Washington. Der Goldschatz liegt tief unter der Erde, hinter dicken Stahl- und Betonmauern, abgeriegelt von der Außenwelt und schärfstens bewacht von Videokameras und Sondereinheiten der New Yorker Polizei. Auch äußerlich gleicht das Kalk- und Sandsteingebäude an der Liberty Street im Finanzdistrikt von Downtown Manhattan, der Sitz der New Yorker Filiale der US-Notenbank – nur zwei Blocks von der Wall Street entfernt –, einer Trutzburg.
Es ist das Fort Knox von New York. Und dabei beherbergt es noch mehr Goldreserven als das legendäre Golddepot des US-Finanzministeriums an der Militärbasis in Kentucky. Ein Fünftel der weltweiten Goldreserven, darunter von Dutzenden ausländischen Regierungen und Notenbanken – rund 7000 Tonnen –, stapelt sich in den unterirdischen Etagen der New Yorker Federal Reserve.
Dennoch ließ die Polizei einen jungen Mann gewähren, der Mittwochmorgen einen Van in der Nähe des Eingangs parkte. Danach quartierte sich der 21-Jährige im Millennium Hotel ein, wartete auf den großen Knall und zeichnete eine Videobotschaft auf: „Wir werden nicht aufhören, bis wir den Sieg oder das Märtyrertum errungen haben.“ Kurz darauf klickten die Handschellen.
„Sting Operation“ der FBI
Der Student Quazi Nafis aus Bangladesch hatte in der Früh mithilfe seines vermeintlichen Komplizen, eines Undercover-Agenten des FBI, in einem Lagerhaus 20 Mülltonnen mit Sprengstoff gefüllt, um das Gebäude in die Luft zu jagen. Die US-Geheimdienste waren da längst in das Komplott eingeweiht, ein Informant hatte sie davon in Kenntnis gesetzt. FBI-Agenten unterstützten den Terroristen in einer sogenannten „Sting Operation“ sogar bei der Ausführung seines Plans. Dass sie ihm ungefährliches Material für die Herstellung der 450-Tonnen-Bombe unterjubelten, konnte er nicht ahnen.
Selbst Präsident Barack Obama war von dem Attentatsversuch unterrichtet. Ursprünglich hatte Nafis den Präsidenten als Opfer auserkoren. Später überlegte er, einen Militärstützpunkt in Baltimore hochgehen zu lassen, bis er auf die Idee verfiel, die US-Wirtschaft in ihren Grundfesten zu erschüttern – mit dem Ziel, womöglich die US-Wahlen aufzuhalten. Als Ziel hatte er zunächst die Börse im Visier.
Größenwahnsinnige Visionen beherrschten Quazi Nafis, als er im Jänner mit einem Studentenvisum in die USA einreiste. Das Studium an der Southeast Missouri State University war jedoch nur ein Alibi für seinen teuflischen Plan. Im Juni zog er nach New York. Ein Selbstmordattentat verwarf er wieder, er wollte nach Angaben der New Yorker Polizei zuerst noch in seiner Heimat nach dem Rechten sehen. Ein Suizidanschlag sollte im Fall der Aufdeckung des Attentats oder seiner Verhaftung „Plan B“ sein.
Verehrung für den „Scheich“
In den Gesprächen mit dem Undercover-Agenten rühmte sich Nafis seiner Verbindungen zur al-Qaida, und er pries den „Scheich“ – Osama bin Laden.
New Yorks Polizeichef Ray Kelly zog derweil Bilanz. Seine Spezialeinheiten hätten nunmehr bereits den 15. Anschlag seit dem 9/11-Terror vereitelt. Vor drei Jahren war ein ambitionierter Plan einer vierköpfigen Bande aufgeflogen, eine Synagoge in die Luft zu sprengen und Flugzeuge vom JFK-Flughafen abzuschießen.
In der US-Öffentlichkeit wurde dem Attentatsversuch auf die New Yorker Notenbankfiliale lediglich kurz Aufmerksamkeit zuteil, die abgebrühten New Yorker gingen rasch zur Tagesordnung über.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.10.2012)
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