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Wahlbeobachter rügen Kiew

29.10.2012 | 18:11 |  JUTTA SOMMERBAUER UND OLIVER GRIMM (Die Presse)

Einen Tag nach der Parlamentswahl in der Ukraine spricht die OSZE von einem "Rückschritt im demokratischen Prozess". Die EU dürfte ihre harte Haltung in Sachen Assoziierungsabkommen vorerst beibehalten.

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Kiew/Brüssel/Wien. „Ich bin sehr enttäuscht, dass ich Ihnen heute traurige Nachrichten überbringen muss.“ Mit diesen Worten begann Walburga Habsburg Douglas am Montag ihre Stellungnahme in Kiew. Die schwedische Politikerin und jüngste Tochter von Otto von Habsburg leitete die Beobachtermission der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE). Einen Tag nach der Parlamentswahl in der Ukraine, in der die regierende Partei der Regionen von Präsident Viktor Janukowitsch als führende Kraft bestätigt worden war, fällte die OSZE ihr Urteil über den Urnengang. Es war mit Spannung erwartet worden, da es als Wegweiser für die weitere Annäherung des Landes an die EU gilt.

 

Lange Liste an Kritikpunkten

Die Kritik war ausführlich und ungewöhnlich scharf, das Lob für die Behörden rasch zusammengefasst: Wiewohl der Wahltag „friedlich“ abgelaufen sei und in Wahllokalen und bei der Stimmauszählung grundsätzlich keine Übertretungen festgestellt worden seien, beurteilte Habsburg Douglas im Namen der Wahlbeobachter die Organisation des Urnengangs „negativ“ und als „Rückschritt im demokratischen Prozess“.

 

Timoschenkos Ausschluss „sehr unfair“

Die internationalen Beobachter erklärten, dass „Wähler von ihrem Arbeitgeber und staatlichen Organen nicht eingeschüchtert werden“ sollten. Weiters seien administrative Ressourcen missbräuchlich verwendet worden, die Finanzierung des Wahlkampfs sei „nicht transparent“ gewesen, die Medienberichterstattung unausgewogen. Explizit erwähnte die OSZE auch den Fall der inhaftierten früheren Premierministerin Julia Timoschenko sowie den des ehemaligen Innenministers Jurij Lutsenko, der nach einem umstrittenen Prozess ebenfalls im Gefängnis sitzt. Ihr Ausschluss von der Wahl sei per se „sehr unfair“, erklärte Habsburg Douglas.

Andreas Gross von der Parlamentarischen Versammlung des Europarats (Pace) fügte an: „Die ukrainischen Bürger haben bessere Wahlen verdient.“ Ähnliches dürften sich auch viele ukrainische Bürger gedacht haben, die erst gar nicht zur Stimmabgabe erschienen. Die Wahlbeteiligung lag laut zentraler Wahlkommission bei knapp 58 Prozent.

 

Abstand zu Opposition vergrößert

Hatte es nach den ersten Nachwahlbefragungen am Sonntagabend noch danach ausgesehen, als wäre eine Mandatsmehrheit für die Opposition in Reichweite, vergrößerte sich im Laufe des Montags der Abstand zwischen Regierung und Opposition.

Nach einer Auszählung von 70,1 Prozent der Stimmen lag die Partei der Regionen mit 33,4 Prozent an erster Stelle, gefolgt von der Vereinigten Opposition von Julia Timoschenko (23 Prozent). Die Politikerin erklärte gestern, wegen der „Wahlfälschungen“ in Hungerstreik zu treten. Auf dem dritten Platz landeten die Kommunisten mit 14,5 Prozent, auf Platz vier – schlechter als in Umfragen erwartet – die Partei Udar (Schlag) von Boxweltmeister Vitali Klitschko mit 13,2 Prozent. Auch die Ultranationalisten von Swoboda (Freiheit), die vor allem in der Westukraine und unter Auslandsukrainern punkteten, werden als fünfte Kraft in das neue Parlament einziehen. Swoboda, Udar und Timoschenkos Allianz wollen künftig zusammenarbeiten. Dass dies den Beteiligten nicht leichtfallen wird, klang bereits gestern in ersten Wortmeldungen an.

Trotz des Achtungserfolges der Oppositionskräfte dürften Janukowitschs Blaue, deren Hochburg in der Ostukraine liegt, das neue Parlament dominieren. Sie streben eine Zusammenarbeit mit den Kommunisten und den etwa 50 unabhängigen Mandataren an, die in Direktwahl in die Kiewer Werchowna Rada gewählt wurden. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Partei der Regionen mit ihren Verbündeten auf mehr als die Hälfte der insgesamt 450 Sitze – und damit auf die Mehrheit im Parlament – kommt.

 

Europas Angst vor zweitem Weißrussland

Im Verhältnis zur EU ändert das Wahlergebnis voraussichtlich nichts. Seit Timoschenko verhaftet worden ist, sind die Verhandlungen über ein Assoziierungsabkommen und ein umfassendes Freihandelsabkommen eingefroren. Die Europäer sind in einer taktischen Zwickmühle: Sollen sie die Abkommen, die Handelserleichterungen und finanzielle Hilfe nach sich ziehen, vorantreiben und das Regime in Kiew damit zu rechtsstaatlichen Reformen zu verpflichten versuchen? Oder würde Janukowitsch so einen Verhandlungserfolg 2015 in der Kampagne um seine Wiederwahl als Präsident erst recht propagandistisch ausschlachten?

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Für eine Annäherung plädieren die europäischen Sozialdemokraten, die seit 2010 mit Janukowitschs Partei kooperieren. Hannes Swoboda, der SP-Fraktionschef im Europaparlament, nannte die Wahl „legitim und ordentlich“, sie habe zudem „die Erwartungen der meisten Kritiker übertroffen“. Die Politikwissenschaftlerin Amanda Paul vom European Policy Centre in Brüssel rät der EU zu einer differenzierten Vorgangsweise: Man sollte das Assoziierungsabkommen unterzeichnen, Kiew also die Hand entgegenstrecken, und dann Janukowitsch mit dem Verweis auf den Unwillen einiger nationaler Parlamente in der EU, dieses Abkommen auch zu ratifizieren, die Rute ins Fenster stellen. Was niemand will, ist eine Wiederholung des weißrussischen Traumas: Das Regime in Minsk ist von der EU fast komplett isoliert, zeigt aber keine Einsicht – sondern nähert sich im Gegenteil politisch immer stärker an Russland an.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.10.2012)

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35 Kommentare
 
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Freude

kommt auf. Die schönste Freude ist die Schadenfreude.

"friedlich" und "keine Übertretungen"

in Wahllokalen und bei der Stimmauszählung. Und trotzdem wird die Wahl als "negativ" und "Rückschritt im demokratischen Prozess" bezeichnet. Spinnt die Habsburg jetzt schon? Die Walpurgisnacht ist doch erst Ende April... ;-)

Antworten Gast: K. Q.-L.
30.10.2012 13:32
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Re: "friedlich" und "keine Übertretungen"

Sie waren wohl noch nie Wahlbeobachter im Osten? Und damit meine ich nicht Wien.

Die Ukraine im Zerrfeld der EU

Die von der EU genährte extreme Polarisierung tut der Ukraine keineswegs gut. Das ins Land getragene Fieber "EU-Beitritt" führte de facto zur Spaltung der Gesellschaft. Die immer wieder vorgebrachte Formel: "EU-Annäherung nur über Abschottung gegenüber dem Freihandelsraum mit Russland" treibt diese Entwicklung in Richtung Zweiteilung des Landes. Dies kann weder dem Frieden noch der wirtschaftlichen und politischen Entwicklung der Ukraine helfen. Im Gegenteil: Der amtierende Präsident wird dazu gedrängt, sein Land - festgefahren zwischen zwei Wirtschafts- und Politblöcken - zu positionieren. Der korrupte aber durchaus schlaue Janukowitsch versucht daher seit geraumer Zeit politisch wie diplomatisch zwischen den beiden Systemen zu lavieren.
Fakt ist jedoch, dass die Ukraine weder als Gesamtstaat noch als Westteil EU-reif ist.
Eine vorschnelle Übergabe von Kiew an die Liberalisierungsdrängler aus Brüssel würde den Schleuderkurs nur beschleunigen.
Für diese Pattsituation ist die drängende EU stark verantwortlich. Nur eine aufgeschlossene Haltung gegenüber den Plänen Moskaus, das eine multipolare Weltordnung mit übergreifenden Wirtschaftsstrukturen anstrebt, könnte die Situation entschärfen.
Die Aussichten dafür stehen schlecht, strebt die EU doch eine völlig gegensätzliche Zementierung der Wirtschaftsordnung an.

Gast: Ein schwerer Fehler...
30.10.2012 07:10
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Man sollte NIEMALS den Ausgang einer Wahl kritisieren!

Es ist einzig und allein ausschlaggebend, ob alles fair abgelaufen ist.

Jede Kritik darüber hinaus hat zu unterbleiben.

Erinnern wir uns zurück an 2000, als das Ausland Sanktionen gegen Österreich verhängt hat. Das hat ÖVP + FPÖ eher gestärkt und genau gar nichts gebracht.

Gast: Burgenländischer Burgermaster im vorzeitigen Wahlkarten-Ruhstand!
29.10.2012 22:55
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"Rückschritt im demokratischen Prozess".......

....vielleicht will man sich den restlichen Ländern anpassen???
be.es:
ich hoffe, dass bei uns 2013 auch so viele Wahlbeobachter beobachten!

Gast: Demokierkratie
29.10.2012 22:35
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...die Finanzierung des Wahlkampfs sei „nicht transparent“ gewesen, die Medienberichterstattung unausgewogen...

Und dann müßte man die Menschen im amerikafreundlichen Westen (wie auch direkt in den USA) auch noch darüber aufklären, dass es in den USA nicht nur Demokraten und Republikaner gibt, und dass ein gutes halbes Dutzend anderer Parteien ebenfalls Präsidentschaftskandidaten am Start haben.

Der EU wird zu "Differenzierung" geraten ...

... die EU hat die Ukrainer gleich zu behandeln wie jeden anderen, und die Entscheidung der Wähler zu akzeptieren. Ist doch ganz einfach oder?

Wenn die EU'ler nicht irgendjemand, irgendeinen Stempel aufdrücken können werden die nicht glücklich.

Gast: Demokierkratie
29.10.2012 21:14
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OSZE-Wahlbeobachter?

Die haben sich übrigens auch in den USA angekündigt. Und es gibt einige republikanische Politniks in Texas, die Ihnen Hausverbot verordnet haben, mit Androhung von rechtlichen Schritten, wenn sie sich einmischen.

Re: OSZE-Wahlbeobachter?

Was will die OSZE in Amerika? Soweit ich weiss, steht das "E" im Namen der Organisation fuer "Europa".

Gast: luchs
29.10.2012 20:55
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das müssen ja gigantische Betrugsmanöver

gewesen sein, um 33 % zusammenzuschwindeln,
zumal die Mehrheit gar nicht gesichert ist. Aber,
Frau Habsburg Douglas hat dieses listige Manöver eiskalt durchschaut,der entgeht halt nichts.
Den Vogel schiesst aber der Mensch ab, der die Wahl unfair einschätzt, weil die T. im Knast sitzt.
Der Kerl ist zum Brüllen.

Gast: Presse Print
29.10.2012 18:42
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... Wahlbeobachter rügen?

Warum denn in die Ferne schweifen, wenn das ...!

Gast: Wahlbeobachter
29.10.2012 18:03
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Der Falsche hat gewonnen

Wenn die Us-Marionetten gewonnen hätten, wäre alles in Ordnung und von Manipulation keine Rede. Eh klar....
Zumindest in den Systemmedien.

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wäre es dort nicht so kalt...

...könnte man die ukraine als bananenrebuplik bezeichnen.

...aber jeder bekommt das, was er verdient ;-)

Antworten Gast: Pedro aus Caracas
29.10.2012 18:46
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Re: ...könnte man die ukraine?

Sie sollten nicht mit Steinen werfen; es ist auch bei uns nicht das Klima und trotzdem sind wir ganz knapp an der Ernte dieser krummen Früchte!

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Re: Re: ...könnte man die ukraine?

das stimmt ... viel zu kalt für oktober ;-)

Ukraine in Europa

Klitschko will aus der Ukraine einen modernen Staat machen. Na gut.
Aber er will die Ukraine auch in die EU; mit der Feststellung, die Ukraine war immer Teil des europäischen Kulturraumes.
Seit wann? Mag sein, daß es um Lemberg und Stanislau herum Juden gab, die mit Recht zum Westen gezählt werden durften; jene daraus, die überlebt haben, findet man in Amerika oder Israel.
Der Rest sind Russen, und da sind die Nachfahren der Kiewer Ruß nur ein russischer Stamm.
Geografisch reicht Europa bis zum Ural, oder besser geologisch, dort, wo Europa und Asien zusammengestoßen sind. Aber bei dem Thema geht es nicht um Geologie, Geografie, sondern um über ein Jahrtausend unterschiedlich entwicklelte Lebensart. Geografisch zählt daher auch Rußland zu Europa.
Die Russen in Kiew mit den russisch gesonnenen Ukrainern stellen die Mehrheit; ist schätze, die zählen sich mehr zum russischen Kultur- und daher auch Wirtschaftskreis.
Noch ärger kann man Rußland kaum brüsdkieren als sich für eine EU-Aufnahme der Ukraine einzusetzen.

Boxer, ZZahntechniker und andere "Profis" in Parlamenten

Wer hätte sich das vor 20 oder 30 Jahren vorstellen können? Wahrscheinlich niemand.

Den "etablierten" Parteien sollte es zu denken geben, dass die Bevölkerung inzwischen jedem bekannten Menschen, egal aus welcher Branche, zutraut, das politische Amt besser zu führen als sogenannte Berufspolitiker es tun, aber die Dam- und Herrschaften habe offenbar keine Zeit, darüber nachzudenken, sind sie doch zu sehr beschäftigt mit allerlei krummen Geschäften und damit, sich auf Kindergartenniveau gegenseitig anzupatzen und schlecht zu machen.

Re: Boxer, ZZahntechniker und andere "Profis" in Parlamenten

angeblich wurde in Amerika ein Schauspieler Präsident
warum muss ihrer Meinung nach ein Politiker immer diesen vorgezeichneten Politischen Werdegang haben??
sieht man da nicht was rauskommt!?
es sollten vielmehr Politiker vom normalen Volk gestellt werden!

Antworten Antworten Gast: W. Dental
29.10.2012 18:53
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Re: Re: Boxer, ZZahntechniker und andere "Profis"?

Arg, ärger, am ärgsten find' ich aber nicht Sportler, Schauspieler, Handwerker und weitere Repräsentanten des Volkes im Plenum oder Regierung; was die gelernten und nichts als gelernten Politiker an Ergebnissen einfahren, so könnte man die aufgezählten Berufe als über qualifiziert bezeichnen!

Re: Boxer, ZZahntechniker und andere "Profis" in Parlamenten

Es zählt das Geld; nicht nur in der Ukraine; die Leute sprechen auf Wahlwerbung an; und die kostet Geld.
. Hätte sie sich mehr gegen Bezahlung etwas zurückgelehnt, hätte diese Dolly Buster bei uns mindestens gleiche Chancen wie dieser Lugner.

Gast: soissi
29.10.2012 11:55
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Bei Nachwahlbefragung nur 30 und nun fast 40%...??

z

Janukowitsch liegt klar vorn!

Das wurde ja hier immer eisern bezweifelt, dass der gegenwärtige Präsident wieder gewinnt. Tja, die Yankees sind nicht überall gern gesehen....

Re: Janukowitsch liegt klar vorn!

Worin liegt er vorne? In der Wahlmanipulation?

Antworten Antworten Gast: ix sechsen
29.10.2012 18:55
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Re: Re: Janukowitsch liegt klar vorn!

Sie meinen er hat das USAmerikanische System angewandt?

.... viel Druck seitens der Behörden ...

... deshalb hatte auch der EX-Boxer keinen Freiraum um zu kandidieren.
Offen gesagt: Ich fühle mich durch die österreichische Zeitungs- und Presselandschaft nicht ordnungsgemäß informiert.

 
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