Klaus-Nachfolge: Tschechien sucht den Superpräsidenten

07.01.2013 | 18:14 |  von unserem Korrespondenten Hans-Jörg Schmidt (Die Presse)

Am Freitag und Samstag steigt die erste Direktwahl des tschechischen Staatsoberhaupts. Der scheidende Präsident Klaus befürchtete einen Wahlkampf wie eine Castingshow. Er sollte teilweise recht behalten.

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Prag. Wenn ein privater tschechischer Fernsehsender die beste Sendezeit abends für ein Politikerduell freiräumt, dann nicht für irgendeine langweilige, am Ende vielleicht gar noch politische Abfragerei von Ansichten und Absichten der Kandidaten.

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Nein, der Sender TV Prima, der mit Politik sonst herzlich wenig am Hut hat, lässt es richtig krachen. Der ohrenbetäubende Lärm, den die Zuschauer im Studio schon zu Beginn veranstalten, gehört zum Konzept des Duells. Ein „Applausometer“ misst bis auf zwei Stellen hinter dem Komma die Lautstärke, mit dem der Einmarsch der beiden vermeintlichen Favoriten bei der anstehenden Präsidentenwahl beklatscht und begrölt wird.

Eine Wahl nach dem Vorbild von „Tschechien sucht den Superstar“, hat Amtsinhaber Václav Klaus misslaunig vorhergesagt, als beide Kammern des Parlaments gegen seine Empfehlung erstmals die Direktwahl des Staatsoberhauptes beschlossen hatten. „Dieser Präsident wird nicht vom Volk gewählt, sondern im Fernsehen gekürt“, schwante Klaus. Er sollte recht behalten.

 

Zwei Ex-Premiers als Favoriten

Zwar treten an diesem Freitag und Samstag insgesamt neun Kandidaten an, um Klaus nach zehn Jahren im Amt abzulösen. Doch TV Prima hält sich an die Umfragen, die für einen zweiten Wahlgang in 14 Tagen zwei frühere Regierungschefs weit vorn sehen. Der eine ist Miloš Zeman. Er hat nach 1989 die lange verbotenen Sozialdemokraten wiederaufgebaut und nach ein paar mageren Jahren bis in den Regierungspalast an der Moldau geführt. Zeman war nicht nur Premier und Parlamentspräsident, sondern schon einmal Kandidat für das höchste Staatsamt. Vor zehn Jahren scheiterte er gegen Klaus, weil die eigenen Genossen ihn nicht wollten. Zeman trat danach verbittert aus der Partei aus, verzog sich auf sein Landhaus, wollte mit Politik nie wieder etwas zu tun haben und hat nun doch wieder Appetit bekommen.

 

Pfründe aufgeteilt

Zeman war neben Klaus und Václav Havel eines der ganz wenigen politischen Schwergewichte in Prag nach 1989. Zeman und Klaus schätzen einander bis heute, obwohl sie ideologisch andere Richtungen verfolgen. Der Respekt füreinander rührt aus der Zeit, da Klaus Mitte der 1990er-Jahre die sozialdemokratische Minderheitsregierung Zemans tolerierte, er selbst dafür den Posten des Parlamentspräsidenten bekam und beide so ziemlich alle Pfründe des Landes untereinander aufteilten. Damit brachten sie große Teile der Öffentlichkeit gegen sich auf, die nicht mehr von Demokratie sprach, sondern von „Demokratura“.

Zeman ist auch deshalb heute der Favorit von Klaus, weil er aus der Sicht des amtierenden Präsidenten am ehesten so wie er selbst die „nationalen tschechischen Interessen“ verteidigen könnte. Wie gut Zeman das kann, hat er als Regierungschef bewiesen, als er die Sudetendeutschen als „5. Kolonne“ Hitlers verunglimpfte, die sich glücklich hätten schätzen können, dass sie nach dem Krieg „Heim ins Reicht“ durften, statt alle an die Wand gestellt zu werden. Das war seinerzeit selbst Zemans Berliner Genossen Gerhard Schröder zu viel: Der sagte demonstrativ einen Besuch in Prag ab.

 

Schwäche für Schnaps

Der zweite der Favoriten ist Jan Fischer. Der hat einst Tschechien die EU-Ratspräsidentschaft gerettet. Mitten in dieser Präsidentschaft hatten die damals oppositionellen Sozialdemokraten den bürgerlichen Premier Mirek Topolanek aus nichtigen Gründen gestürzt. Fischer, seinerzeit Chef des Statistischen Amtes, wurde zum Premier einer Beamtenregierung auserkoren und hielt fortan den katastrophalen Imageverlust für Tschechien in Grenzen.

Nach seinem Ausscheiden wurde er mit dem Posten eines Vizechefs der in London ansässigen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung belohnt. Dort hat er zumindest passabel Englisch gelernt, wie er in der Fernsehshow auf Fragen eines in Prag lebenden amerikanischen Journalisten bewies. Zeman stellte sich bei dieser Aufgabe auch nicht dumm an, zeigte zudem bessere Russischkenntnisse als Fischer.

Mit Politik wurde die tosende Menge in der TV-Show nicht allzu sehr behelligt. Zeman musste sich für seinen Hang zu häufig verquer ankommenden Bonmots und für seine Schwäche für Schnäpse auch schon früh am Morgen rechtfertigen. Es sei besser, einen Präsidenten zu haben, der einmal einen Witz macht, als einen, der ständig „wie chronisch magenkrank“ herumlaufe, konterte er. Mit seiner möglichen Präsidentschaft drohe zudem kein „Jelzin“ auf der Prager Burg: „Ein Alkoholiker ist nicht der, der regelmäßig trinkt, sondern der, der nicht richtig trinken kann.“

Fischer, der sich als „unabhängig und überparteilich“ präsentiert, hatte zu erklären, weshalb er in seiner Nach-Wende-Bewerbung um das Statistische Amt seine langjährige Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei „vergessen“ hatte. „Danach sei in dem Fragebogen nicht gefragt worden“, gab er lakonisch unter dem Jubel seiner Fans zum Besten.

 

Außenseiter Schwarzenberg

Am Ende schlug das „Applausometer“ mehr für Fischer aus, was die Zeman-Fans mit wütenden Rufen von „Betrug“ quittierten. Bei den Politologen und Journalisten lag dagegen Zeman vorn.

Vielleicht irren sich die Umfragen und Prognosen ja, wie so häufig in der Vergangenheit in Tschechien. Geht man nach der Zahl der Fans im Internet, dann hieße der neue Präsident mit großem Abstand Karel Schwarzenberg. Doch bei Facebook tummeln sich deutlich besser Gebildete als der Durchschnitt der Wähler. Und so hat Václav Havels ehemaliger Kanzler und jetziger weltweit renommierter Außenminister maximal Außenseiterchancen.

Dem Chefredakteur des Polit-Magazins Respekt übrigens kam beim Ansehen der TV-Show die Erleuchtung, weshalb Václav Klaus gerade eine großzügige Amnestie erlassen hat. Bei Facebook postete er: „Offenbar sind das alles frisch entlassene Häftlinge, die da im Fernsehstudio rumkrakeelen. Woanders findet man kaum derart viele primitive Menschen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.01.2013)

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