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Zwei „Rockstars“ auf Tour für Barack Obama

19.10.2012 | 18:29 |  Von unserem Korrespondenten THOMAS VIEREGGE (Die Presse)

Bill Clinton und Bruce Springsteen trommeln in Ohio mit vereinten Kräften für die Wiederwahl des amtierenden Präsidenten. Gerade bei der weißen Arbeiterschaft kommt Clinton sichtlich besser an als Obama.

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Parma. Würde Bill Clinton ins Saxofon blasen, würde der ehemalige Saxofonist der High-School-Band von Hot Springs ein wenig improvisieren? Dies fragte sich Mike Halloren in der randvollen Basketballhalle – und hinterher auf der Bühne des Cuyahoga Community College in Parma, nur wenige Meilen von der „Rock'n'Roll Hall of Fame“ in Cleveland entfernt, auch Bruce Springsteen.

Senioren auf Krücken und Gehhilfen, Arbeiter mit Baseballkappen, Hipster mit ihren Hüten und Superpatrioten wie Mike Halloren mit dem Sternenbanner-Kopftuch: Sie alle waren in die Vorstadt gepilgert, um die beiden „Rockstars“ im Duo zu bestaunen: Expräsidenten „Bubba“ Clinton und „The Boss“, Bruce Springsteen. Schwer zu sagen, wer die größere Attraktion ist. „Springsteen ist wie die Schokoladestreusel auf dem Eis“, findet ein Pensionist.

Die beiden „Baby-Boomer“, Ikonen der US-Arbeiterklasse, sollen Barack Obama im Finish zur Wiederwahl verhelfen. Sie sollen um die Gunst der männlichen weißen Arbeiter in Staaten wie Ohio buhlen, die dem Präsidenten Ressentiments entgegenbringen.

Zweieinhalb Wochen vor dem Tag X werfen die Demokraten noch einmal alles in die Schlacht – insbesondere in Ohio, dem „Schlachtfeldstaat“ Nummer eins. „Wie Ohio entscheidet, so entscheidet die Nation“, lautet eine Gesetzmäßigkeit bei Präsidentschaftswahlen.

Die Halle tobt, als Clinton, rank wie in High-School-Tagen, auf die Bühne federt. „We love you, Bill“, platzt jemand heraus. „Er ist einer unserer größten Präsidenten“, meint Halloren ein wenig verklärend. Der Ex-Präsident genießt eine Popularität wie nie zuvor, zwei Drittel der Amerikaner sind ihm wohlgesinnt. Seit seiner Parteitagsrede liegen ihm die Demokraten wieder zu Füßen. Selbst Mitt Romney schmeichelte ihm, als er neulich bei der „Clinton Global Initiative“ eine Rede hielt.

Clinton, so meinen viele, sei allein verantwortlich gewesen für das Zwischenhoch der Demokraten im September. Obama hat bei seinem Parteitagsauftritt alles andere als geglänzt, Clinton riss die Partei mit. Hinterher erklärte der Präsident halb im Scherz, vielleicht sollte er seinen Vorvorgänger als Cheferklärer ins Kabinett berufen.

 

„Polit-Dozent“ Clinton

In Parma nimmt Bill Clinton seine Rolle als Polit-Dozent wieder auf: Während er an der Lesebrille nestelt, zerpflückt er das Programm der Republikaner Punkt für Punkt. Er wirft mit Zahlen um sich, spart nicht mit Seitenhieben gegen deren Kandidaten. „Ich bin in den USA geboren“, zitiert er den berühmtesten Springsteen-Songtitel „Born in the USA“, den einst Ronald Reagan widerrechtlich ausgeborgt hat. „Aber anders als Mitt Romney lege ich mein Geld auch hier an.“ Die Republikaner seien nun am Boden zerstört, weil die Arbeitslosenrate unter acht Prozent gefallen sei, spottet Clinton.

„Es ist gar nicht kompliziert“, sagt Clinton: „Der Präsident hat euch unterstützt, als es euch schlecht ging. Jetzt müsst ihr ihm helfen. Es ist noch nicht alles rosig, aber es geht aufwärts.“ Die muskelbepackten Feuerwehr-Gewerkschafter in engen gelben T-Shirts johlen. „Keiner kann schwierige Sachverhalte so einfach darstellen“, schwärmt Matt Sparling.

Clinton facht die Ovationen an: „Ich bin ja nur der Anheizer für Bruce Springsteen.“ Und dann umarmen sich die beiden bereits, und Springsteen retourniert das Kompliment: „Es ist schwer, nach Elvis die Bühne zu betreten.“

 

„Wir geben nicht auf“

Das Saxofon bleibt im Koffer. Im Handumdrehen versteht es der „Boss“ indes, das Publikum einzunehmen. „No Surrender“, dröhnt er. Soll heißen: Wir geben das Weiße Haus nicht so schnell auf.

Eigentlich wollte sich Springsteen im Wahlkampf – anders als bei den vergangenen beiden Wahlen – nicht bis zur letzten Pore engagieren, er zeigte sich ein wenig enttäuscht von der Bilanz Obamas. In Parma freilich rühmt er ihn für die Gesundheitsreform, die Bändigung der Wall Street und die Rettung der Autoindustrie. „Wenn GM keine Autos mehr produziert, worüber sollte ich Songs schreiben?“ Der 63-Jährige betreibt Propaganda: Das Abtreibungsrecht, glaubt er, stehe infrage. Die Teilung des Landes in Superreiche und den Rest der Gesellschaft schreite rasant voran: „Eine Nation muss man an ihrer Leidenschaft für die Schwächsten messen.“

 

Fotohandys statt Feuerzeuge

Wenn er an die Wahlnacht vor vier Jahren denke, sei er noch immer elektrisiert. Vor der Amtseinführung Obamas spielte Springsteen vor dem Lincoln Memorial auf, Obama entlieh einen programmatischen Springsteen-Song für seine Kampagne: „We Take Care of our Own“. Wie zur Untermalung stimmt er eine seiner Hymnen an, „The Promised Land“, und gleich im Anschluss Woody Guthries „This Land is my Land“. „Thunder Road“ rollt übers Publikum hinweg. Er komponierte sogar einen Jux-Wahlkampfsong: „Forward“.

Was einst die Feuerzeuge waren, sind nun die hochgereckten Fotohandys – sie glimmen in der Dunkelheit. Eine Bürgerrechtsveteranin, eine Afroamerikanerin in Dreadlocks, summt den Refrain mit und nickt dabei beseelt. Die Draufgabe besteht aus einer Aufforderung des Polit-Rockers: „Wählt, wählt, wählt.“ Wie um sicherzustellen, schickt er noch hintendrein: „Four more years.“

Hintergrund

Die US-Wahl wird in wenigen „Schlachtfeldstaaten“ (Battleground States, Swing States) entschieden. In einem Großteil der Bundesstaaten gibt es nämlich eine solide Mehrheit entweder für die Demokraten (Westküste, Neuengland) oder die Republikaner (Südstaaten, mittlerer Westen). Spannend bleibt das Rennen in Staaten wie Florida, Ohio, Colorado, Pennsylvania, auf die ein Großteil des Wahlkampfs entfällt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.10.2012)

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3 Kommentare

Ein gutes Buch zum Thema

"Hollywood Hypocrites" von jason Mattera. Entlarvt die "Do as I say not as I do"-Limousineliberals, u.a. auch Herrn Springsteen.

Dieses warme Geleiere ...

... von Bruce Springsteen soll die Amerikaner mobilisieren? Schwer vorstellbar.

Rockstars auf Tour für Obama ...

... ist verständlich, politisch hat der Obama zur Zeit nicht wirklich die Trümpfe in der Hand.