Kehrt um, marsch! Der deutsche Weg zum neuen Heer

07.12.2012 | 18:24 |  von Karl Gaulhofer (Die Presse)

Wehrpflicht abschaffen, Armee schrumpfen, Kosten sparen: Ohne großes Aufsehen krempelt Deutschland sein Militär um. Nur fragwürdige Werbekampagnen sorgen für Wirbel.

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Was für ein Abenteuer! Mit echtem Fluggerät der Bundeswehr geht es ab nach Sardinien. Dort gibt es Party unter Palmen, Wettkämpfe im Wasser und Abseilen von Klippen. Lieber Berg als Beach? Auch in den Alpen wird auf einer coolen Hütte jede Menge „Action, Adrenalin und Abenteuer“ mit flotten Gebirgsjägern geboten. Mann, ist das krass!

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In diesem Tonfall ist ein Videoclip samt fetziger Musik gehalten, mit dem die Bundeswehr im September deutschen Jugendlichen zwischen 16 und 21 so richtig Lust auf ihr „Adventure Camp“ machte (Link: Der Clip auf YouTube).

Zielgruppengerecht wurde das bunte Filmchen auf der Onlineseite von „Bravo“ platziert. Mit den Ferienlagern ködert das deutsche Heer junge Menschen für den Dienst als Freiwilliger. Gefahr, Leid, Töten und Sterben bleiben ausgeblendet. Es gab ein wenig Entrüstung vom Kinderhilfswerk, von Grünen und Medien – einer der seltenen Momente, in denen die Bundeswehr Schlagzeilen macht. Die Deutschen kultivieren ein solides Desinteresse für das Kriegshandwerk. Und so entgeht ihnen fast die radikale Neuausrichtung, die ihre Streitkräfte seit zweieinhalb Jahren vollziehen.

Die allgemeine Wehrpflicht, für konservative Kreise lange eine unverzichtbare Schule der Heimatliebe, wurde mit Juli des Vorjahres „ausgesetzt“ und damit de facto abgeschafft. Das Heer wird drastisch verkleinert, von 250.000 auf 170.000 Mann, zu denen zumindest 5000 Freiwillige kommen.

Eine Kaserne nach der anderen schließt. Auch die Zahl der zivilen Mitarbeiter, heute knapp 100.000, wird fast halbiert. Die geschrumpfte Truppe bekommt neue Aufgaben: Einsätze in aller Welt, mit Nato, UNO oder EU, wo jede Nation das einbringt, was sie am besten kann.Und das Wichtigste: All das soll weniger kosten als früher.

Zu wenig Junge, zu viele Alte

Der Auslöser für die Reform war die Wirtschaftskrise. Acht Milliarden soll bei der Verteidigung eingespart werden – mit unfreundlichen Grüßen vom Finanzminister. Vielleicht kein Himmelfahrtskommando, aber ein Kampf an vielen Fronten, den Ex-Verteidigungsminister zu Guttenberg angezettelt hat und den sein Nachfolger Thomas de Maizière nun austragen muss. Der Öffentlichkeit wird das nur selten bewusst. Und wenn, dann durch „krasse“ Werbung.

Sie deutet auf ein nicht minder krasses Rekrutierungsproblem: Früher kam der Nachwuchs aus den Reihen der Grundwehrdiener, die Gefallen am Soldatenleben fanden. Nun aber steht der „Bund“ im ungeschützten Wettbewerb mit zivilen Arbeitgebern. De Maizière rechnet vor: Er senke die Standards nicht, wolle nur die Guten, im Schnitt jeden dritten Bewerber. Er erwartet zehn Prozent Frauen. Das bedeutet: Jeder Achte aus diesem Jahrgangspool muss sich beim Heer bewerben. Der Minister nennt das „ehrgeizig“. Viele halten es für nicht machbar.

Von den Jungen zu wenig, von den Alten zu viel: Mit Frühpensionierungen, großzügigen Abfindungen und neuem Einsatz in zivilen Ecken des Staatsdienstes soll der Personalabbau „sozialverträglich“ über die Bühne gehen. Einsparungen sind aber auch zum Ende der Wehrpflicht zu erwarten.

Keine Bürger in Uniform

Denn für den „Bürger in Uniform“ war die offizielle Abschaffung nur noch der letzte Zapfenstreich.Schon Rot-Grün hatte die Tauglichkeitskriterien aufgeweicht und den Zugang zum Zivildienst stark erleichtert. Das nahm eine friedensbewegte und jedem Patriotismus abholde Jugend dankbar auf: Zuletzt dienten nur noch 17 Prozent aller Jungmänner im Bund. Sie waren nicht das Rückgrat der Truppe, sondern standen ihr im Weg – und banden dabei 20.000 Ausbildner. Hier hakt der Vergleich mit Österreich: Hierzulande wird etwa die Hälfte jedes männlichen Jahrgangs mit Waffen ausgestattet. Das Bundesheer baut weit stärker auf Rekruten auf.

Auch die Marschrichtung ändert sich in Deutschland: noch mehr hinaus in die Welt, im Bunde mit anderen. Zuvor aber muss der ungeliebte Einsatz in Afghanistan abgewickelt werden. Alle beteuern, aus den schmerzlichen Erfahrungen eine Lehre gezogen zu haben: dass Streitkräfte allein keinen Frieden stiften können. Dennoch will niemand lange Einsätze mit der Infanterie für die Zukunft ausschließen. Mali, Syrien, Libyen: Auch die jüngeren Erfahrungen zeigen, dass jeder Konfliktherd anders geartet ist. Wenn Deutschland bei einer Intervention überhaupt mitmacht, will es meist auf „Durchhaltefähigkeit“ verzichten, also etwa nur den Start oder das Ende begleiten. Auf jeden Fall soll es Arbeitsteilung geben. Engpässe der Nato und EU bauen die Deutschen zu Stärken aus. Lufttransport, Aufklärung, Nachrichtenwesen. Auch mit dieser Spezialisierung will man Kosten sparen.

Steht aber die Truppe hinter der brachialen Reform? Die Offiziere und Spieße murren, zeigen sich enttäuscht und frustriert, wie Umfragen zeigen. Freilich wird man schwer eine Organisation finden, in der Abteilungsleiter jubeln, wenn ihre Zukunft durch Schrumpfung und Umstrukturierung bedroht ist. Unter den Freiwilligen, die bis zu 23 Monate dienen, bricht ein Viertel vorzeitig ab. Das klingt nach viel, entspricht aber der Launenhaftigkeit der Jugend: Auch zivile Dienste klagen über ähnliche Quoten. Bleibt das Unbehagen darüber, dass die Streitkräfte nicht mehr im Herzen der Gesellschaft verankert sind. Auch in Deutschland sorgt man sich um den Preis, den eine Demokratie für ein Berufsheer womöglich zahlen muss: das Militär als Staat im Staate. Niemand warnt davor eindringlicher als Michael Wolffsohn.

Der „Bufdi“ boomt

Wo man ganz auf Frieden setzt, da herrscht hingegen reine Freude: Unter dem Ende des Zivildienstes hat die soziale Hilfe nicht gelitten. Zur Überraschung aller wird der „Bundesfreiwilligendienst“ geradezu gestürmt. Es gibt mehr Interessenten als freie Plätze. Der „Bufdi“ als Nachfolger des Zivi wird von Jugendministerin Kristian Schröder schon stolz zur „politischen Sensation“ erklärt. Das schont auch ihr Budget: Sie kann auf coole Spots verzichten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.12.2012)

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113 Kommentare
 
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Die Zwangsarbeit muss ein Ende haben.

Jeder Mensch sollte die Möglichkeit haben, freiwillig ein Sozialjahr/ein Jahr beim Heer zu verbringen. Aber es muss mit dieser Zwangsbeglückung Schluss sein. Wir sprechen hier immerhin von mündigen, wahlberechtigten Bürgern.

Re: Die Zwangsarbeit muss ein Ende haben.

Zwangsbesteuerung auch, dh. es soll nur jemand Steuer zahlen, der unbedingt möchte. Genauso ist es mit Arbeit. Es sollte nur jemand arbeiten, der dies unbedingt möchte. Alles andere kommt vom lieben Gott oder wie?
So stellt sich klein dadita die Welt vor. Ein Paradies!

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Re: Die Zwangsarbeit muss ein Ende haben.

Wahlberechtig: Ja
Mündig: teilweise nur von gesetztes wegen ...

Darabos

Nachdem der Supermanager Darabos das Bundesheer an die Wand gefahren hat, kommt er plötzlich drauf, daß die Jungen alle für das Berufsheer sind (eh klar) und möchte auf diese Weise einen Stimmenerhalt für seine Partei herausschinden. Dummsozi halt.
Bei gleicher Mannschaftsstärke kommt ein Berufsheer wesentlich teuerer und die Fadenscheinigen Argumente, daß das Heer eine verlorenen Zeit ist,hätte er ja ändern können. Oder hat jemand schon einen Jungschwanz mit einem Eurofighter herumdüsen gesehn? Das lernt man nicht in einem halben Jahr. Auch klar.
Söldnerheer bedeutet gleichzeitig Beitritt zur Nato und da haben wir wirklich nichts verloren. Muß leider dem Spindi da mal recht geben.
Linke sind für Fremdbestimmung in Österreich und tun alles um dieses Land zu demolieren. Schauen sich jeden Nonsens vom Ausland ab, weil sie selber nicht das Hirn haben, selber etwas sinnvolles auf die Beine zu stellen.

Re: Darabos

Ich denke schon, dass die Nato sinnvoller aufgebaut ist und agiert als das Bundesheer. Außerdem wären wir ohne Nato zu Zeiten des Kalten Krieges eh von der Roten Armee samt Vasallen überrannt worden. Also hat die Nato uns eigentlich den Frieden und die Sicherheit gebracht und nicht das Bundesheer. Da sind sich alle Historiker und Fachleute wohl einig.

Fazit 1: Der Herr Darabos hat das Bundesheer gar nicht an die Wand fahren können, es pickte dort sozusagen schon seit Jahrzehnten.

Fazit 2: Und jetzt tut man sich besonders schwer bei uns, etwas zu ändern, den Anschluss wenigstens an die Gegenwart zu finden. Was aber auch ein bisschen mit unser Mentalität zu tun hat: "Des war scho immer so, warum soll ma des jetzt ändern?"
Dann bleib ma halt weiterhin pick'n an der Wand!

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Re: Re: Darabos

>... von der Roten Armee samt Vasallen überrannt ...<
Stimmt nicht und einig sind sich bei weitem nicht alle.

Darabos hat das Heer sicherlich nicht alleine an die Wand gefahre, seine Vorgänger haben ihm da ganz gut zugearbeitet.
Man muss ihm allerdings zugestehen, dass er seien Amtszeit grossteils dazugenutzt hat, zuzusehen wie die Wand immer näher kommt.

Andere Voraussetzung

Deutschland hatte andere infrastruktuelle Voraussetzungen, die in Österreich noch nicht hergestellt sind.
Wir leiden im AKH unter den selben Versäumnissen, da notwendige Investitionen jahrelang nicht getätigt wurden.
Allerdings:
Wo bei uns noch zu stopfende Löcher klaffen, dürfte es sich beim ÖBH schon um ein zum größten Teil vernichtetes System handeln, welches zuerst komplett reformiert werden müßte, bevor die Wehrpflicht abgeschafft bzw. ruhend gestellt wird.

Abstimmung

warum dürfen Frauen da mit abstimmen?

Re: Abstimmung

Stimmt eigentlich, hab ich noch gar nicht bedacht... Würde mich freuen wenn Sie dazu einen öffentlichen Brief an SPÖ/ÖVP schicken würden, die Antwort wäre interessant

Re: Abstimmung

warum dürfen Frauen da mit abstimmen?
- Weil die Frauen mehr Macht haben als Du und ich.
- Weil die meisten Männer in Genderfragen ausgesprochen dumm sind und es sich gefallen lassen.
- Weil die Wortführerinnen der Frauen Schlitzohren sind, die bei einer Abstimmung in der Männer über staatliche Zwangsdienste für Frauen (mit)entscheiden alle Register ziehen würden um das zu verhindern.
- Weil die Frauenlobby schon seit Jahrzehnten nicht mehr für "Gleichberechtigung" oder "Emanzipation der Frau" kämpft sondern für "mehr Frauenrechte".

Obwohl ich für die Abschaffung dieser Zwangsarbeit bin,

so sehe ich auch das das EU Regime offenbar alle ihren eingenommen Ländern nun militärisch entmachten will.

Re: Obwohl ich für die Abschaffung dieser Zwangsarbeit bin,


Sind Sie auch gegen die Schulpflicht?

Die ist ja auch ein Zwangsdienst, Ihrer Interpretation nach?


3

Meinetwegen ...

... kann jeder/jede als Analphabet in der Gosse verblöden, wenn er auf die Schulpflicht verzichten will, hab' ich kein Problem damit. Allerdings soll er/sie das dann ohne staatliche Förderung machen ...

Re: Re: Obwohl ich für die Abschaffung dieser Zwangsarbeit bin,

Heute wären Sie bestimmt froh, hätte man bei Ihnen die Pflicht zum Schulbesuch rigoros angewendet. Sie wären nämlich in den Genuss von Bildung - noch dazu gratis - gekommen.

Re: Re: Re: Obwohl ich für die Abschaffung dieser Zwangsarbeit bin,


Ist das die neue Diskussionskultur der Stronachisten?


Re: Re: Re: Re: Obwohl ich für die Abschaffung dieser Zwangsarbeit bin,

Seien Sie froh , wenn er nur so etwas absondert, seine Meinung wäre viel schrecklicher.

Re: Re: Re: Re: Obwohl ich für die Abschaffung dieser Zwangsarbeit bin,

Es ist auch schwierig mit jemanden zu Diskutieren der Bildung und Militär nicht auseinanderhalten kann.

Re: Re: Re: Re: Re: Obwohl ich für die Abschaffung dieser Zwangsarbeit bin,


Vor den Schulen werden auch bald die Anwerber stehen, wie in den USA!

Und beim AMS bekommt man das Geld gestrichen, wenn man sich nicht fürs Söldnerheer entscheidet...


Re: Re: Obwohl ich für die Abschaffung dieser Zwangsarbeit bin,

Vor allem sind Sie gegen Intelligenz!

Re: Re: Obwohl ich für die Abschaffung dieser Zwangsarbeit bin,

Zu ihrer Information, die Schulpflicht endet mit dem 14ten Lebensjahr, also weit vor der Volljährigkeit. In diesem Alter ist man sowieso genug Zwängen unterworfen. Die Wehrpflicht allerdings gilt für mündige, wahlberechtigte Bürger und ist daher ein Zwangsdienst. Abgesehen davon, dass die Schulpflicht den sinnvollen Zweck hat Wissen zu vermitteln was man von der Wehrpflicht in nich einmal in geringster Weise behaupten kann.

Re: Re: Obwohl ich für die Abschaffung dieser Zwangsarbeit bin,

Im Betracht das die Gesamtschule eine ganze Generation an Kindern versaut, ja. Aber linke wie Sie, waren noch nicht sehr hell. Denn es gibt keine Pflicht, die Kinder in die Schule zu schicken! In Österreich können Kinder auch zu hause unterrichtet werden.

Re: Re: Re: Obwohl ich für die Abschaffung dieser Zwangsarbeit bin,


Da liegen Sie völlig falsch!

Die Linke ist heute für das Berufs/Söldnerheer oder überhaupt für die Abschaffung der Armee!


Re: Re: Re: Re: Obwohl ich für die Abschaffung dieser Zwangsarbeit bin,

@Persil:
Anhand Ihres Postings wird klar warum Sie als rechter und Vertreter von den Korruptionsparteien Schwarz/blau gegen die Abschaffung des Zwangsdienstes sind. Bei Berufssoldaten wird nämlich auch der geistige und politische Gehirnzustand abgefragt und somit haben es Neonazis zB. ungleich schwerer beim Bundesherr zu landen. Es bleibt Ihnen daher nur weiter auf eigene Kosten Cowboy und Indianer im Wald zu spielen.

Re: Re: Re: Re: Obwohl ich für die Abschaffung dieser Zwangsarbeit bin,

Das ist klar - denn alles was Österreich schadet und der Fremdbestimmung fördert stimmt die Linke zu.

Re: Re: Obwohl ich für die Abschaffung dieser Zwangsarbeit bin,

Wehr- und Schulpflicht sind ja wohl nicht vergleichbar. Welchen Mehrwert hat das Bundesheer nochmal für die Rekruten?

Die Wehrpflicht.....

ist total überflüssig und nimmt den jungen Leuten ein wertvolles halbes bzw. Dreiviertel Jahr weg. Und unser Sozialsystem auf die Zivildiener zu stützen ist total lachhaft. Da werden alle schamlos vom Staat ausgenutzt. (Wenn man es nicht macht kommt man in den Knast (!) Unglaublich aber war)

 
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