„Kriegsheld“ Gotovina kommt frei

16.11.2012 | 18:31 |  von unserem Mitarbeiter ERICH RATHFELDER (Die Presse)

UN-Kriegsverbrechertribunal kippt Verurteilung ehemaliger kroatischer Generäle wegen Gräueltaten an Serben. Belgrad ist empört. Der Fall Gotovina hatte seit Jahren in beiden Ländern große Emotionen hervorgerufen.

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Sarajevo/ Den Haag. Für viele Serben war es ein Schock – zahlreiche Kroaten feierten hingegen jubelnd auf den Straßen, als die Urteilsverkündung im Zentrum Zagrebs auf einem Riesenbildschirm übertragen wurde: Die Freisprüche für den kroatischen Ex-General Ante Gotovina und den mitangeklagten Ex-General Mladen Markač durch das UN-Kriegsverbrechertribunal lösten am Freitag in den beiden ex-jugoslawischen Teilstaaten gegensätzliche Reaktionen aus.

200.000 Flüchtlinge

Das UN-Kriegsverbrechertribunal hob damit eine erstinstanzliche Entscheidung vom 15. April 2011 auf. Die Generäle waren damals wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit beim Vorgehen gegen die serbische Bevölkerung in Kroatien zu 24 beziehungsweise 18 Jahren Haft verurteilt worden. Das Gericht sah es damals als erwiesen an, dass beide Generäle Verantwortung für den Tod von 324 Zivilisten und gefangenen Soldaten trügen. Sie hätten in ihrem Militärbezirk zudem 90.000 Serben zum Verlassen der serbischen Siedlungsgebiete in der kroatischen Krajina gezwungen.

Der Fall Gotovina hatte seit Jahren in beiden Ländern große Emotionen hervorgerufen und bei Juristen und Militärexperten zu heftigen Auseinandersetzungen geführt. Im Kern ging es darum, ob die Wiedereroberung der von Serben 1991 besetzten Gebiete in Kroatien durch kroatische Truppen im Jahr 1995 rechtmäßig gewesen war.

Gotovina hatte die kroatischen Truppen in Dalmatien befehligt, denen es im August 1995 gelang, serbische Truppen, die seit ihrer Offensive 1991 fast ein Drittel des kroatischen Territoriums besetzt gehalten hatten, zu schlagen. In 72Stunden überrannten kroatische Truppen serbische Stellungen auch in anderen Teilen des Landes. Serbische Soldaten und fast 200.000 Zivilisten flohen in die von Serben gehaltenen Gebiete in Bosnien und Herzegowina und nach Serbien. Nach der Militäraktion kam es zu Übergriffen an nicht geflohenen serbischen Zivilisten und Soldaten – vor allem durch kroatische Zivilisten und die Polizei.

Die Frage, ob Gotovina und Markač dafür verantwortlich gewesen waren, wurde erstinstanzlich bejaht, jetzt aber zurückgenommen. Gotovina hatte immer wieder betont, dass er wenige Tage nach Abschluss der militärischen Aktion nach Bosnien und Herzegowina versetzt worden sei, um dort die Gegenoffensive vorzubereiten.

Im ersten Urteil wurden diese Argumente nicht anerkannt. Befremdlich wirkte nun auch der Freispruch des verantwortlichen Polizeigenerals Markač. Das Haager Tribunal folgte im Revisionsverfahren offenbar der Argumentation der Verteidigung.

 

„Ein politisches Urteil“

Belgrad reagierte empört: DenHaag habe „ein politisches, aber kein rechtliches Urteil gefällt“, kritisierte Serbiens Präsident Tomislav Nikolić. Die Serben in Kroatien würden damit in die Position der Schuldigen gerückt, obwohl sie in der Krajina „Opfer der größten Vertreibung seit dem Zweiten Weltkrieg waren“.

Der Freispruch wird in Kroatien als Bestätigung dafür gewertet, dass die Wiedereroberung des Landes rechtens gewesen sei. Für die Verbrechen der serbischen Truppen 1991 in Kroatien mit mehr als 10.000 Toten muss sich der serbisch-kroatische Politiker Goran Hadžić in Den Haag verantworten.

Kroatiens Regierungschef Zoran Milanović begrüßte das Urteil. Er räumte aber gleichzeitig ein, dass im Krieg auch auf kroatischer Seite „Fehler“ gemacht worden seien. Dafür sei der kroatische Staat verantwortlich, „nicht Markač und Gotovina“.

Auf einen Blick

Der kroatische Ex-General Ante Gotovina führte 1995 die Operation „Sturm“ an, bei der die von Serbien im Jahr 1991 besetzte serbische Enklave Krajina zurückerobert wurde. Dabei wurden über 200.000 Serben vertrieben. [Reuters]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.11.2012)

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11 Kommentare

Vertreibung ist schon in Ordnung ...

... die Tschechen leben mit den aufrechten Benes Dekreten auch nicht schlecht.

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Also ich weiss nicht so recht...

Zuerst 24 Jahre und jetzt Freispruch? Ohne neue entlastende beweise? Ein amerikanischer Richter spricht das Urteil. Niemand ist Schuld an dem was passiert ist? Naja alles egal Hauptsache die schuldigen Serben sitzen alle hinter Gittern, bin zwar kein Serbe, finde das dennoch sehr merkwürdig. Nicht mal die grössten optimisten haben mit einen Freispruch gerechnet, höchsten ein paar Jahre weniger. Wenn das kein politisches Urteil war dann....die ganze Balkangeschichte ist ein sehr trauriges Kapitel.

Re: Also ich weiss nicht so recht...

Hallo Amoigo,
ich habe bereits unten die 180° kommentiert. Es ist so, dass die Anklageschrift beim ersten Mal schon sehr wackelig und unschlüssig war. Die hatten damals schon keine richtigen Beweise für ihre Anklagepunkte. Das heißt, man sollte sich fragen, ob diese 24/18 Jahre falsch waren, Hinweiße darauf hat man genügend.
Es ist so dass die Anklage zum größten Teil auf "Verbrecherische Unternehmung" und "übermäßiges Artilleriefeuer" bassierte. Diese 2 Punkte konnten überhaupt nicht bewiesen werden, wodurch das gesamte Konstrukt der Anklage zusammenfällt. Da sieht man wie wenig die Anklage eigentlich in der Hand hatte, wenn sie alles auf eine Karte spielen lassen müssen. Sie haben irgendwie versucht eine Schuld azuhängen, siehe 200m Regel, irgendwelche Aussagen falsch interpretiert und Weiteres. Verstehen sie?
Und keiner sagt niemand wäre schuld, das wäre falsch. Den Familien der Opfer ist man es schuldig, die wahren Verantwortlichen zu finden.Es passierten Verbrechen nach der Operation, aber nicht in Verantwortung von Gotovina und Markac, darum geht es. Man kann nicht willkürlich 2 Generäle als Sündenböcke nehmen. Schauen sie sich mal die Prozesse der serb. Angeklagten an: da gibt es Beweise und über 100 Zeugen. Diese will ich nicht kommentieren, weil ich die nicht kenne, diesen Prozess kenne ich aber. Ich würde mir sehr wünschen, wenn sich die Leute über das Thema mehr und aus verschiedenen Quellen informieren würden. Danke

gratuliere der Presse zu diesem Bericht!

Es ist absurderweise heute gar nicht mehr so einfach, 20 Jahre nach dem Krieg und nachdem die serbische Aggression von Slowenien, nach Kroatien, nach Bosnien, schließlich in den Kosovo gemündet ist, auch von Historikern objektiv 'anerkannt' ist, einen objektiven, den historischen Tatsachen entsprechenden Bericht zu lesen. Es entspricht den Tatsachen, daß Zig-tausende Serben aus der 'Krajina' GEFLOHEN sind und zwar wohl vorbereitet und VON DEN SERBISCHEN BEFEHLSHABERN LANGE ANGEORDNET. Die Serbische Verwaltung hat in ihren Papieren von 'Evakuierung' gesprochen. Unter anderem sollte damit Kroatien international diskreditiert werden. Was zB. in der Redaktion des ORF bis heute gelungen ist, der ZiB Bericht gestern war eine einzige Frechheit, mit journalistischen und historischen Fehlern in jedem einzelnen Satz! Wie viele Serben letztlich geflohen sind, lässt sich nicht mehr feststellen, da nach der unrechtmäßigen serbischen Besetzung und Vertreibung und vielfach Ermordnung der kroatischen Bevölkerung, tausende Serben aus Bosnien, Serbien und auch aus dem Kosovo in die nun leeren kroatischen Häuser eingezogen sind - diese wurden von der serbischen Verwaltung dazu eingeteilt. Auch diese Menschen sind 1995 schließlich wieder geflohen. Von Vertreibung kann in keinster Weise gesprochen werden. Das kroatische Militär hat sich für die Rückeroberung seiner Gebiete einen Verhaltesnkodex gegeben. Und ich weiß von kroatischen Zivilisten, die nach Übergriffen gg. Serben ins Gefängniss kamen.

Re: gratuliere der Presse zu diesem Bericht!

Absulut richtig. Das kann ich bestätigen, auch mit Quellen und Zitaten.
Denkt mal darüber nach wie lange die Operation dauerte: Weniger als 3 Tage. Glaubt ihr dass man Menschen auf 1/3 Kroatiens einfach so in weniger als 3 Tagen vertreibt. Nein, die serb. Krajina erhielt folgende Anweisungen. Plan A: sie sollten den kroat. Streitkräften 6 Tage widerstehen, dann wäre es ein pol. Sieg, denn dann würde man auf Kroatien Druck ausüben wegen den Angriffen. Falls nicht möglich, was man schon bei Beginn der Operation sieht, Plan B: Systematische Evakuierung der Bewohner. Vom krot. Präsidenten kam die Nachricht, die Bewohner serb. Herkunft, die in keine Kampfabwicklungen beteiligt waren, mögen in ihren Häusern bleiben. Die serb. Krajina reagierte aber schon zuvor preventiv: "Lasst euch nur nicht auf die kro. Propaganda ein". Natürlich wählte man Plan B und mithilfe von GB und den Medien ließ man dies als Deportation und Vertreibung dastehen. Weiterhin gibt es Beweise, dass die serb. Krajina nie auf eine friedliche Lösung ausging, außer sie hieß "serb. Staat im Staat", was aber eine Niederlage Kroatiens wäre.
Nun jetzt weiß man, dass die Artillerieangriffe nie für die Vertreibung der Zivile genutzt wurde und dass es keine Verbrecherische Unternehmung gab. Verbrechen gab es, von Banden, Individuen, Tage und Wochen nach der Operation. Da müssen die wahren Verantwortlichen gefunden werden. Ich hoffe es ist nicht zu spät

GERECHTIGKEIT!!!!

ein tag zum jubeln!!!!

Solange Den Haag eine Siegerjustiz ist,

... ist sie Unrecht.

Heute sind wir alle Kroaten

Und freuen uns mit ihnen ueber die Befreiung des Retters der Nation!

11 21

Für viele Serben war es ein Schock.......

diesen haben die Bewohner des Kosovo noch immer.......die Serben sollten einmal auf Ihre eigenen Greueltaten zurückdenken....immer zuerst vor der eigenen Türe kehren.

Re: Für viele Serben war es ein Schock.......

Den Haag ist ein Gerichtshof der US hörigen EU und der Nato.

10 4

Re: Für viele Serben war es ein Schock.......

denken dann schreiben!

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