Syrien: "Wir dulden hier keine Extremisten"

17.12.2012 | 18:12 |  von unserem Mitarbeiter PETER STEINBACH (Die Presse)

Die Rebellen kontrollieren die Bergregion im Norden des umkämpften Landes. Hier liegt auch, gut versteckt, das erste Trainingscamp der Aufständischen auf syrischem Boden. Ein Lokalaugenschein.

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Das Dokument, das man an der türkischen Grenze unterschreiben muss, hat nur eine Zeile: „Bei Ihrem Aufenthalt in Syrien tragen Sie für alle Risken selbst die Verantwortung.“ Wortlos steckt der Grenzer das Papier in seine Schreibtischschublade und wünscht mürrisch eine gute Reise.

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Auf der syrischen Seite gibt es keinerlei Formalitäten. Rebellen der „Freien Syrischen Armee“ (FSA), die den Übergang Bab El Hauwa im August erobert haben, winken nach einem kurzen Blick in den Wagen freundlich durch. Einige von ihnen tragen neue schwarze Uniformen.

Der Fahrer gibt Gas. Die Reise nach Jebel al-Sauia kann beginnen. Die rund 300 Quadratkilometer große Bergregion liegt im Norden Syriens und ist das Herzland der Revolution. Hier forderten friedliche Demonstranten bereits am 1. April 2011 den bedingungslosen Rücktritt von Präsident Bashar al-Assad und seinem Regime. Hier griff man sofort zu den Waffen, nachdem auf die Opposition geschossen worden war. Es ist eine Gegend, in die normalerweise keine Journalisten fahren. Einige Pressevertreter wurden auf dem Weg dorthin von radikalen Islamistengruppen entführt.

 

Mit Pistole und Handgranaten

Ahmed sitzt am Steuer des Kleinbusses. Er trägt eine schwarze Sonnenbrille und eine Browning-Pistole im Halfter. Lachend greift er in einen Plastiksack und holt eine Handgranate hervor: „Wir sind auf der sicheren Seite“, sagt er mit einem breiten Grinsen.

Die Fahrt geht über Feldwege auf die Autobahn. Es ist die Verbindungsader des Landes, die von Aleppo im Norden über Homs und Damaskus bis an die jordanische Grenze im Süden reicht. Die Rebellen kontrollieren davon eine 70 Kilometer lange Teilstrecke zwischen Idlib und Maarat Numan, das kurz vor Hama liegt. Nach etwa 20 Minuten biegt Ahmed von der Autobahn ab. Auf Landstraßen und Pisten geht es immer höher in die Berge.

In Kafarauid, einer Kleinstadt mit 11.000 Einwohnern, empfängt Kommandeur Fouad in seinem geräumigen Haus. Er unterhält ein Bataillon von 600 Mann, ist aber gleichzeitig der Befehlshaber aller anderen 15 Einheiten der Region. Insgesamt befehligt er mehr als 3500 Rebellen. „Gefechte gibt es bei uns kaum mehr“, erklärt er. „Wir haben unsere Berge befreit, bei uns ist es ruhig.“ Als hätte er damit ein Zeichen gegeben, erschallt der tiefe Donner der Artillerie der syrischen Armee. Fouad muss schmunzeln und zählt laut weitere drei Abschüsse dicht hintereinander. „Das geht immer so“, fügt er lapidar an.

 

Der Bauer als Revolutionär

Fouad ist eigentlich Landwirt und erst Berufsrevolutionär geworden, nachdem er bei einer friedlichen Demonstration fünfmal angeschossen worden ist. „Wir waren die Ersten in Syrien, die Assad zum Teufel jagen wollten. Dafür habe ich die Kugeln noch im Leib“, erzählt er, hebt seine Hand und zeigt auf den Stummel seines Ringfingers. „Den hab ich ganz verloren.“ Zwei seiner insgesamt fünf Brüder starben bei einem Angriff der syrischen Armee, die vergeblich versuchte, Jebel al-Sauia wieder unter Kontrolle zu bekommen.

Um den Kampf gegen das Assad-Regime zu finanzieren, verkaufte Fouad einige Häuser und Ländereien des Familienbesitzes. Von großen Waffenlieferungen aus Saudiarabien oder Katar wisse er nichts. „Die Unterstützung, die wir bekommen, reicht gerade aus, um den Status quo zu halten, aber bei Weitem nicht, um einen entscheidenden Schlag zu führen.“

Den neuen Militärrat, der vergangene Woche gegründet wurde und der alle Rebellengruppen unter einem Dach vereinen soll, bewertet Fouad mit einem Achselzucken. An den Namen des gewählten Oberkommandierenden Salim Idriss muss er erst erinnert werden. „Wir vertrauen nur auf uns selbst. Wir lehnen alle ab, die ausländische Interessen vertreten.“

 

Al-Qaida ist „nicht willkommen“

Zu denen, die in Schebel al-Sauia nicht willkommen sind, gehört auch Jabhat al-Nusra. Die al-Qaida nahestehende Rebellenbrigade, in der viele Jihadisten aus dem Ausland kämpfen, setzte die USA jüngst auf ihre Terrorliste. „Al-Nusra hat gute Kämpfer, aber offiziell als Organisation lassen wir sie bei uns nicht tätig werden“, versichert Commander Fouad. „Wir vertreten einen moderaten Islam und dulden keine Extremisten.“

Später zeigt der 32-Jährige ein Waffenlager im Hauptquartier seines Bataillons: einige Munitionskisten, Panzerfäuste, einen Mörser aus deutscher Fabrikation. „Woher der ursprünglich stammt, weiß ich nicht“, erklärt Fouad. „Das ist nur ein kleines Waffenlager für den täglichen Bedarf“, erläutert er. „Wir haben noch viel mehr in verschiedenen, sicheren Verstecken.“

Plötzlich ist das unverkennbare Rauschen eines Kampfjets zu hören. Von draußen rufen einige junge Kämpfer nervös: „Flugzeug, Flugzeug!“ Es ist Zeit zu gehen.

 

Im Lager des Ex-Legionärs

Rund 20 Kilometer von Kaferauid entfernt liegt an einem geheim gehaltenen Ort das erste Trainingscamp der Rebellen auf syrischem Boden. Es ist eine ehemalige Schule, in der Freiwillige „zu Elitesoldaten ausgebildet werden“, wie Mahmoud Scheich Elsour, der Initiator des Projekts, versichert. „Wir folgen den Ausbildungsmethoden der britischen Spezialeinheit SAS.“

Der 52-Jährige scheint zu wissen, wovon er spricht. Er diente fünf Jahre bei der französischen Fremdenlegion und arbeitete für diverse private Sicherheitsfirmen.

Für die Rekruten beginnt der Tag mit dem Morgengebet und einem acht Kilometer langen Lauf durch die Berge. Nach dem Frühstück folgen Waffenkunde, Selbstverteidigung, Taktikkunde. Am Spätnachmittag gibt es zwei Stunden Islamunterricht. 3000 Euro kostet das Ausbildungslager monatlich. Der ehemalige Fremdenlegionär bezahlt das angeblich aus eigener Tasche. Leisten sollte es sich der 52-Jährige können: Er lebte fast drei Jahrzehnte in den USA und ist dort Besitzer eines Unternehmens, das Bulldozer verkauft.

Als die Revolution in Syrien begann, schloss er sich sofort dem Kampf gegen das Regime an. Der Vater zweier Kinder baute die „al-Muschin“-Brigade auf, die – wie er sagt – heute 1200 Mann umfasst und in Aleppo und Kamischli kämpft. „60 gut ausgebildete und ausgerüstete Soldaten sind besser als 6000, die vom Krieg keine Ahnung haben.“

 

Mechaniker und Studenten

Sein Projekt hat Interesse bei anderen Kommandanten geweckt. „Nahe Latakia soll ich ein Trainingscamp für 300 Mann aufbauen. Und es gibt eine Anfrage aus Hama“, erzählt Scheich Elsour. Freiwillige gebe es genug, die bereit seien zu kämpfen. „Es sind Bauernsöhne, Studenten oder Mechaniker, die zu uns kommen.“ Wichtig sei, dass sie „einen guten Charakter“ hätten. „Man will ja keine Leute ausbilden, die ihr Wissen benutzen, um danach andere zu bestehlen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.12.2012)

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1 Kommentare

schönes Märchen!

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