Historiker: "Zum Militär geht, wer keine andere Wahl hat"

07.12.2012 | 18:24 |  von Karl Gaulhofer (Die Presse)

Der streitbare Historiker Michael Wolffsohn ist der Stachel im Fleisch deutscher Heeresreformer. Er warnt vor einem Staat im Staate, durchsetzt von Rechtsextremen und einer gewaltbereiten Unterschicht.

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War die Abschaffung der allgemeinen Wehrpflicht in Deutschland ein Fehler?

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Michael Wolffsohn: Sie war unumgänglich. Es ist sinnlos, sich gegen die Geschichte zu stemmen. Die gesellschaftliche Entwicklung geht hin zur Berufsarmee. Mit dem Ende des Kalten Krieges entfiel die Legitimationsgrundlage der Wehrpflicht. Es ist ein Faktum der Weltgeschichte: Freiwillig gehen die Menschen nicht zum Militär, es sei denn, sie kommen dadurch zu Macht, Ansehen oder Geld. Ansehen hat der Militärberuf hier seit dem Zweiten Weltkrieg gar keines mehr. Es war nur eine Frage der Zeit, dass die Wehrpflicht abgeschafft wurde. Und ich fresse jeden Besen dieser Welt, dass es auch in Österreich dazu kommt.

Ihre These von der „Ossifizierung“, einer Dominanz der Ostdeutschen im Heer, hat viel böses Blut gemacht...

Der Begriff war nicht besonders glücklich gewählt. Aber der Sachverhalt dahinter ist nachprüfbar: Es gehen die zum Militär, die keine andere Wahl haben. Sie kommen meist aus wirtschaftlich schwachen Regionen, vor allem aus Ostdeutschland, wo der zivile Arbeitsmarkt wenige Möglichkeiten bietet. Es ist ein Gerechtigkeitsproblem, wenn die Ärmsten zum Militär müssen. Was bei der Zweiklassenmedizin gebrandmarkt wird – wenn du arm bist, musst du früher sterben –, das wird hier übertragen auf die Sicherheitspolitik. Ich halte das für inakzeptabel.

Sie sagen: Mehr Unterschicht im Heer führt zu einer Brutalisierung der Kriegsführung...

Die Ärmeren sind schlechter ausgebildet. Gebildete sind keine besseren Menschen. Auch Professoren waren vor brauner Färbung nicht sicher, aber es waren nicht sie, die mit Genuss getötet haben. Die Verzweifelten, Perspektivlosen neigen eher zur Gewalt. Es ist kein Zufall, dass in einer Berufsarmee wie der amerikanischen Abu Ghraib passieren konnte. Auch in Israels Armee mit Wehrpflicht gibt es hier und da Übergriffe. Aber sie sind weniger brutal und werden aufgedeckt. Da spiegelt sich die Gesellschaft in der Armee und behält die Kontrolle.

Israel ist von Feinden umgeben. Ein solches Bedrohungsbild gibt es gottlob in kaum einem anderen Land. Damit ist Ihr Ideal woanders nicht mehr aufrechtzuerhalten.

Richtig. Der Militärdienst ist aber kein Ideal an sich. Ich war drei Jahre im israelischen Militär und froh über jeden Tag, der vorbei war. Aber man muss das große Ganze sehen. Wann wurde die Wehrpflicht eingeführt? Mit der Französischen Revolution. Zum Recht auf politische Teilhabe kam die Pflicht: Teilhabe an der Sicherheit der Nation. Wahlrecht und Wehrpflicht gehören zusammen. Sobald Sie das trennen, wird jede Streitmacht zum Staat im Staate. Und wenn zu wenige zum Heer wollen, brauchen wir wieder Söldner – ein historischer Rückfall.

Besteht die Gefahr, dass Rechtsextreme das Heer unterwandern?

Wer wählt rechtsextreme Parteien? Vornehmlich die wirtschaftlich schlechter Gestellten. Damit können Sie eins und eins zusammenzählen: Es werden mehr Rechtsextremisten in die Bundeswehr drängen. Die Führung will das abblocken. Wenn das gelingt, gibt es vielleicht zu wenige Soldaten. Wenn aber die Rechten kommen, wird das Heer in seiner demokratischen Substanz bedroht. Wir wollen ja das Primat der Politik aufrechterhalten. Und das wird schwieriger, wenn sich breite Mannschaftsgrade vom politischen System distanzieren. Die Wehrpflicht wurde abgeschafft, weil die demokratisch-bürgerlichen Schichten sich ihr entzogen haben – und die bekommen jetzt die Rechnung präsentiert.

Wie soll das Heer künftig intervenieren? Sie plädieren für „Rein-raus-Strategien“ statt langer Einsätze wie in Afghanistan. Ihr Verteidigungsminister meint: Ihm wäre das auch lieber, aber die Wirklichkeit richte sich eben nicht nach Professorenwünschen...

Die Strategie in Afghanistan, wenn es denn eine gibt, hat zu nichts geführt. Ein Gemeinwesen aufbauen, das kann keine Streitkraft der Welt. De Maizière trifft da keine Schuld, er wickelt Afghanistan nur ab. Nur: Wenn wieder starke Infanteriekräfte für eine Interventionsarmee geplant werden, haben wir das Gleiche wieder. Das ist völlig daneben, geht an den Möglichkeiten der modernen Kriegsführung vorbei. Sie brauchen eine schlagkräftige Hochtechnologie-Armee, mit relativ wenigen, aber sehr gut ausgebildeten Leuten, um gezielt, mit einer Minimalzahl an zivilen Opfern und Schäden, die Gefahr ausschalten zu können. Das kostet natürlich mehr.

Was empfehlen Sie den Österreichern für ihre Volksbefragung zur Wehrpflicht?

Die Allgemeinheit hat verständlicherweise kein Interesse an der Wehrpflicht. Die Österreicher brauchen auch nicht so viele Soldaten. Aber sie müssen wissen, was Abschaffung bedeutet: Man braucht dramatisch mehr Geld für diejenigen, die man im Heer haben will.

Die Bürger haben auch wenig Verständnis für Einsätze in fernen Weltgegenden...

Das ist die Frage! Österreich gehörte dankenswerterweise immer zur westeuropäischen Gesellschaft. Wir haben ja in unserer gemeinsamen Geschichte nicht nur eine Killertradition, sondern auch eine hochethische: dass Gemetzel beendet werden, dass die arbeitsteilige Weltwirtschaft aufrechterhalten und Rohstoffe zugänglich bleiben – alles notwendig. Die Distanz zum Krieg möge bleiben. Aber manchmal ist er eben das kleinere Übel, um eine größere Katastrophe zu verhindern.

Zur Person

Michael Wolffsohn(65) ist ein deutscher Historiker und Publizist. Er lehrte bis zu seiner heurigen Emeritierung an der Universität der Bundeswehr in München.

Provokante Thesen haben den „deutsch-jüdischen Patrioten“ öffentlich bekannt gemacht. So warnte er nach der Aussetzung der Wehrpflicht 2011 in einem Artikel in der „Welt“ vor einer „Ossifizierung“ der Bundeswehr. Damit trat er eine Debatte los, in der sich auch Verteidigungsminister de Maizière mit einer schriftlichen Replik zu Wort meldete.
Wikicommons

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.12.2012)

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  • Berufsheer, die Austro-Version

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21 Kommentare

Irrtümer

Michael Wolffsohn irrt sich meiner Meinung nach mehrfach in diesem Interview. Er meint, "Wahlrecht und Wehrpflicht gehören zusammen". Das stimmt nicht. Die USA und England zum Beispiel sind Demokratien, die den größten Teil ihrer langen Geschichte ohne allgemeine Wehrpflicht ausgekommen sind. Auch vergisst Wolffsohn, dass die schlimmsten Grausamkeiten im 20. Jahrhundert nicht von Berufsarmeen, sondern von Soldaten aus Wehrpflichts-Armeen begangen wurden.

Bundeswehr bewußt mit einem Negativstempel versehen

"Ansehen hat der Militärberuf hier seit dem Zweiten Weltkrieg gar keines mehr. "

Warum wohl? Bestimmt am wenigsten wegen dem WK II.
Es ist eine Hetze mit System, die seit ca. 20 Jahren gegen die Bundeswehr betrieben wird.
Die linke GEW, die Grünen und die SPD, verbieten der BW, zu Informationen in die Schulen zu kommen.
"Die Bundeswehr sei keine Friedenspartei".
Aber in den Krieg schicken - damit haben die Grünen 1999 begonnen und somit den Anfang gemacht.

Euthanasie

die braunen Professoren töteten nicht hunderttausende ..... nichts gegen gesunde Vorurteile!!

Auch Professoren waren vor brauner Färbung nicht sicher, aber es waren nicht sie, die mit Genuss getötet haben.

so ein bizarrer Unsin ..*kopfschüttel* zum Kubik

Was mir zu denken gibt

Es gibt eine Polizeikaserne. Da kommen nur die Lehrer und Schüler rein.

Beim Berufsheer währe das genauso. Kein anderer Mensch würde jemals wieder eine Kaserne von innen sehen. Als Wehrpflichtiger ist das Ganze aufgelockerter, kein in sich geschlossenes System mehr.

Dass sich immer mehr braune Brut dort breitmachen wird ist doch wohl unbestritten.

Wie viele Polizisten sind FPler? Sehr viele. Wesentlich mehr als der übliche Durchschnitt.

Wollen wir das im abgeschlossenen System?

Ausserdem Berufsheer. Wenn das was gescheites werden sollte muss man es mit Finanz ausstatten. Stattet man aber das jetzige System mit mehr Geld aus funktioniert es ebenso. Man kann ja das Kaderpersonal was für spezielle Aufgaben gebraucht wird aufstocken.

Re: Was mir zu denken gibt

Richtigstellung:

...das Kaderpersonal welches für....

Der Argumentation des Herrn Wolffsohn kann ich zustimmen


ich will nicht verallgemeinern, aber es gibt schon viele, die keine andere Alternative sehen, bzw. haben und merken, daß sie in der Uniform plötzlich "wer" sind. Daß es nicht nur beim Heer, sondern auch bei der Polizei etliche gibt, die vom Charakter und Weltanschauung dort total fehl am Platz sind, belegen vergangene Vorfälle mit rassistischem Hintergrund.

Der Herr Professor auf Staatskosten ist

wohl etwas senil. Die Naziterrorgruppe die in Deutschland über Jahre systematisch gemordet hat, wurden bei der allgemeinen Wehrpflicht eingezogen und nicht durch eine Berufsarmee rekrutiert.

der mann hat einfach recht



berufsheer ist ein staat im staate und wird wahrscheinlich von rechtsextr. durchsetzt werden. wer das nicht will, sollte am 20. jänner für die wehrpflicht stimmen!

Re: der mann hat einfach recht

Meinen Sie dand jetzt auch alle Berufssoldaten des Bundesheeres? Oder wie soll das verstanden werden? In Zukunft also bitte etwas mehr Verstand einsetzen beim Kommentareschreiben. Danke.

Re: Re: der mann hat einfach recht

wir haben derzeit berufssoldaten, aber kein berufsheer. da ist ein unterschied, den leute, die ihre direktiven von der kronen-zeitung empfangen nicht so ganz kapieren. aber wie sollten sie auch, regelmäßige lektüre ihres lieblinsblattes senkt ja den iq, wie man anhand von darabos schon die letzten jahre beobachten konnte...

Re: Re: Re: der mann hat einfach recht

Ein Frage, rein aus Interesse:
Wie kommen Sie eigentlich da drauf, dass "Guckst du" Leser der Kronen Zeitung ist? Kennen Sie ihn? Haben Sie gesehen, dass er die Kronen Zeitung liest? Können Sie das beweisen? Wenn nicht, dann trifft das mit dem gesenkten IQ zu hundert Prozent auf Sie selber zu. Schöne Nacht noch!

PS: Weg mit der Wehrpflicht, der Zwangsrekrutierung von Jugendlichen zum Frondienst!

Re: Re: Re: Re: der mann hat einfach recht

die wehrpflichtabschaffung ist eine von der krone inszenierte kampagne, der sich niederträchtigerweise der bundeskanzler und die rückgratlose marionette von verteidgungsminister angeschlöossen haben. schon aus demokratiepolitischen gründen ist es notwendig, dass der versuch einer zeitung politik zu machen vereitelt wird.

wer das nicht begreift, ist leider jemand, der offenbar gerne von der "krone" diktiert bekommt, was er zu denken und zu meinen hat.

ps: ja zum volksheer, und nein zu einer söldnertruppe!

Re: Re: Re: Re: Re: der mann hat einfach recht

die wehrpflichtabschaffung ist eine von der krone inszenierte kampagne,
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Genau die Krone hat die Abschaffung der Wehrpflicht in D herbeigeführt genauso wie in 20 anderen EU-Ländern. Wie b... kann man sein? Sie sollten echt mal weniger Kronen Zeitung lesen, Sie bemitleidenswertes Subjekt!

Re: Re: Re: Re: Re: Re: der mann hat einfach recht

go home to brd! tschüssi!

Re: Re: Re: Re: Re: Re: Re: der mann hat einfach recht

Ach Du armseliges blaues Würtstchen.

Re: Re: Re: Re: Re: Re: Re: Re: der mann hat einfach recht

du siehst wohl gerade in den spiegel!

Re: Re: Re: Re: Re: der mann hat einfach recht

Die Krone irrt immer siehe Haider,Grasser,Martin und jetzt Stronach.
Das Kleinstformat setzt immer auf die falschen Leute,und jetzt eben auf ein Berufsheer.....

Re: Re: Re: Re: Re: Re: der mann hat einfach recht

hoffentlich. wenn die wehrpflichtgegner sich nämlich durchsetzen, wird jeder politiker noch mehr vor der krone auf dem bauch liegen. wenn die wehrpflichtvefürworter am 20. jänner gewinnen, dann hingegen ist der "mythos krone" ordentlich angekratzt.

Herr Wolffsohn bedient Klischees ...

... wenn er meint, hauptsächlich einfache Menschen würden sich als Freiwillige melden und da natürlich haufenweise Rechtsextreme. Diese Aussage impliziert doch, dass sich unter den derzeitigen Berufssoldaten ebensolche in großer Zahl befinden würden. Das ist Unsinn.

Und wenn er die Französische Revolution anführt als "gutes" Beispiel für die Wehrpflicht, dann sage ich nur das nicht, denn die ist ja bekannt dafür, die Menschen wahllos abgeschlachtet zu haben in Massen.
Die Wehrpflicht kam dann allerdings dem kriegsgeilen Napoleon zupass, da hatte er ein großes Reservoir an Soldaten für seine Kriege in Europa.

Es liegt am System, ob es zulässt, dass "Idioten" ausgesiebt und Soldaten mit Verstand gut und dementsprechend ausgebildet werden.
Letzteres ist nämlich mit Zwangsrekrutierten nicht mehr zu bedienen.

Re: Herr Wolffsohn bedient Klischees ...

Wie schaut es eigentlich bei den Personalvertretungswahlen beim Heer aus?

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