Schwarzenbergs Gegner ziehen „sudetendeutsche Karte“

18.01.2013 | 18:35 |  Von unserem Korrespondenten HANS-JÖRG SCHMIDT (Die Presse)

Der Außenminister und bürgerliche Präsidentschaftskandidat muss sich gegen Vorwürfe wehren, er sei kein „authentischer Tscheche“.

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Prag. Eine Woche vor der Stichwahl zum tschechischen Staatsoberhaupt machen die Gegner des bürgerlichen Kandidaten, Außenminister Karel Schwarzenberg, mobil. Der bei den Buchmachern im Zweikampf mit dem früheren linken Premier Miloš Zeman vorn liegende böhmische Adelsspross muss sich gegen Vorwürfe wehren, er sei kein „authentischer Tscheche“. Angestoßen haben diese Debatte ausgerechnet Amtsinhaber Václav Klaus und dessen Sohn.

Obwohl Klaus nach der ersten Runde der Wahlen noch betont hatte, den Wählern keine Empfehlung für die Stichwahl geben zu wollen, schlug er sich jetzt offen auf die Seite Zemans. „Präsident sollte ein Mensch werden, der zu diesem Land gehört, der Teil dieses Landes ist, der sein Leben hier verbracht hat“, in guten wie in schlechten Zeiten. Das zielte gegen Schwarzenberg, dessen Familie 1948 gezwungenermaßen ins Exil musste. Schwarzenberg hat von da aus freilich die Prager Dissidenten unterstützt und ist nach der Samtenen Revolution in seine Heimat zurückgekehrt.

Der älteste Sohn von Klaus machte sich öffentlich über die angeblich unzureichenden tschechischen Sprachkenntnisse Schwarzenbergs lustig. Schwerer noch wog sein Vorwurf, der Vater Schwarzenbergs habe mit den Deutschen kollaboriert. Klaus jr. bezog sich dabei auf in der Zeit des Sozialismus erschienene „wissenschaftliche Werke“, die längst als Propaganda entlarvt worden sind.

Die Familie Schwarzenberg gehörte ganz im Gegenteil zu den größten böhmischen Patrioten, was dazu führte, dass ihr Besitz von den Nationalsozialisten konfisziert wurde. Wegen ihrer pro-tschechischen Haltung durfte die Familie nach dem Krieg auch ihre tschechoslowakische Staatsbürgerschaft behalten und wurde nicht mit den Sudetendeutschen kollektiv vertrieben. Folgerichtig erhielt Karel Schwarzenberg nach 1989 auch einen Großteil seines früheren Eigentums zurückerstattet.

 

Gemeinsame Leichen im Keller

Schwarzenberg selbst nahm die Vorwürfe gelassen hin: „Ich habe mir meine tschechische Sprache, so gut es ging, auch im Exil erhalten. Und die Nationalhymne habe ich schon gesungen, als Klaus jr. noch gar nicht auf der Welt war.“ Wenig überrascht zeigte sich der Minister auch von der Parteinahme Klaus' für seinen Widersacher Zeman. Beide verbinde die Zeit des gemeinsamen Regierens in der Zeit des „Oppositionsvertrages“, den Kritiker bis heute als „schwersten Schlag gegen die Demokratie nach 1989“ bewerten. „Nichts verbindet zwei Leute besser als gemeinsame Leichen im Keller“, sagte Schwarzenberg.

In einer Fernsehdebatte am Donnerstagabend zog Gegenkandidat Zeman dann gegenüber Schwarzenberg die „deutsche Karte“. Er hielt dem Minister vor, dem Präsidenten Václav Havel zur Entschuldigung bei den Sudetendeutschen geraten und den Vertriebenen die Rückgabe ihres Eigentums in Aussicht gestellt zu haben.

Schwarzenberg erwiderte darauf, dass die Vertreibung aus heutiger Sicht als „grobe Verletzung der Menschenrechte“ anzusehen sei. Die damalige tschechische Gesellschaft sei „vom Bazillus des Nazismus angesteckt“ gewesen, als sie nach dem Prinzip der Kollektivschuld auch jene Deutsche vertrieben habe, die sich loyal zum tschechoslowakischen Staat verhalten hatten.

Zeman hat in seiner Zeit als Premier für eine massive Verstimmung in Deutschland gesorgt, als er die Sudetendeutschen als „fünfte Kolonne Hitlers“ bezeichnet hat. Die Sudetendeutschen hätten froh sein können, „heim ins Reich“ zu dürfen, statt an die Wand gestellt zu werden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.01.2013)

 
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16 Kommentare
independent_
19.01.2013 13:10
4

das musste ja kommen


sirgerald
19.01.2013 12:38
8

Das Agieren der Schwarzenberg-Gegner

erscheint mir als Ausdruck von Schwäche. Wer zu derartigen Argumenten greift, hat in Wahrheit gar keine.

Antworten Dorian Gray IV
19.01.2013 14:54
5

Re: Das Agieren der Schwarzenberg-Gegner

... wessen Geist nicht blitzt, dessen Stimme donnert ...

veverka
19.01.2013 12:05
8

Das einzige,

was die 40 Jahre kommunistisches Paradies wirklich zu Wege brachten, ist der Zusammenbruch der Moral tschechischer Politiker. Die ist wirklich am tiefsten Niveau! Ausnahmen wie Schwarzenberg können die Situation leider auch nicht retten.

starshaper
19.01.2013 11:53
6

Die guuuuten Linken als Chauvinisten ...

na, wer sagt's denn? LOL

buhbuh
19.01.2013 11:48
5

ja, da zeigt er es ihnen, unser Fürst.


veverka
19.01.2013 09:14
2

Wo ist der gestrige Artikel?


julrich
19.01.2013 09:12
8

Wo sind jetzt die Klaus Fans?

Klaus und Schwarzenberg sind eher mitte-rechts Poltiker aber Klaus unterstützt lieber den linken Zeman.

Ich hoffe Schwarzenberg hat sich mit den mutigen Aussagen nicht die Chancen auf den Wahlsieg genommen.

Antworten seefahrer-horst
19.01.2013 12:11
1

Re: Wo sind jetzt die Klaus Fans?

Schwarzenberg wurde aber 2007 bereits gegen den Widerstand von Klaus von den tschechischen Grünen als Aussenminister in die damalige Regierung Klaus nominiert.
Das hat mit den letzten Aussagen nix zu tun.

JOSHI
19.01.2013 02:50
11

bezeichnend

für haltung gegenüber den altösterreichern (sudetendeutsche) ist die haltung mancher auch heutiger tschechischen politiker.

hass und menschenverachtung seit der habsburgerzeit.

Faymarx-Spindelenin
18.01.2013 22:26
27

DER Mann hat Qualität!


Man muss sich vorstellen: Schwarzenberg will tschechischer Präsident werden - und verurteilt die Benes-Dekrete! Er eiert nicht herum und sagt geradeheraus, was Sache ist. Ohne Rücksicht darauf, dass ihn dies Wählerstimmen kosten kann.

Was für ein aufrechter Charakter!

Und jetzt stellen wir uns UNSEREN daneben vor!

Antworten Olleresbacher
19.01.2013 02:00
6

Re: DER Mann hat Qualität!

(2. Versuch) Vor ihm hat sich das meines Wissens nur Ex-Botschafter Jiři Gruša getraut.

Antworten Antworten sirgerald
19.01.2013 12:36
8

Re: Re: DER Mann hat Qualität!

Und Vaclav Havel.

Antworten mhaberler
19.01.2013 00:21
6

Re: DER Mann hat Qualität!

Karel na hrad, und _bitte_ Werner nach Liesing - Faymanns EU-Bewerbungsgewinsel unterbietet bereits den "this country is too small for me" level:

http://www.ortneronline.at/?p=20676

bittebittebitte Schossisitzenlassen, jaaaa

Crex crex
18.01.2013 20:58
9

ist "Klaus" ein tschechischer Name

oder ein deutscher Imperativ?

Antworten Young and good
18.01.2013 21:56
1

Re: ist "Klaus" ein tschechischer Name

Europäer.

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