Buenos aires/Caracas. Am Ende war es doch jene „perfekte Schlacht“, die Hugo Chávez im Wahlkampf beschworen hatte. Ein Triumph, deutlich und vor allem friedlich. Als er am späten Sonntagabend in seiner roten Jacke auf den Balkon des Palacio Miraflores trat und mit seinem Bassbariton die Nationalhymne intonierte, stimmte das ebenfalls überwiegend rotgewandete Menschenmeer unter ihm kräftig ein.
„Es lebe Venezuela“, waren seine ersten Worte, „es lebe das Vaterland, es lebe die bolivarische Revolution!“ Dieser gaben die Venezolaner weitere sechs Jahre, bis zum Jänner 2019 wurde Chávez am Sonntag gewählt, das wären seine Amtsjahre 15 bis 20, wenn seine Gesundheit das denn erlaubt. Niemand kann das zusichern. Und trotzdem errang Hugo Chávez fast zehn Prozentpunkte mehr als sein junger Herausforderer Enrique Capriles Radonski, nach der Auszählung von 90 Prozent der Stimmen führte Chávez mit knapp 55 Prozent.
Capriles räumte seine erste Wahlniederlage überhaupt offen ein – kurz nachdem die Chefin des nationalen Wahlrates das vorläufige Ergebnis verkündet hatte. Hugo Chávez dankte seinen Gegnern für deren Fairness und rief ihnen zu: „Ich strecke euch beide Hände aus, damit wir Brüder werden im Staate Bolivars.“
Hohe Inflation und einstürzende Brücken
Doch die Regeln für diese Verbrüderung, die stehen in dem 24-seitigen „bolivarisch-sozialistischen Regierungsvorschlag, der millionenfach im Wahlkampf verteilt wurde“. Kein Venezolaner kann behaupten, er habe nicht gewusst, wer Chávez ist und was er vorhat. Er hat auf jeder Veranstaltung, in jeder TV-Ansprache, in jeder Radio-Einschaltung und sogar in vielen Tweets versprochen, den Sozialismus im 21. Jahrhundert zu vertiefen.
Offenbar halten die Venezolaner das für eine gute Idee, trotz all der Übel, die in den 14 Jahren unter Chávez ihr Land heimgesucht haben: die Gewaltkriminalität, die auch selbst am Wahltag mehrere Menschenleben kostete. Die Korruption, die fehlenden Investitionen, die Inflation von 25 Prozent, die Unfähigkeit der Justiz und Verwaltung, Stromausfälle, Brückeneinstürze und explodierende Raffinerien. All das mag dazu geführt haben, dass Chávez' Vorsprung auf seinen Herausforderer nicht mehr 26 Prozent betrug wie bei der letzten Präsidentenwahl 2006. Aber immer noch verfügt der Comandante über eine solide Mehrheit.
Deutlich weniger Zustimmung für die Partei
Dafür gibt es zählbare und fühlbare Gründe. Zählbar wären jene Milliarden, die Chávez und sein Energieminister Rafael Ramirez von den Erlösen der staatlichen Erdölgesellschaft PDVSA abzweigten, um Alphabetisierungskampagnen zu finanzieren, Gesundheitsposten in den Armenvierteln, Volkssupermärkte. Zählbar ist die Reduktion der Armut von 49 auf 29 Prozent – nach Angaben der UN-Kommission für Lateinamerika und die Karibik. Ebenso die Reduktion des Wohlstandsgefälles, des sogenannten Gini-Index, auf 0,41 – laut UN der niedrigste des Kontinents. Zählbar ist das Heer der Studenten an den neuen Universitäten. Und zählbar sind die zigtausenden Wohnungen, die dank chinesischer Kredite und chinesischer Bauarbeiter rechtzeitig vor dem Wahltag bezogen wurden.
Seit Jahren bekommt Chávez selbst in Umfragen 15 bis 20 Prozent mehr Zustimmung als seine sozialistische Partei. Doch diese persönliche Bindung hält nur, solange Chávez hält. Sein wahrer Gesundheitszustand – sorgsam ausgeblendet während des Wahlkampfs – ist das große Fragezeichen dieser dritten Amtsperiode.
Enrique Capriles hat am Wahlabend übrigens Chávez imitiert. Der hatte 1992 vor Kameras das Scheitern seines Putschversuches glattweg eingestanden. Chávez war damals 38 und wusste, dass seine Zeit noch kommen wird. Capriles ist heute zwei Jahre älter als Chávez damals. Und er weiß, dass er es geschafft hat, die zerstrittene Opposition zu einen und 6,3 Millionen Stimmen zu erobern. Im Dezember wählen die Bundesstaaten neue Gouverneure. Dann steht Chávez nicht zur Wahl. Aber seine Politik.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.10.2012)
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