberung der Muslimbrüder

der "Zauber" war bei den "bildungsfremden" = 87% der wahlberechtigten Bevölkerung

aber was so halt in den Moscheen gepredigt wird ist die "reine" Wahrheit ...

Ein bißchen naiv - diese Überschrift

Ist da wirklich jemand der Meinung, die Muslimbrüder hätten das gesamte Plünderungs-Myzel übernommen, das die westlichen Länder (auch Israel) auf Teufel komm raus in der Finanz- und Wirtschaftswelt Ägyptens verbreitet haben?

Vielleicht auch im Irak?

Darf man lachen?

Zitat: die Islamisten sind im Kabinett lediglich mit fünf Ministern vertreten.

Ich würde sagen, das reicht! Und: wie kann man ein Land in die Moderne führen, wenn man ideologisch 600 jahre zurück ist?


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Mit Zuversicht in die Zukunft blicken.

Guten Tag Herr Gehlen
Haben Sie schlecht recherchiert oder ist es Absicht.
User Präsident Mursi war auch in Rom „Europa“ auf besucht.
Wegen Platzmangel haben Sie nicht erwähnt, dass Die Mehrzahl der Ägypter blickt trotz schlechter Lage der Haushalte mit beachtlicher Zuversicht in die Zukunft. Obwohl die industrielle Infrastruktur intakt ist, verzögern Teile der Unternehmerschaft den Aufschwung durch Beharren auf protektionistischen Strukturen und Ablehnung sozial verträglicher Unternehmenskultur. Die Regierung hat das umstrittene Privatisierungsprogramm abgeschafft, bekennt sich aber zur Fortsetzung einer liberalen Wirtschaftspolitik Sie muss aber Korruption entschieden bekämpfen und darauf achten, dass das Wachstum möglichst viele Sektoren erfasst und die Bevölkerung die wirtschaftlichen Erfolge spürt, um eine aktive Teilhaberschaft zu erreichen.



"...industrielle Infrastruktur intakt..."

Das freut mich. Ich suche gerade nach einem in Ägypten produzierten Auto und einem agyptischen Computer. Habe aber bisher nur das Projekt eines elektronischen Kamels gefunden.

1 13

Re: "...industrielle Infrastruktur intakt..."

Welches Auto oder welchen Computer produziert Ös.ter.reich?

0 12

Re: "...industrielle Infrastruktur intakt..."

Welches Auto oder welchen Computer produziert Österreich?

Re: "...industrielle Infrastruktur intakt..."

das Kamel war ein Re-import

Das Land am Nil

Ägyptens Bevölkerungsstruktur und Entwicklung sind der Hauptmotor der größten Probleme des Landes.

Als Mubarak 1981 an die Macht kam, lebten rund 45 Millionen Menschen in Ägypten, nun sind es über 80 Millionen.
Mit einer Entwicklungsrate von +1,83% erhöht sich dieser Stand um rund 1,5 Millionen Menschen jährlich!
Dieser gewaltigen Entwicklung steht ein nominelles BIP von rund 200 Mrd. € gegenüber. Selbst bei Berücksichtigung der Kaufkraftparitäten ergibt sich ein "bereinigtes" BIP von nur rund 400 Mrd €.

Ägypten wird bis zum Jahr 2030 eine Bevölkerung von über 110 Mrd. Menschen haben.

Wer hier meint, nach 100 Tagen Regierungszeit positive Veränderungen finden zu wollen, ist blind oder ein Demagoge.

Mit derartigen Herausforderungen konfrontiert, würde jede Spezies des Kapitalismus innerhalb kürzester Zeit kapitulieren müssen. Dies umso mehr in einem Land, welches gerade die "Demokratie" entwickeln möchte.

Ägypten, seinen Nachbarn und der gesamten Mittelmeer-Region stehen nicht nur weitere Monate der ungewissen Entwicklung ins Haus. Es wird viele Generationen - und vermutlich vieler Krisen mit einer Unzahl von Gewaltpotentialen - dauern, bis Ägypten einen ruhigen Platz in der Völkergemeinschaft finden wird.


Re: Das Land am Nil

na servus 110 milliarden einwohner!! das ist ja hundertmal mehr als china.

heißt dass in naher zukunft mehr als 90% der weltbevölkerung ägypter sind?


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Ägypten ist ein Land im Wandel.

Was hat man geglaubt?
Dass Mursi ein Wunderheiler ist
und die Versäumnisse von Mubarak in nur 100 Tagen bereinigt?!

In 100 Tagen bekommen sie in Ägypten nicht einmal ein Visum.

Re: Ägypten ist ein Land im Wandel.

Sie haben den Daumen drauf - 100 Tage für 1 Visum = Ägypten

dem ist nichts hinzuzufügen

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Waaaas?

Das sind also ganz normale Politiker? Liebe Pressekommentatoren, wo ist denn das Kalifat, von dem Ihr so hysterisch gewarnt habt und dessen Vermeidung die Aufrechterhaltung jeglicher Diktatur rechtfertigte?

Antworten Gast: Pedro
08.10.2012 09:47
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Re: Waaaas? - wg. d. Genauigkeit

niemand hier hat gesagt, dass es in 100 Tagen passiert, oder?
Nur wegen der Genauigkeit in Ihrer Berichterstattung, pck0

Gast: Demokrit
07.10.2012 21:16
8 0

Arabischer Frühling

Mursi, die Blume des "Arabischen Frühlings" und seinesgleichen wurden von den verblendeten westlichen Medien als Heilbringer einer neuen Zeit hochgejubelt, als Revolutionäre für Demokratie, Menschenrechte und wirtschaftliche Wohlfahrt.
Das Gegenteil ist der Fall: Chaos, Intoleranz bis hin zu Lynchjustiz an Andersgläubige (Siehe Albert Saber) und wirtschaftliche Malaise. Was geschieht, wenn die USA und EU wegen eigener Krise ihre Wirtschaftshilfe zurückfahren? Kommt es dann zum "Frühlingserwachen"?

Gast: Wie erwartet
07.10.2012 20:18
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Die waren sowieso noch nie zauberhaft

sehen schon ganz schön alt aus, nach dem kurzen islamischen Frühling der in den Medien herbei geschrieben wurde.

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Na, sowas!


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Die Versager von ORF&Presse haben voll applaudiert -

wie blöd muss man eigentlich sein?

Im Fadenkreuz der Terroristen