Wien/Jakarta. „Betet, dass Anschläge verhindert werden.“ I Ketut Untung Yoga Ana, Vizepolizeichef von Bali, ist beunruhigt. Auf der indonesischen Ferieninsel wird am Freitag der Bombenanschläge vor zehn Jahren gedacht – und es gebe „Informationen über terroristische Bedrohungen“.
Auf Bali gilt wieder höchste Terrorwarnstufe. Und auf einmal sind sie wieder da, die Erinnerungen an den 12. Oktober 2002. Damals zündeten Terroristen in zwei Nachtklubs mehrere Bomben und ermordeten 202 Menschen, die meisten von ihnen australische Touristen. Zum Terror bekannte sich die von indonesischen Extremisten gegründete „Jemaah Islamiyah“ (JI), eine al-Qaida-nahe Gruppe, deren Ziel ein islamistisches Großreich in Südostasien ist. JI hatte Zellen in Malaysia, Singapur, Thailand und den Philippinen.
Ruf Indonesiens zerstört
„Die Bomben waren ein Weckruf. Sie machten auf die bisher unterschätze islamistische Gefahr in Südostasien aufmerksam“, sagt Antiterrorexperte Jim Della-Giacoma von der Brüsseler „International Crisis Group“ zur „Presse“. Zerstört war auf einmal der Ruf Indonesiens, das Land, in dem weltweit die meisten Moslems leben: Vor den Bali-Attentaten galt der gemäßigt-islamische Inselstaat als immun gegen Radikalisierungen.
Einige Experten warnten sogar, dass al-Qaida in Südostasien eine neue Front eröffnen könnte – mit Indonesien als Zentrum. Anschläge auf westliche Ziele 2003 bis 2005 schienen dies zu bestätigen. Doch zehn Jahre nach den Bali-Anschlägen hat sich die düstere Prognose nicht erfüllt. „Dank effizienter Antiterroreinsätze der Sicherheitskräfte und ihrer Alliierten wurden radikale Gruppen enorm geschwächt“, so Della-Giacoma. Hunderte JI-Mitglieder wurden in Indonesien, Thailand, Malaysia, Philippinen und Singapur inhaftiert oder getötet, darunter die gesamte Führungsriege der Terrorgruppe. Ein zentraler Schlag gegen die Extremisten erfolgte 2010: Sicherheitskräfte zerstörten ein Terrorcamp in der autonomen Region Aceh, von dort sollten Terroraktivitäten in Südostasien koordiniert werden. Die Armee gelangte an Informationen über geplante Anschläge und Terroristen, die zu mehr als 200 Festnahmen führten.
Extremistische Prediger
Keine gute Nachricht für die Islamisten ist der erfolgreiche Friedensdialog zwischen Separatisten auf den Südphilippinen und der Regierung in Manila. Die mehrheitlich moslemisch bevölkerte Region Mindanao galt lange als Rückzugsgebiet für Jihadisten. Stark geschwächt durch Antiterroreinsätze der philippinischen Armee – mit Unterstützung der USA – haben sich die Separatisten nun bereit erklärt, auf die Unabhängigkeit zu verzichten. Della-Giacoma: „Ein Friedensvertrag wird die Jihadisten delegitimieren.“
Voreiliger Optimismus sei aber trotzdem fehl am Platz, meint der Terrorexperte. „Radikale Gruppen gibt es weiterhin – und sie sind immer noch gefährlich.“ Vor allem in Indonesien gebe es eine Renaissance kleiner Gruppierungen, die im ganzen Land aktiv seien (s. Grafik). Diese Zellen seien nur lose miteinander verbunden und hätten kaum Kontakt zur al-Qaida. „Ihr Hauptfeind ist der Staat, die Polizei“, aber auch gemäßigte Moslems oder Christen gerieten in ihr Visier, so Della-Giacoma. Das radikale Gedankengut werde von extremistischen Imamen verbreitet, gegen die die Regierung nur ungern etwas unternehme. Das Fazit des Experten: Die Antiterroreinsätze seien nicht genug. Die Herausforderung für Indonesien laute: „Dort einzugreifen, wo jihadistische Ideologie floriert.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.10.2012)
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