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Nordische Geschäftsidee: Friedensbildung global

23.12.2012 | 17:38 | von HANNES GAMILLSCHEG (Die Presse)

Finnlands Ex-Präsident Martti Ahtisaari ist mittlerweile der gefragteste "ehrliche Makler" weltweit, wenn es darum geht, in einem Konflikt zu vermitteln. Inzwischen hat er für diesen Job sein eigenes Institut in Helsinki.

Helsinki. Es ist die feste Überzeugung des finnischen Ex-Präsidenten Martti Ahtisaari, dass es für jeden Konflikt eine Lösung gibt. Man müsse den streitenden Parteien nur lange genug zuhören, um den Ansatz zu finden, der einen Ausweg aus der Krise bieten kann. Diese Einstellung hat den inzwischen 75-jährigen Finnen zu einem der weltweit gefragtesten Friedensmakler gemacht und ist auch die Grundidee hinter der „Krisenmanagement-Initiative“ (CMI), die er in Helsinki gegründet hat: durch Vermittlung, Dialog und Vertrauensbildung Konfliktknoten aufzulösen.

Wenn es um Friedensbildung ging, waren die skandinavischen Länder seit jeher führend. Das neutrale Schweden bot sich während des Kalten Krieges als „ehrlicher Makler“ zwischen den Blöcken an, in Finnland hatte die europäische Sicherheitskonferenz, die sich später zur OSZE entwickelte, 1975 ihren Ursprung.

In den vergangenen Jahren hat Norwegen die pazifistische Führungsrolle übernommen, mit durch Ölmilliarden gesponserte Friedensinitiativen, die mit mehr oder weniger Erfolg von Nahost bis nach Sri Lanka und von Guatemala bis Mali reichten. Jüngstes Beispiel sind die Verhandlungen zwischen Kolumbiens Regierung und der Farc-Guerilla, die in Oslo ihren Auftakt hatten, ehe sie in Havanna fortgesetzt wurden.

 

Vorteile eines Privatpazifisten

Die CMI bietet einen anderen Ansatz: Waren es sonst Regierungen und staatliche Organisationen, die sich um Vermittlung bemühten, handelt es sich bei dem Institut in Helsinki um einen privaten Akteur. „Wir können rasch reagieren, diskret arbeiten und einen unparteiischen Ansatz garantieren“, beschreibt CMI-Sprecherin Saila Huusko die Vorteile der Ungebundenheit: „Weil wir eine unabhängige und neutrale Organisation sind, können wir mit allen Seiten und auf allen Ebenen tätig sein.“ Eine „Friedensfirma“ sei CMI nicht: „Wir sind kein Unternehmen, wir sind eine NGO“ (regierungsungebundene Organisation), unterstreicht Huusko. Aber die Friedensbildung ist die „Geschäftsidee“ des Instituts. Die notwendige Zeit und Kontinuität zu investieren, um das Vertrauen aller Konfliktparteien zu erwerben, ist essenziell für den Erfolg.

Ahtisaari, der sich als UN-Vermittler in Namibia einen Namen gemacht hatte, war von 1994 bis 2000 Staatspräsident in Finnland. Doch als die Sozialdemokraten, die ihn nominiert hatten, zögerten, seine Wiederwahl zu unterstützen, kehrte er der Politik den Rücken. Er tat es mit einem Paukenschlag, als er kurz vor
Ende seiner Amtsperiode gemeinsam mit dem russischen Ex-Premier Viktor Tschernomyrdin den serbischen Präsidenten Slobodan Milošević zur Aufgabe im Kosovo-Krieg überredete. Seine Expertise nützte Ahtisaari anschließend zur Gründung der CMI, die heute an mehr als 20 Konfliktherden aktiv ist.

 

„Serbische Sturheit“ frustrierte

Auch wenn sie unabhängig ist, wird sie vom finnischen Staat finanziell abgesichert, der 53 Prozent des Budgets von rund 5,5 Millionen Euro deckt. Der Rest kommt teils von anderen Regierungen und der EU, teils von privaten Donatoren und Spenden. Dass CMI die entscheidende Rolle spielte, als Indonesien und die „Free Aceh“-Bewegung den jahrzehntelangen Konflikt um die Aceh-Provinz 2005 mit einem Friedensschluss beendeten, hat die Initiative rasch bekannt gemacht. Drei Jahre später wurde Ahtisaari mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.

Doch auch er stößt an seine Grenzen: Seine Bemühungen um eine Kosovo-Lösung, die er im UN-Auftrag durchführte, musste er frustriert über „serbische Sturheit“ aufgeben. An anderen Fronten, die weniger im Blickpunkt stehen, hat das Helsinki-Team beim Versuch, internationale Expertise und lokale Erfahrungen zusammenzubringen, mehr Erfolg.

CMI arrangierte ein Treffen irakischer Politiker zur Versöhnung nach dem Krieg, erstellte eine Analyse, die zur Auflockerung der politischen Situation in Burma beitrug, etablierte in Aceh ein Netzwerk für die Beteiligung von Frauen an der Friedensbildung nach dem Konflikt und half Liberia beim Aufbau eines Zivilregisters.

Die Afrikanische Union zieht CMI bei, wenn es gilt, regionale Vermittlungsinstitutionen aufzubauen. Und auch die EU bedient sich der Expertise des finnischen Instituts.


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