Moskau. Über Monate hinweg haben die drei jungen Frauen der russischen Punkband Pussy Riot die Nachrichten aus dem Riesenreich bestimmt. Sie erlangten durch die unerbittliche Reaktion des Staates eine Publicity, die doch wieder den Machthabern geschadet hat. Und sie traten mit ihrer Aktion in Russland eine überfällige und gleichzeitig diffuse Diskussion über die Grenzziehung zwischen Staat und Religion los.
Am gestrigen Mittwoch wurde nun der juristische Schlusspunkt gesetzt. Das Berufungsgericht in Moskau hat das Urteil „Zwei Jahre Straflager“ gegen zwei der Regimekritikerinnen bestätigt. Die dritte von ihnen, die 30-jährige Jekaterina Samuzewitsch, geht auf Bewährung frei. Mit dazu beigetragen hat ihre neue Anwältin, die dem Gericht glaubhaft machte, dass ihre Mandantin bei der Performance des umstrittenen Punkgebetes in der Moskauer Christus-Erlöser-Kathedrale nicht mehr anwesend gewesen sei. Zur Erinnerung: Ende Februar, wenige Tage vor den Präsidentenwahlen, hatten die Aktivistinnen in der Kathedrale die Gottesmutter singend um die Vertreibung Wladimir Putins aus der Politik gebeten und auch den Patriarchen Kirill verbal attackiert, weil dieser angeblich mehr an Putin als an Gott glaube.
Auf religiöse Ebene übertragen
Auch gestern beteuerten die drei Frauen, ihr Punkgebet sei nicht antiklerikal, sondern rein politisch gemeint gewesen. Ihre Entschuldigungen bei Gläubigen seien nicht akzeptiert worden, sagte eine der Inhaftierten; eine Buße jedoch, wie sie die Russisch-Orthodoxe Kirche (ROK) fordere, sei inakzeptabel.
Es ist genau der Graubereich zwischen Staat und Religion, der die Causa so verworren macht. Die Band selbst hat den Altarbereich der Kirche zur Aussendung einer politischen Botschaft verwendet. Der Kreml hat die politische Botschaft wohl gehört, wollte die Causa aber auf eine religiöse Ebene übertragen und hat in Ermangelung eines Blasphemie-Paragrafen den Straftatbestand des „Rowdytums aus religiösem Hass“ gezückt. Die ROK konnte sich daher entspannt zurücklehnen und ließ an ihrer statt eine Handvoll Personen, die sich vom Auftritt direkt beleidigt fühlten, das Gefecht vor Gericht führen.
Die Bürger selbst aber durchliefen ein Wechselbad der Gefühle, weil sie sich einerseits der Entweihung der religiösen und staatlichen Machtsymbole ausgesetzt sahen, obwohl sie andererseits selber mehrheitlich nicht an Gott und immer weniger auch an Putin glauben. Dazu kam, dass die Inhaftierung der Frauen, zumal sie junge Mütter sind, zunehmend Mitleid bei ihnen weckte.
Es ist nun der Staat, der offene Fragen, die in der Causa manifest wurden, eiligst lösen will. Ende September wurde ein parteiübergreifender Gesetzesantrag im Parlament eingebracht, der bis zu fünfjährige Haftstrafen für die Verletzung religiöser Gefühle vorsieht. Die lange Zeit schleppende Annäherung mit der Kirche hat plötzlich an Fahrt gewonnen, das zeigen auch Polizeirazzien in Kunstausstellungen. Der Geist des orthodoxen „Aktivismus“ ist aus der Flasche und könnte mit seinem nationalistischen Potenzial für die Machthaber gefährlicher werden als der dissidente Protest, so der Publizist Andrej Kolesnikow. In jedem Fall hat die ROK zu verstehen gegeben, dass sie ihre Tradition als Stabilisatorin autoritärer Systeme fortsetzt.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.10.2012)
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