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Libyen: „Gaddafi zu verjagen war der einfachste Teil“

19.10.2012 | 18:29 |  Von unserem Mitarbeiter MARTIN GEHLEN (Die Presse)

Ein Jahr nach Gaddafis Tod kämpfen die Aktivisten Bengasis für eine neue Gesellschaft. Gaddafi habe die Mentalität der Menschen zerstört. Niemand sei gewohnt zu arbeiten, es gebe keine Regeln.

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Bengasi. Der Dinosaurier reckt sein Maul in Richtung Meer. Zwei Tonnen wiegt das Ungetüm aus verrostetem Stahl. Wochenlang hat sein Schöpfer Ali Wakwak an ihm gearbeitet. Die Nüstern sind abgesägte Flakgeschütze, die Beine Kanonenrohre. Der Körper ist zusammengeschichtet aus Panzerplatten, Metallfedern und Radfelgen, die der Künstler vor den Toren Bengasis aus zerbombten Wracks der Gaddafi-Armee geborgen hat. „Von Zerstörung zu neuem Leben, darum geht es mir“, sagt der 65-Jährige im grauen Monteursanzug. Quer durch den Palmengarten des ehemaligen Königspalais von Bengasi zieht sich seine Totengalerie aus 524 rostigen Stahlhelmen, in die er mit seinem Schweißgerät Augen und Gesichter voller Entsetzen, Angst und Schmerz hineingebrannt hat.

Der Schrecken der Unterdrückung und des Krieges gegen das Regime von Muammar al-Gaddafi fand vor genau einem Jahr ein Ende. Rebellen zerrten in Sirte ihren verhassten „Bruder Führer“ Muammar aus einem Regenwasserrohr und töteten ihn. Drei Tage später erklärte der Nationale Übergangsrat Libyen offiziell für befreit.

 

Ali Wakwak ist wie neugeboren

Vor anderthalb Jahren beim Aufstand in Bengasi war der Künstler Ali Wakwak ein gebrochener Mann, der sich daheim verkrochen hat. Seit sechs Jahren befand sich sein Sohn in den Fängen von Gaddafis Schergen. Niemals wurde eine Anklage erhoben, erst beim Fall von Tripolis im August 2011 konnte der junge Mann aus dem berüchtigten Gefängnis Abu Selim entkommen. Inzwischen hat er im 200 Kilometer entfernten Ölhafen Brega Arbeit gefunden, und sein Vater wirkt wie neugeboren. „Ich hoffe, dass Bengasi eine friedliche Stadt wird und Libyen wieder zum Leben erwacht“, sagt er und nennt den Sieg über Gaddafi „das Beste vom Besten für uns alle“. Und er erzählt stolz, dass seine Friedenswerke aus Kriegsschrott im Jänner auch im Vittoriano-Kunstmuseum von Rom zu sehen sein werden.

Für Khaled Elmansouri ist das Café Rotana sein zweites Wohnzimmer. Hier verbringt er jede freie Minute, im sogenannten Gartenviertel von Bengasi, wo wohlhabendere Familien wohnen und es etwas mehr Grün gibt als im sandig-rötlichen Rest der Stadt. Der 24-Jährige hat ein fein geschnittenes Gesicht und eine sanfte Stimme, an der rechten Hand trägt er einen silbernen Ring und spielt unablässig mit seinem Smartphone. „Wir brauchen endlich Sicherheit auf den Straßen und eine stabile Regierung“, sagt er.

 

Aufstand gegen Islamisten

Khaled Elmansouri ist Mitbegründer der Bürgerinitiative „Rettet Bengasi“, deren Aktivisten vor vier Wochen mit einer Großdemonstration eine Wende schafften, die niemand für möglich gehalten hätte. Nach dem Attentat auf das amerikanische Konsulat, bei dem der US-Botschafter und drei Sicherheitsbeamte starben, bliesen Khaled Elmansouri und seine Mitstreiter zum zivilen Aufstand gegen die bewaffneten Milizen.

„Die öffentliche Sicherheit gehört in die Hände von Polizei und Armee“, sagt er. Man achte die Kämpfer, respektiere ihren Mut und ihre Leistung gegen Gaddafi, aber nun müssten sie ihre Waffen abgeben. Elf Menschen starben, als Demonstranten nach dem Anschlag auf den US-Botschafter mit bloßen Händen die islamistischen Kämpfer von Ansar al-Scharia aus deren beiden Kasernen vertrieben – wie seinerzeit im Februar 2011 die Elitetruppen Gaddafis. Seitdem sind die Hardliner wie vom Erdboden verschluckt. Alle anderen Rebelleneinheiten der Hafenstadt haben sich der Armee unterstellt und werden jetzt von Offizieren kommandiert. Ausländische Geschäftsleute aber verließen in Panik die Stadt. Nachts ist nun das Brummen von US-Drohnen zu hören.

In der Innenstadt sind die Anti-Gaddafi-Graffitis inzwischen verblasst, dafür türmt sich überall der Müll. Theater und Kinos sind geschlossen. Einzig das Gerichtsgebäude, das ehemalige Hauptquartier der Opposition, bekommt eine neue Fassade aus teurem Muschelkalk. Alles andere wirkt düster und trostlos. Vier Jahrzehnte Missachtung durch Gaddafi haben tiefe Spuren hinterlassen. Und seit Monaten stinkt es zum Himmel. Die Kläranlage der Stadt ist defekt, alle Abwässer fließen ungeklärt in Bengasis großen Binnensee. Die Picknickplätze sind verwaist, niemand spaziert mehr im Abendlicht auf der Uferpromenade.

 

„Wahlen waren ein Meilenstein“

„Gaddafi zu verjagen war der einfachste Teil“, sagt Iman Bughaigis. „Die Parlamentswahlen sind ein Meilenstein, alles andere bisher aber nur Krisenmanagement.“ Die ersten sechs Monate des Aufstands war die Professorin für Zahnmedizin Sprecherin des Provisorischen Nationalrats in Bengasi, der politischen Führung der Rebellen. Gaddafi habe die Mentalität der Menschen zerstört, sagt die 51-Jährige. Niemand sei gewohnt zu arbeiten, es gebe keine Regeln, keine Gewissenhaftigkeit. „Gaddafi hat eine verwüstete Gesellschaft hinterlassen“, sagt sie. Ihr selbst drohte kürzlich ein Student mit einer Handgranate, als sie schärfere Prüfungsregeln verkündete.

„Wunderbares Bengasi“ nennt sich die neue Sendereihe von Asemaa-TV, deren dritte Episode vor der Kulisse des frisch gestrichenen Leuchtturms aufgezeichnet wird. Die Hafenstadt will Wirtschaftsmotor Libyens werden und ausländische Investoren anlocken. „Pünktlich sein“ heißt das Thema der heutigen Sendung. Gast am Open-Air-Studiotisch ist Nasr Beruis, seit der Revolution Chef einer kleinen NGO, die jungen Leuten in Kursen beibringt, wie man einen Lebenslauf schreibt und sich in einem Vorstellungsgespräch präsentiert. Er zeigt sich optimistisch: „Auch wir werden der Welt zeigen, dass wir es können.“

Chronologie

Februar 2011. Ermuntert durch die Umbrüche in Tunesien und Ägypten protestieren auch in Libyen Demonstranten gegen das Regime von Muammar al-Gaddafi (Bild). In Bengasi im Osten des Landes übernimmt die Opposition die Macht. Im Westen schlägt das Regime die Proteste nieder, von Osten her rücken aber bewaffnete Rebelleneinheiten vor.

März 2011.
Das Regime drängt die Rebellen zurück und droht Bengasi zu erobern. Auf Frankreichs Betreiben startet die Nato – offiziell zum Schutz von Zivilisten – Luftangriffe gegen Gaddafis Truppen.

August 2011.
Nach monatelangen Kämpfen gelingt es den Rebellen, Gaddafi und seine Getreuen aus Tripolis zu vertreiben.

20. Oktober 2011. Die Rebellen nehmen Gaddafis letzte Hochburg, Sirte, ein. Der Diktator wird von den Aufständischen gefangen. Bilder, die zeigen, wie Gaddafi von einem Mob misshandelt und getötet wird, gehen um die Welt. [EPA]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.10.2012)

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14 Kommentare
Gast: Blankenstein Husar
22.10.2012 04:53
0 0

zu verjagen?

zu erschlagen müsste es wohl heissen............

Gaddafi zu verjagen war der einfachste Teil“

Gaddafi hat sich zwar zum Sonderling entwickelt, aber er war kein Despot wie man ihm das versucht nachzusagen. Er war ein Integrator aller Stämme in Lybien und hat jeden Leben lassen. Er hat erkannt das Afrika und die afrikanischen Länder ausgebeutet werden von den Industrieländern. Die Despoten in Afrika sind ganz Andere. Er war dabei, den afrikanischen Ländern ihre Selbständigkeit wieder zu geben damit die Menschen nicht mehr ausgebeutet werden können. Idi Amin als nachgewiesener Menschenschlächter starb friedlich im Exil. Warum wohl!!. Mugabe in Simbawe ist ein Menschenschlächter. Die Wasserleitung aus der Wüste nach Bengasi und Tripolis haben die Koreaner gebaut. Er wußte Öl ist nicht Alles. Er wollte einen landwirtschaftlichen Streifen aufbauen um seine Bevölkerung ernähren zu können. 100.000 Wohnungen waren in Planung und vor der Vergabe. Er hat dem Westen immer geholfen vor allem mit Geld und Öl. Er hat jedoch gemerkt im Westen sind keine Freunde ausser einem Österreicher über dessen Bank er alle seine Aufträge abwickeln wollte. Es wäre die größte Bank geworden. Die Gelder hat er zum Teil umgeschichtet und von den Banken abgezogen. Das ist der Grund warum er vernichtet werden mußte. Ausserdem er wußte zu viel !!!

Freie Wahlen Libyen !!!!!!

--> 80 Sitze wurden an gewählte Parteilisten vergeben, 120 Sitze an "unabhängige" deren politische Gesinnung vermutlich unbekannt ist, die Libyschen Parteien die für Gaddafis "Politik" waren wurden ausgeschlossen. ...... Wahrlich "freie" Wahlen.

Gast: dauergast
20.10.2012 13:15
6 0

wahrlich ...

... ich habe ganz selten in meinem leben dummdreistere propaganda gelesen, wie die in diesem - von fakten völlig freien - machwerk ...

faktum: in libyen herrscht nach wie vor krieg, bani walid - die widerstandshochburg der jamahiriya - hat erst dieser tage die banden aus misurata zum teufel gejagt, der süden libyens ist weitgehendst "regime"-frei - also zu behaupten - libyen hätte so etwas wie eine "gewählte regierung" und dazu etwas von demokratie und freiheit zu faseln - ist tatsächlich ein starkes stück und könnte falscher nicht sein ...

Gast: noch einer
20.10.2012 09:17
12 2

Verjagen ?

Der Gaddafi wurde von der NATO
mit brutalsten militärischen Mitteln verfolgt
die zehntausenden Libyern das Leben gekostet haben.
und Gaddafi selbst wurde auf barbarische Weise ermordet .
Nichts als ein weiterer Raubzug von NATO Staaten ....

Was wurde Gaddafi eigentlich nachgewiesener Weise
vorgeworfen ?

Antworten Gast: Gottes rechte Hand
20.10.2012 12:35
1 0


...

aber die Öl Lizenzen wurden mittlerweile schon vergeben oder??!!!

So lang es den Gaddafianhängern nicht erlaubt wird an den Wahlen teil zunehmen ...

... werden wir die tatsächliche politische Gesinnung des Libyschen Volkes nicht herausfinden. Die NATO kann sich also ungeachtet dessen im vermeintlichen Erfolg der Mission baden.

3 0

Re: So lang es den Gaddafianhängern nicht erlaubt wird an den Wahlen teil zunehmen ...

Das würde sich Faymann auch wünschen: Wählen darf nur, wer SPÖ wählt. Geniales Demokratie-Konzept.

15 3

Niemand sei gewohnt zu arbeiten, es gebe keine Regeln, keine Gewissenhaftigkeit.

Offenbar hat sich aber vorher nirgends der Müll getürmt, Theater und Kinos waren nicht geschlossenen und auf der Abendpromenade sind Menschen spaziert.

Es muss daher unter Ghadaffi doch die Masse der Leute gearbeitet haben......

Aber der Artikel soll uns natürlich sagen, dass die "Befreiung" Lybiens durch die NATO-Bomber ein Segen für das Land war...
Da muss man über kleinere Unschärfen schon mal hinweg sehen.

Antworten Gast: Novaris
20.10.2012 10:00
4 0

Re: Niemand sei gewohnt zu arbeiten, es gebe keine Regeln, keine Gewissenhaftigkeit.

Dass die Libyer vorher wenig oder garnicht gearbeitet haben ist bekannt. Gearbeitet haben die ausländischen Hilfskräfte aus Ägypten und anderswo.
Gaddafi wurde nicht gestürzt, um dem Volk Menschenrechte, Selbstbestimmung und "Demokratie" zu bringen sondern Gaddafi wollte im großen Stile EURO-Guthaben von französischen Banken abziehen und den Gold-Dinar einführen. Zudem lehnte er das Engagement von ausländischen Banken ab (Keine Kredite - keine Zinsen) und, natürlich, ging es um preiswertes Öl.
Das reichte allemal, um "unbeliebt" in gewissen Kreisen zu sein.
Trotz alledem : Er ist nun "weg" und es bleibt zu hoffen, dass die Libyer ihren demokratischen Weg finden und Arbeiten lernen, tja, und sie werden dann feststellen, dass für Vieles gearbeitet werden muß, was es früher vom "Bruder Gaddafi" gratis gab.

Antworten Gast: mir reichts
20.10.2012 07:41
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Re: Niemand sei gewohnt zu arbeiten, es gebe keine Regeln, keine Gewissenhaftigkeit.

glauben sie, sie schaffen es noch in diesem leben, libyen richtig zu schreiben?

Re: Niemand sei gewohnt zu arbeiten, es gebe keine Regeln, keine Gewissenhaftigkeit.

die nato hat erst eingegriffen als die arabische liga sie darum gedrengt hat!

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Re: Re: Niemand sei gewohnt zu arbeiten, es gebe keine Regeln, keine Gewissenhaftigkeit.

Der ja ein Hort demokratischer Musterländer darstellt die allesamt keinerlei persönlich Interessen haben...