Ägypten: "Mursi kapiert es einfach nicht"

08.12.2012 | 10:23 |  von Martin Gehlen (Kairo) (Die Presse)

Ägyptens Präsident Mursi könnte die Volksabstimmung über die Verfassung doch verschieben. Seit den schweren Ausschreitungen Mitte der Woche geht in Kairo die Angst um.

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Seit sechs Uhr früh ist sie auf den Beinen. Hose, Jacke und Hände sind weiß bekleckert, nur die Fingernägel leuchten wie rote Punkte. „Es wird noch viel mehr Blut fließen", sagt Bahia Shehab. „Wir haben keine andere Wahl. Wir müssen jetzt auf der Straße kämpfen, um eine Diktatur abzuwenden. Mursi kapiert es einfach nicht." Den Zugang zum Tahrir-Platz sperren jetzt Barrikaden aus Stacheldraht, herausgerissenen Eisentoren und Sandsäcken. Direkt dahinter sprüht die Künstlerin an ihrem neuen Sgraffito, nebenan liegt ein beträchtlicher Vorrat zerkleinerter Pflastersteine aufgehäuft. „Wir sind wieder da", malt sie in kantigen Lettern auf den Asphalt.

Seit Präsident Mursis Justizdekreten „arbeitet" sie wieder auf der Straße. Dessen Rede vom Vorabend kommentiert sie mit kalter Wut: „Wir sollen zum Tee in seinen Palast kommen, damit er uns endgültig in die Pfanne haut", schimpft sie. Besonders regt sie auf, dass Mursi die Demonstranten bezichtigt, bezahlte Handlanger des alten Regimes zu sein. „Wir wollen eine anständige Verfassung, die unsere mühsam erkämpften Rechte garantiert."

Seit den schweren Ausschreitungen Mitte der Woche geht in Kairo die Angst um. Selbst die sonst so munter krähenden Gebetslautsprecher klingen an diesem Freitag irgendwie kleinlaut. Die einen hasten mit geduckten Köpfen durch die Straßen, andere starren in den Teehäusern auf die pausenlos laufenden Fernseher. Alle fragen sich, wie es nun weitergeht mit ihrem Land, nachdem der Präsident am Vorabend jeglichen Kompromiss im Streit um die Verfassung abgelehnt und seinen Kontrahenten unverhohlen gedroht hat. Noch eine Woche bleibt bis zum Referendum am 15. Dezember.

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Mubarak ist bester Laune. Allerdings wurde am Freitagabend bekannt, dass Mursi unter Umständen bereit sei, den Volksentscheid über den umstrittenen Verfassungsentwurf zu verschieben. Mursi „könnte eine Verschiebung des Referendums akzeptieren", wenn das keine rechtlichen Folgen habe, sagte Vize-Präsident Mahmoud Mekki. Die Opposition müsse allerdings garantieren, dass sie dann nicht argumentiere, eine einmal angesetzte Volksabstimmung müsse innerhalb der Zwei-Wochen-Frist abgehalten werden.

Der Präsident ist geschwächt, das Volk entzweit. Wie Heerscharen stehen einander Islamisten und Säkulare gegenüber, scheinbar zu allem entschlossen. Misstrauen und Verdächtigungen vergiften das Klima. Und aus dem Gefängnis dringt die Kunde, Alt-Diktator Hosni Mubarak sei wieder bester Laune, seine Depressionen wie verflogen.

Sein Nachfolger Mohammed Mursi wirkte am Donnerstagabend bei seiner Fernsehrede genauso angespannt und stur wie Mubarak während der 18-tägigen Revolution 2011 bei seinen legendären Nachtappellen an das aufgebrachte Volk. Wie der einstige Kampfflieger Mubarak, ist auch der islamistische Ingenieur Mursi aufgewachsen in einer Welt, in der allein die Macht zählt, es keine Kompromisse gibt und man Andersdenkende einfach überrollt.

Seine Gegner beschimpfte er als „fünfte Kolonne" und drohte, man habe sie alle im Auge und werde mit den Verschwörern aufräumen. Von seinen Anhängern wird er wie ein Idol und Erlöser verehrt. Auf dem Tahrir-Platz und auch vor dem Präsidentenpalast in Heliopolis forderten derweil am Freitag erneut Zehntausende den Sturz des Staatschefs. Dicht an dicht reihen sich die Zelte, überall liegen Knüppel und Eisenrohre griffbereit, weil alle mit einem Sturmangriff der Muslimbrüder rechnen. Die Fronten verhärten sich weiter, der Ton wird immer gereizter. Das säkulare Lager auf dem Tahrir-Platz will nicht mit dem Präsidenten reden, der ihre Wortführer für Samstagmittag in den Palast geladen hat. Nach Mursis Rede sei „die Tür für jeden Dialog zugeschlagen", erklärte Friedensnobelpreisträger Mohammed ElBaradei, Sprecher des Oppositionsbündnisses „Nationale Rettungsfront".

Zwischen den Zelten am Tahrir sitzt Adel Abou Hussein. Von seinem Plastikstuhl aus hat der pensionierte Oberst den ganzen Platz im Blick. Die Bügelfalten an seinem hellblauen Hemd sind tadellos, das Jackett liegt säuberlich gefaltet auf seinen Knien. „Zum Schlafen im Zelt bin ich zu alt", sagt der 62-Jährige. Das Volk habe aber nicht den einen Diktator verjagt, um sich einen neuen einzufangen. Seit acht Tagen kommt er jeden Morgen, nach dem Abendgebet geht er wieder heim.

 

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.12.2012)

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20 Kommentare

Klar! Jetzt posten die Superpolitologen und glauben, wenn sie den Mursi - den einzigen demokratisch gewählten Volksvertreter Ägyptens - absägen, dann wird alles happy! Sollens dochmal im eigenen S...stall aufräumen und die FPK-Schergen aus Kärnten verjagen!

Und was will überhaupt ein Lederhosenkellner im Nahen Osten mitreden?
Größenwahnsinnig oder wie?

Re: Klar! Jetzt posten die Superpolitologen und glauben, wenn sie den Mursi - den einzigen demokratisch gewählten Volksvertreter Ägyptens - absägen, dann wird alles happy! Sollens dochmal im eigenen S...stall aufräumen und die FPK-Schergen aus Kärnten verjagen!

Bitte, ihre Krankheit ist heilbar. Die MEISTEN Pharmakonzerne haben schon moderne Medikamente entwickelt. Sie sollten nicht darauf verzichten, Abilify, Seroquel und Risperdal, um nur einige zu nennen, haben hohe Erfolgswahrscheinlichkeiten!!

Re: Re: Klar! Jetzt posten die Superpolitologen und glauben, wenn sie den Mursi - den einzigen demokratisch gewählten Volksvertreter Ägyptens - absägen, dann wird alles happy! Sollens dochmal im eigenen S...stall aufräumen und die FPK-Schergen aus Kärnten verjagen!

Sie empfehlen das auch eigener nichterfolgreicher Erfahrung, stimmts?
(Kicher!)

Re: Klar! Jetzt posten die Superpolitologen und glauben, wenn sie den Mursi - den einzigen demokratisch gewählten Volksvertreter Ägyptens - absägen, dann wird alles happy! Sollens dochmal im eigenen S...stall aufräumen und die FPK-Schergen aus Kärnten verjagen!

Da wird erfolgreich
von inneren Problemen
auf äußere Feindbilder abgelenkt .

Diese Feindbilder sind so leicht zu bedienen ,
da von der ägyptischen Politik
keiner eine Ahnung hat
und folglich auch
die blödsinnigste Propaganda
verbreitet werden kann .

Wertung

Wer muß sich von Demonstrationen und Ausschreitungen beeindrucken lassen ?

Die Demonstrationen der vergangenen Monate
in Spanien und Griechenland
wurden von der Polizei niedergeprügelt
und von den westlichen Medien weitgehend ignoriert .

Re: Wertung

Also ich und ich denke viele Österreicher haben das sehr wohl mitbekommen.
Sie versuchen hier aber Vergleiche aufzuziehen, die nicht sinnvoll sind.
Es geht hier um komplett unterschiedliche Dinge!
In Griechenland und ES wurde gegen Einsparungsmaßnahmen und Arbeitslosigkeit demonstriert.
Diese Leute leben aber in Freiheit und haben alle 4 Jahre zumindest die Möglichkeit bei Wahlen ihren Willen auszudrücken, was ich bei Ägypten so nicht mehr erwarte.
Nur wenn Demonstranten unbegründet die Polizei mit Steinen bewerfen und attackieren, dann ist das ganz klar strafbar.
Demonstrationen werden in der EU und auch in AT Gott sei Dank gehört. Siehe Hainburg usw.

Der Übergang von Diktatur zu Demokratie ist ein Lernprozess und niemals nahtlos


Den einen geht es um Ideale, den anderen um Macht, Geld und Einfluss. In dem Fall spielt Religion auch noch mit - und das ist immer und überall die giftigste Komponente.

Mursi

Praesident Mursi kann nichts machen weil die Menschen ihn keine Chance geben !

Re: Mursi

Schon mal was von der Aufklaerung gehoert?

Wie wollen sie eine Gesellschaft ins 19. Jhdt. fuerhren, wenn sie einen Praesidenten wie Mursi mit diesem Verfassungswahnsinn installieren??

Re: Mursi

Die Menschen hätten ihm eine Chance gegeben. Leider enpuppt er sich als schlimmerer Diktator als Mubarak. Dort konnten Christen, Frauen, Linke noch eher ein Leben ohne Furcht verbringen.
Die Vefassungsänderung läuft genau in die Richtung eines streng islamistschen Landes. Dafür haben damals aber meiner Meinung nach nur die wenigsten gekämpft.
Es wurde für Freiheit, Demokratie, Menschenrechte gekämpft!
Unter Scharia-Gesetzen hat sich noch kein einziges Land positiv entwickelt hat. Bitte "positiv entwickelt" nicht als "USA-konform" interpretieren, sondern so, dass alle Nicht-Muslime, Frauen, Andersdenkende ohne Furcht sich bewegen dürfen, gleiche Rechte haben.
Meiner Meinung nach steht Mursi stark unter Druck der Salafisten oder er ist selbst einer. Und dort haben anderstdenkende nun mal nichts zu sagen.
Persönlich bin ich sehr enttäuscht von Mursi. Dachte am Anfang wirklich dass er demokratisch, menschlich regieren würde........

Re: Mursi

Absolut Richtig! Er hat das Land einfach sehr kaputt bekommen.
Die Opposition gibt ihn keine Chance, um was zu schaffen.

Re: Re: Mursi

mit dem Kamel - ohne das Kamel;
Dativ - Akkusativ, es gibt einen Unterschied!

19

Re: Mursi

was bist du naiv .... spast!

Ägypten: "Mursi kapiert es einfach nicht"

Wie soll ein Diktator die Opposition kapieren?

Der will herrschen ohne Widerrede!

Re: Ägypten: "Mursi kapiert es einfach nicht"

Außerdem ist Mursi Muslimbruder. Religion hat in der Politik, wenn ein Staat aufgeklärt geführt werden soll, nichts verloren. Das bringt nur Probleme.

Der "Diktator" Mubarak, der übrigens in den Medien jahrzehntelang als Präsident angepriesen wurde

wusste genau, dass er diese radikalen Kräfte in Schach halten mußte.
Mursi ist offenbar genau aus dieser Gruppierung der radikalen Islamisten, und somit ist man nun in Ägypten weiter weg von Rechtsstaat & Demokratie als in den 30 Jahren zuvor mit Hosni Mubarak.
Noch ein Gottesstaat, willl das der Westen tatsächlich? Und wenn ja, wo liegt der tiefere Sinn?

Re: Der "Diktator" Mubarak, der übrigens in den Medien jahrzehntelang als Präsident angepriesen wurde

In dem fall sollte es aber um die Bedürfnisse der Ägypter gehen und nicht um jene des Westens!

Mursi unterschätzt die Motivation der Demonstranten.

Noch dazu sind sehr viele junge Leute darunter,
die die Veränderung erzwingen wollen.

Wenn Mursi den Weg weiter geht den er vor hat,
werden viele von ihnen womöglich auswandern.

Dem Land hilft er damit sicher nicht weiter
und sich selbst auch nicht.

Re: Mursi unterschätzt die Motivation der Demonstranten.

"...werden viele von ihnen womöglich auswandern."

uns hilft das mit Sicherheit auch nicht ...

Re: Re: Mursi unterschätzt die Motivation der Demonstranten.

weil sie keine fpö-wähler sein werden, wie andere immigranten, die nicht wollen, dass noch mehr nachkommen?

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