Ägypten: Islamisten verkünden Mehrheit für Verfassung

23.12.2012 | 18:25 |   (DiePresse.com)

Die Zustimmung zu dem umstrittenen Verfassungsentwurf beträgt inoffiziellen Zahlen zufolge etwa 64 Prozent. Die Opposition kündigt Widerstand an.

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Zwei Jahre nach dem Sturz des Langzeitpräsidenten Husni Mubarak wird Ägypten auf eine religiösere Basis gestellt. Nach inoffiziellen Ergebnissen hat eine klare Mehrheit von fast zwei Dritteln der Wähler die von den Islamisten geschriebene Verfassung gebilligt. Damit werden künftig die Islamgelehrten an Macht gewinnen und in vielen Lebensbereichen mitbestimmen können.

Das wichtigste Oppositionsbündnis, die Nationale Heilsfront, will das Ergebnis der Volksabstimmung anfechten. Die Heilsfront begründete ihr Vorhaben am Sonntag mit angeblichen Regelverstößen und Betrügereien bei dem Referendum. Gleichzeitig kündigte sie ihre Kandidatur bei der Parlamentswahl an, die binnen zwei Monaten nach dem Referendum stattfinden sollte. Die Muslimbruderschaft bedankte sich dagegen in einer Erklärung beim ägyptischen Wahlvolk.

64 Prozent stimmen für Verfassungsentwurf

Wie arabische Medien und die Muslimbruderschaft am Sonntag meldeten, sprachen sich bei dem Referendum insgesamt 64 Prozent der Wähler für den Verfassungsentwurf aus. Am zweiten und letzten Abstimmungstag am Samstag war die Zustimmung erwartungsgemäß noch größer als eine Woche zuvor, weil vermehrt in konservativen ländlichen Gebieten abgestimmt wurde. Dort haben die Religiösen starken Rückhalt, die Präsident Mohammed Mursi zur Macht verholfen hatten, und die Bürger erhoffen sich von einer strengeren Auslegung der Scharia mehr Stabilität.

Trauer um Mubarak

In der ersten Runde war auch in den Großstädten Alexandria und Kairo gewählt worden, wo Mursis Kritiker ihre Hochburgen haben. Damals lag der Anteil der Befürworter bei 56 Prozent. Diesmal stimmten gut 71 Prozent der Verfassung zu. Nur knapp 29 Prozent hätten mit Nein gestimmt, hieß es unter Berufung auf eine Auswertung der Ergebnisse fast aller Wahllokale. Von 17 Provinzen votierte in der zweiten Runde demnach nur eine, Menufija im Nildelta, mehrheitlich mit Nein. Dort trauern viele Mubarak nach.

Friedliche Protestaktionen

Erneut stieß der Ablauf der Volksabstimmung auf Kritik. Viele Wähler seien wieder von Islamisten beeinflusst oder eingeschüchtert worden, berichteten Beobachter und ägyptische Medien. Zudem sollen Liberale, Linke und Christen in manchen Gebieten an der Stimmabgabe gehindert worden sein. Die Nationale Heilsfront will daher weiter die Bürger mobilisieren. Friedliche Protestaktionen sollten solange fortgesetzt werden, bis die neue Verfassung wieder falle, hieß es. In den vergangenen Wochen hatte es immer wieder Massenproteste und auch tödliche Krawalle in Ägypten gegeben.

Vizepräsident tritt zurück

Wenige Stunden vor dem Ende der Abstimmung hatte Vizepräsident Mahmud Mekki seinen Rücktritt erklärt. Er wies darauf hin, dass in dem Entwurf zur neuen Verfassung das Amt des stellvertretenden Staatsoberhauptes nicht vorgesehen sei. Eine konkrete Begründung für seine Entscheidung jetzt lieferte er nicht.

Offizielle Ergebnisse des Referendums sollen am Montag verkündet werden. Die Wahlbeteiligung wird insgesamt auf etwas mehr als 30 Prozent geschätzt. Die Ägypter müssen sich nun auf eine weitere Abstimmung vorbereiten. Innerhalb von zwei Monaten müssen sie ein neues Parlament bestimmen. Beobachter rechnen damit, dass die Islamisten nach eine Reihe von Wahlerfolgen dann erstmals einen Dämpfer bekommen.

Darauf setzt auch die Opposition. Der linke Oppositionsführer Hamdien Sabahi betonte am Sonntag: "Wir sind bereit, alle demokratischen Kämpfe zu führen". Die Beteiligung an den Parlamentswahlen werde dabei die Nagelprobe sein.

(APA/dpa/AFP/Reuters)

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38 Kommentare
 
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Jeden,

aber wirklich jeden Rauschigen im Dorfwirtshaus war die Entwicklung schon seit den Anfängen in Tunesien klar, nur anscheinend unseren Politikern nicht. Zumindest hätte ich erwartet, daß es dem Wiener Boß klar war, weil der kann allemal mit dem Dorfwirtshaus mithalten.

islamisten da und dort

31.10.2012 • Erdogan redet gerne vom überfälligen EU-Beitritt der Türkei. Doch in Ankara ist anderes wichtiger.
Von Michael Martens FAZ
© REUTERS Istanbul: Aber wo liegt es?
An der Istanbuler Bahcesehir Universität ist unlängst eine aufschlussreiche Studie über die Werte der Türken veröffentlicht worden. Zunächst bestätigte die Untersuchung Altbekanntes: Die Türken sind nationalistischer als europäische Völker, und der Islam ist ihnen ungleich wichtiger als Deutschen, Bulgaren oder Spaniern ihr Christentum.

Re: islamisten da und dort

Es geht hier um die Verfassung in Ägypten.

Ohne YouTube link

Wer wissen will was Islam bedeutet kann sich gerne Pierre Vogel auf YouTube ansehen. Jeder bilde sich seine Meinung.

merks europa

Damit werden künftig die Islamgelehrten an Macht gewinnen und in vielen Lebensbereichen mitbestimmen können.


Islamofaschismus


Das ist Islamofaschismus pur. Keinen Millimeter irgendwelchen Islamisten. Wo ist die EU. Die muß hier Druck ausüben, sonst wird das Iran 2.0


Re: Islamofaschismus

Demokratische Wahlen fanden statt, die Mehrheit hat entschieden. Und Europa hofft auf den Euroislam.

Ich verstehe den Zweck der Abstimmung nicht!

Angenommen, die Mehrheit stimmt mit "Nein". Gäbe es in Ägypten dann gar keine Verfassung? Oder bliebe die alte Mubarak-Verfassung bestehen?

Sinn hat so eine Abstimmung doch nur bei mindestens zwei divergierenden Entwürfen!

tet


Drei weiße Birken

Ne - Drei brennende Kirchen *g*

Ab wie viel brennende Kirchen findet die Presse es Wert, so ein Ereignis als wichtigstes Thema zu positionieren?

10

Kein

Wort mehr in den Medien vom arabischen Frühling

Jetzt haben die ORF-Sandmännchen, was sie wollten.


Na ja, ein Mussawi, den der Westen (auch Österreich) bei der letzten Wahl im Iran mit allen Mitteln unterstützte, ist Mursi ja wirklich noch nicht

Zur Erinnerung: Unter der Amtszeit Mussawis als Premierminister fanden im Iran die größten Hinrichtungswellen(!) an Regimegegnern und Oppositionellen des Mullahregimes statt. Siehe Wikipedia!

Aber vielleicht hatte der Westen bzw. die NATO noch keinen ähnlich tollen Politiker für Ägypten gefunden, um ihn ebenso stark wie Mussawi zu unterstützen. Auch die österreichischen Politiker und Medien würden sicher auch wieder so einen Mann unterstützen. Bei so tollen Referenzen müsste man das doch auch tun. Oder?

Siehe auch Libyen, wo die USA, GBR, F schwer fundamentalistische Moslems und ehemalige hochrangige Gaddafi-Helfer an die Macht gebombt haben.

Was garantiert zu einer Verschlechterung der wirtschaftlichen Situation Libyens, der Situation der Frauen und der modernen Moslems in diesem Land führen wird.

Doch - oh - welch gute Aussicht: Da die Moslembrüder zu den gebildetsten, anständigsten und seriösesten Kreise Ägyptens gehören, werden sie ziemlich sicher bald vom Westen weggeputscht werden. Gründe dafür wird man schon finden oder einfach erfinden. Wäre ja nicht das erste Mal. Schließlich müssen der Westen und Israel ja ihre wirtschaftlichen Pfründe in Ägypten absichern.

Und was sind schon eine 2/3 Zustimmung der Bevölkerung für eine politische Führung, wenn aber die NATO und Israel dagegen sind?

wer was anderes erwartete...

ist schlicht und ergreifend ein Koffer.

Es wird nicht lange dauern, und den Christen, Frauen, Schwulen, Künstlern, Intellektuellen und anderen Minderheiten fliegen die heiligen Steine um den Schädel.

Wann wird diese unselige, als Religion verkleidete Gewaltpartei weltweit geächtet und verboten (wo sie noch nicht in der Mehrheit ist).

Re: wer was anderes erwartete...

Da mache ich mir keine Sorgen. Die werden sicher mit den amerikanischen Bomben erschlagen, die der Pfarrer vorher mit seinem nassen Besen geheiligt hat.

Schade

Wäre gerne nochmals nach Ägypten auf Urlaub gefahren - aber in einen Land mit einer mittelalterlichen Verfassung hat man nicht zu fahren - ich bin klar für eine Reisewarnung für Länder mit der Scharia als Basis der Gesetzgebung

Ich empfehle Irland:

das Land mit dem geringsten islamischen Bevölkerungsanteil in Westeuropa ...

Re: Ich empfehle Irland:

Ich liebe Irland!
Mein Motto für zukünftiges Reisen:
Shannon Rover statt Proleten Hurghada!

Abgeirrte Nachrichten!

Es ist alles offiziell gemacht ; die neue Verfassung , die Abstimmung und noch die Resultaten des Referendums.
Es ist nie Mursis Fehler, dass die Oppositionellsten die Verfassung nicht mögen. Die Abstimmung war absolut fair.
Persönlich hab' ich gestern mit JA abgestimmt. Fall die Opposition und die Christen die neue Verfassung nicht mögen, dann sollten sie raus des Loches gehen und mit NEIN abstimmen .. Das heißt Demokratie oder???

Re: Abgeirrte Nachrichten!

Werter Ägypter: Bitte lesen Sie diesen Artikel: http://www.welt.de/politik/ausland/article112205477/Islamisten-feiern-Erfolg-fuer-Scharia-Verfassung.html

Re: Abgeirrte Nachrichten!

Dass aber viele Ungereimtheiten (Fälschungen) seitens der Mursi-Anhänger passierten und das von unabhängigen internationalen Wahbeobachtern festsgestellt wurde, das erwähnen Sie nicht. Wenn Sie schon von Demokratie schreiben, dann bitte die Wahrheit. Und diese kann nicht auf Fälschungen basieren. Sowohl Syrien als auch Ägypten werden zu islamistischen Gottesstaaten mutieren und wie dann die Zukunft beider Länder aussehen wird, das kann man in Saudi Arabien beobachten.

Re: Abgeirrte Nachrichten!

Demokratie heisst aber auch Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau, freies Glaubensbekenntnis. Davon steht in Ägypten nichts drin!

Re: Re: Abgeirrte Nachrichten!

Doch doch gibt es natürlich die Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen in Ägypten z.B. die erste Beraterin des Mursis ist eine Frau (Dr. Pakinam Hassan Al Sharqawi). Sie ist eine Beraterin für die politische Affäre.
Stimmt gibt es auch Glaubensfreiheit also bekommen die Christen und sogar die Juden alle Rechte ganz genau wie die Muslime z.B. der zweiter Berater des Mursis ist ein christlich (Dr. Samir Murqos). Er ist Mursis Berater für DIE DEMOKRATISCHE ENTWICKLUNG.
Bevor sie so viel reden, wissen Sie bitte wovon Sie sprechen!

Re: Re: Re: Abgeirrte Nachrichten!

Die Berater des Herrn Mursi sind bekannt, doch wie sieht die Realität aus? Was nützen die Pro forma Berater, wenn Mursi den Weg geht, den die Radikalen unter den Moslem-Brüdern vergeben? So wie es jetzt aussieht, hat die Demokratie in Ägypten (fast) keine Chance.

Re: Abgeirrte Nachrichten!

Ganz genau:
Das ist die Abschaffung der Demokratie mit demokratischen Mitteln.
So haben das auch die Nazis gemacht 1933.

Und das passiert deshalb, weil diese Verfassung keinen ausreichenden Schutz für Frauen und Minderheiten beinhaltet und der Scharia (dem denkbar absoluten GEGENTEIL von Demokratie) nun der Weg geebnet ist.

Viel Spass, lieber Ägypter bei einer Reise ins finsterste Mittelalter.


 
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