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Libanon: „Die Alawiten sind alle Terroristen“

22.10.2012 | 21:37 |  Von unserem Mitarbeiter ALFRED HACKENSBERGER (Die Presse)

Nach der Ermordung von Geheimdienstchef Hassan schlagen im Libanon Gegner und Verbündete des syrischen Präsidenten Assad aufeinander ein. Für viele ein Indiz, dass der Konflikt in Syrien auf den Libanon übergreift.

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Beirut. Um zehn Uhr morgens begannen die Razzien. Die libanesische Armee suchte in verschiedenen Vororten von Beirut nach den Urhebern der Feuergefechte, die bis spät in die Nacht in der libanesischen Hauptstadt zu hören waren. Sechs Menschen waren verletzt worden, als Bewohner von sunnitischen und schiitischen Stadtteilen mit Maschinengewehren und Panzerabwehrraketen aufeinander schossen. Die Scharmützel brachen wenige Stunden nach der Beerdigung von Brigadegeneral Wissam al-Hassan aus.

Der Leiter der „Internen Sicherheitskräfte“ (ISF) war am Freitag durch eine gewaltige Autobombe getötet worden. Während der Trauerfeier für Hassan am Märtyrerplatz im Zentrum Beiruts hatte es bereits Konfrontationen zwischen Polizei und Demonstranten gegeben. Die Protestierenden machten Syrien für die Ermordung Hassans verantwortlich. Einige hundert versuchten, das Büro von Premier Najib Mikati zu stürmen.

Angst vor neuem Bürgerkrieg

„Unser Land geht durch eine entscheidende und kritische Phase“, ließ die Armeeführung am Montag verlautbaren. „Das Ausmaß der Spannungen in einigen Regionen hat beispiellose Höhen erreicht.“

Für viele sind diese „Spannungen“ Indiz dafür, dass der Konflikt im Nachbarland Syrien auf den Libanon übergreift und den Staat in einen Strudel der Gewalt treibt. „Natürlich denkt man unwillkürlich an den Bürgerkrieg, der 15 Jahre gedauert und unser Land völlig zerstört hat“, sagt Raffy, ein Informatikstudent aus Beirut. „Das ist nicht mehr aus dem Kopf der Libanesen herauszubekommen, dass die Religionsgruppen wieder aufeinander losgehen könnten.“

Mit Religion haben die nächtlichen Scharmützel von Beirut nichts zu tun. Der Libanon ist in zwei politische Lager gespalten, die sich seit Jahren nicht ausstehen können, aber in denen alle Konfessionen vertreten sind. Die Ermordung des ISF-Chefs Hassan ist ein Anlass, den Disput wieder einmal mit Waffengewalt auszutragen.

Hassan war enger Vertrauter von Saad Hariri, dem vormaligen Premier und der Galionsfigur des Oppositionsbündnisses 14. März: eine prowestliche Fraktion, die sich an Frankreich und den USA orientiert und die syrischen Rebellen im Kampf gegen Präsident Bashar al-Assad unterstützt.

Gefechte in Tripoli

„Die Regierung soll zurücktreten“, forderte Nohad al-Maschnuk. „Sie repräsentiert das syrische Regime und schützt die Politik des Iran im Libanon.“ Das führende Mitglied des 14. März meinte damit in erster Linie die radikalschiitische Hisbollah, die im Kabinett von Premier Mikati eine wichtige Rolle spielt und vom Iran, einem engen Verbündeten Syriens, finanziell und militärisch unterstützt wird.

In Tripoli, das im Norden des Libanon unweit der syrischen Grenze liegt, ist die Situation anders als in Beirut. In der Hafenstadt wird ein Stellvertreterkrieg entlang von Glaubenslinien ausgetragen. Hier gab es bei Kämpfen mindestens drei Tote. Seit Monaten liefern sich zwei rivalisierende Stadtteile, das alawitische Schabal Mochsen und das sunnitische Viertel Bab al-Tabbaneh, immer wieder schwere Gefechte.

Tripoli ist ein Zentrum des erzkonservativen sunnitischen Islam. Radikale Salafisten, von denen es über 3500 in der Stadt geben soll, plünderten Geschäfte von alawitischen Besitzern und zündeten sie an. Der alawitischen Minderheit gehört auch Syriens Präsident Assad an. Der Zorn in Tripoli richtete sich selbst gegen sunnitische Glaubensbrüder, die im Verdacht standen, für Hisbollah und das syrische Regime zu sein.

Anleitung zum Jihad

Über Tripoli läuft der Waffenschmuggel zu den „sunnitischen Brüdern“, den Rebellen, die Assad und sein Regime stürzen wollen. Laut Angaben der Hafenbehörden kamen drei mit Waffen beladene Schiffe aus Libyen an, deren Fracht über die Grenze nach Syrien ging.

Am Strand der Stadt wurden 60 noch verpackte Kopien eines Buches gefunden, die man offensichtlich in aller Eile zurücklassen musste: Lektüre für die kämpfenden Brüder in Syrien. Titel des 600 Seiten starken Machwerks: Sachfragen zur Wissenschaft des heiligen Kriegs. Autor: Sheikh Abdul-Rahman al-Ali, ein Islamgelehrter des Terrornetzwerks al-Qaida. Darin wird das Töten von Zivilisten, selbst von Frauen, Kindern oder älteren Menschen im Jihad gerechtfertigt. Und den Kopf eines Ungläubigen abzuschneiden, „ist beabsichtigt und bevorzugt von Gott und dem Propheten“.

Alawitenviertel im Visier

Die 50.000 Alawiten gelten als Ungläubige. Ihre erklärte Allianz zum syrischen Regime tut ein Übriges. „Diese Leute sind alle Terroristen, die uns angreifen und ihre Waffen direkt aus Damaskus bekommen“, sagt Abu Mounir, ein sunnitischer Milizführer aus Bab el-Tabbaneh, der keiner sein will. Der glatt rasierte Mann gibt sich als Nachbarschaftsführer, der bei Streitigkeiten vermittle.
Nein, nein, eine Miliz habe er nicht! Und die Pistolen, die bei ihm und seinen Begleiter im Gürtel stecken, bräuchte man nur zu Selbstverteidigung. In seinem Haus im obersten Stock steht eine meterlange Sandsackbarrikade mit dem Blick auf das Viertel der Alawiten. „Wir schießen von hier aus auch mit Panzerabwehrraketen“, gibt Abu Mounir unumwunden zu. Er und seine Leute werden vom Oppositionsbündnis 14. März finanziell unterstützt.

Assads gesammelte Werke

In Schabal Mochsen, das auf einem Hügel hoch über Tripoli liegt, sieht man die Dinge anders: „Wir werden angegriffen und verteidigen uns nur“, behauptet Ali Faddah, der Sprecher der Arabischen Demokratischen Partei (ADP). „Wir sind eine Minorität, umgeben von 700.000 Sunniten“, erklärt der 29-Jährige. „Warum sollten wir als Minderheit angreifen?“

Im Büro der ADP wird sofort klar, wo die Allianzen liegen. Im Bücherregal stehen gesammelte Werke von Bashar al-Assad und seinem Vater Hafez. Daneben eine Buchreihe von Hassan Nasrallah, dem Hisbollah-Generalsekretär, die von Syrien und dem Iran unterstützt werden. „Die Leute unten in Bab al-Tabbaneh sind alles extreme Islamisten und wollen mit uns hier oben Schluss machen“, ist Faddah überzeugt.

Bisher ist der Stellvertreterkrieg auf die beiden Stadtteile in Tripoli beschränkt geblieben. „Ich frage mich nur“, sagt der Informatikstudent Raffy, „was wird passieren, wenn es jetzt eine neue Welle von weiteren Attentaten wie auf Geheimdienstchef Hassan gibt?“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.10.2012)

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15 Kommentare
Gast: schlÄchter
23.10.2012 12:49
1 0

sg herr redakteur hackensberger!

"Mit Religion haben die nächtlichen Scharmützel von Beirut nichts zu tun"

schiitische hisbollah+alewiten gegen sunnitische salafisten.

nix religiöses, sondern?

im orient gehen die brucklinien gerade entlang konfessioneller grenzen - ethnisch sind alles araber/semiten.
übrigens auch im nahostkonflikt - im grunde ein erbstreit des hauses abraham - nix religiöses?

oder syrien........

???

m fragenden g
s.


Gast: la vache qui rît
22.10.2012 23:33
4 0

neuer Korrespondent?

der Artikel ist jedenfalls weitaus seriöser als das das übliche, was man im Westen so zu lesen kriegt...

Allerdings zwei kleine Anmerkungen: es sind leider gerade nicht wie bei uns oft behauptet, die "erzkonservativen" Milieus des sunnitischen Islam, die sich dem Jihad verbunden fühlen, sondern die Jungen, die angesichts der anhaltenden wirtschaftl. Stagnation weder Arbeit noch Perspektive und vor allem kaum Bildung haben, die sie vor dem vermeintlich weltbewegenden (und lukrativen!) Revoluzzertum der gut finanzierten Moujahedin beschützen würden. Deshalb ist es nur logisch (und wird hier endlich durch die Blume eingestanden) dass viele der "syrischen Oppositionellen" überhaupt keine Syrer sind...

Zweitens sind die Schusswechsel zwischen Sunniten und Alawiten in Tripoli nichts Neues, die laufen seit der angeblich so glorreichen Befreiung 2005 auf mittlerer Flamme. Nur hatte bisher niemand die Oberhand, weil eben die "erzkonservativen" tripolitanischen Sunniten nicht daran interessiert waren, den fanatischen jungen Hitzköpfe mehr als ein paar Pistolen in die Hand zu geben - jetzt da man plötzlich internationale Waffenlieferungen unter anderem aus dem mit französischen Bomben "befreiten" Lybien erhält, wird für die Alawiten wirklich eng...

Frag den Mossad .....


Antworten Gast: Konservativer
23.10.2012 00:17
2 4

Der Mossad räumt wenigstens auf.

Während Gutmenschen-Europa sich kolonisieren lässt.

Es lebe Israel.

Re: Frag den Mossad .....

Was wollen Sie den Fragen?

Antworten Gast: schonwiedereingast (dauerzensuriert)
22.10.2012 20:01
1 0

Re: Frag den Mossad .....

richtig, wenn irgendwo mal wieder ein Auto explodiert, weiss man mittlerweile wessen Markenzeichen das ist

hat Syrien ein Interesse den Libanon mit pro-syrischer Regierung zu destabilisieren? haben die nicht schon genug Probleme?
hmm... wer könnte daran Interesse haben, jetzt mal ganz scharf nachdenken

bei Nachrichten aus der Region empfiehlt es sich zur Einführung, immer vom Gegenteil auszugehen, besser noch, sich bei unabh. Quellen zu informieren


Antworten Antworten Gast: Konservativer
23.10.2012 00:18
1 0

Re: Re: Frag den Mossad .....

"ich bei unabh. Quellen zu informieren"

Er meint Pallywood.

Gast: Hamdudeldei
22.10.2012 16:07
4 0

Frau und Kind kommen aus Frankreich

Nun ist F ja eine syrische Buergerkriegspartei und der Angriff auf Homs wurde aus dem Libanon versorgt. So ganz unbeteiligt wird der gute General vielleicht doch nicht gewesen sein.

Gast: la vache qui rît
22.10.2012 15:37
8 0

und was hier nicht vorkommt...

ist unter anderem: während den Ausschreitungen haben die pro-westlichen und schwer bewaffneten "Oppositionellen" versucht, das Regierungsgebäude zu stürmen, was nur durch das beherzte Eingreifen der Armee verhindert werden konnte.

Und noch ein Wort zu unserem lieben General Wissam alHassan, Gott sei seiner gnädig: der "Märtyrerpremier" Rafiq alHariri hat sich während dem Bürgerkrieg mit Waffenhandel eine goldene Nase verdient und wurde dann als Chef der syrischen Marionettenregierung eingesetzt - sein Adjutant war seit 2001 alHassan. Erst als alHariri sich 2005 mit Damaskus entzweit hat, wurde er zum Helden der "Antisyrischen", wofür er auch durch eine Autobombe sein Leben lassen musste. Im übrigen hatte sich General alHassan, der alHariri normal immer begleitete, an diesem Tag freigenommen und konnte später kein plausibles Alibi angeben. Da er aber mittlerweile ins "antisyrische" Lager gewechselt war, verfolgte man die Spur nicht weiter.
Der Sohn von alHariri, Saad, der die mit wenig Erfolg gesegnete letzte Legislatur angeführt hatte, nutzt jetzt übrigens die Gunst der Stunde, um zum Sturz der Regierung aufzurufen. Aber der gute Mann ist ja ein Freund des Westens und deshalb über jeden Zweifel erhaben.

Antworten Gast: schlÄchter
23.10.2012 13:06
1 0

Re: und was hier nicht vorkommt...

sge "lachende kuh"!

guter kommentar - danke.

nur eines erlaube ich mir kritisch anzumerken: "prowestlich" sind die sunnitsichen oppositionellen (im libanon oder gra syrien) sicher nicht.
der denkfehler der US- und auch westl. strategen liegt darin (ein erbe des kalten krieges) dass die feinde meines feindes (assad, iran) automatisch mein freund sein müssen - im orient ticken die uhren anderst: der westen ist neben den islamischen "häretikern2 (schiiten, alewiten, drusen) und den chriten ebenso der feind.
nicht westlich, nicht östlich - islamisch - das war und ist der kampruf der mujahid.

mfg
s.

Antworten Antworten Gast: la vache qui rît
23.10.2012 18:53
1 0

Re: Re: und was hier nicht vorkommt...

ja sehr genau, da haben sie ganz recht. es ist zwar im libanon immer noch üblich die zugehörigkeiten der einzelnen strömungen nach schutzmächten einzuteilen, was seit dem bürgerkrieg im wesentlichen als "westen" (frankreich, usa, gb) und "osten" (russland, china, syrien, iran) bezeichnet wird - aber das gilt vor allem für die finanziellen abhängigkeiten und schon lange nicht mehr (oder vielleicht noch nie wirklich) für die ideologischen, da haben sie völlig recht dass sie das anmerken.

allerdings funktioniert der "osten" in diesem spiel genauso: russland, china und iran haben grundverschiedene ideologien und polit.-ökonom. Interessen untereinander und im Unterschied zur syrischen Regierung, aber derzeit ergibt es sich so dass sie eine lose Allianz bilden - gerade der Iran und Syrien haben geradezu konträre politische Systeme und tiefe weltanschauliche Unterschiede und würden sich unter anderen Umständen gegenseitig bekriegen... aber angesichts des gemeinsamen Feindes sind iranische Schiiten und alawitische Säkularisten ein Herz und eine Seele...

3 0

Re: und was hier nicht vorkommt...

Ich bin ihnen sehr dankbar fuer Ihren Kommentar! Die einseitige Berichterstattung der westlichen Medien erschuettert mich mitletweile zutiefst, aber anscheinend ist momentan Manipulation wichtiger als Aufklaerung und Information. Dieser Anschlag ist eindeutig ein Versuch, den Libanon zu destabilisieren, und kein "Machtbeweis" von Syrien!

Frühlingserwachen!

Wann kommt der Frühling endlich zu uns!

Zuviele von ihnen

Anscheinend noch immer zu viele Christen im Libanon......

Laut diesem Bericht ..

.. muss der Assad ziemlich viel Einfluss haben im Libanon.

Im wahrsten Sinne des Wortes: unglaublich

Im Fadenkreuz der Terroristen