Obama: Ein Danaergeschenk zur Angelobung

20.01.2013 | 19:25 |  von THOMAS VIEREGGE (Die Presse)

Am Sonntagmittag, Washingtoner Ortszeit, begann offiziell die zweite Amtszeit Barack Obamas als Präsident. Beim zweiten Mal war alles eine Nummer kleiner.

Drucken Versenden AAA
Schriftgröße
Kommentieren

Washington. Mit allem hatte Barack Obama gerechnet, aber nicht mit einem Einstandsgeschenk der Republikaner zu seiner Angelobung. Bei ihrer Klausur in Williamsburg, einem Städtchen mit kolonialem Charme in Virginia, hatten sie einen dreimonatigen Aufschub der Frist für die Erhöhung der Schuldengrenze angekündigt – was sich indes noch als Danaergeschenk herausstellen könnte. Denn so viel ist gewiss: Die Opposition wird daran harte Bedingungen knüpfen – ob im Februar oder erst später im Frühjahr.

Eine Retourkutsche hat der Präsident aber bereits ersonnen. An der Nummerntafel des gepanzerten „Beast“, seiner Dienstlimousine, ließ er eine Tafel anbringen mit dem Vermerk „No Taxation without Representation“ – eine populäre Losung in Washington. Die Bewohner der Hauptstadt führen zwar Steuern ab, haben jedoch kein Stimmrecht im Kongress. Seit Jahrzehnten pochen sie vergeblich auf ihr Mitspracherecht in jenem marmornen Parlament, das im Herzen ihrer Stadt auf einem Hügel wie eine Festung der Demokratie thront.

 

Keine Spielverderber

Fürs Erste wollten die Republikaner jedoch die Inaugurationsfeiern in Washington nicht verderben – wohl auch aus der Einsicht heraus, dass sie in der öffentlichen Meinung miserabel dastehen. Also verließen die meisten Abgeordneten der Grand Old Party, wie es Tradition ist unter den Unterlegenen, beinahe fluchtartig die Hauptstadt, um dem Präsidenten und seinen Anhängern am langen Feiertagswochenende das Feld auf der Mall zu überlassen, der Prachtmeile zwischen Kapitol und Lincoln-Memorial.

Die Feierlichkeiten waren nicht so pompös und euphorisch angelegt wie bei Obamas historischer erster Inauguration. Alles geriet eine Nummer kleiner. Dazu war die Bilanz der ersten Amtszeit zu wenig berauschend, und doch stellte sich die Hauptstadt am Montag für die öffentliche Zeremonie vor dem Kapitol auf einen Ansturm von zumindest einer drei Viertel Million Menschen ein. Optimisten unter den Obama-Fans hofften gar auf eine Million, weit hinter der Rekordmenge von 2009 von 1,7 Millionen. Damals waren alle Hotels trotz teils astronomischer Preise Wochen im Voraus ausgebucht, Tausende Busse und Hunderte Flüge spülten enthusiastische Parteigänger der Demokraten nach der achtjährigen Ära George W. Bushs in die Stadt.

Viele, die Obamas erste Angelobung versäumt hatten, fanden sich diesmal denn auch bereits am Wochenende in Washington ein – wie jene drei älteren afroamerikanischen Ladys, die in bodenlange Pelzmäntel und eine atemberaubende Parfumwolke gehüllt vor dem Lincoln-Memorial flanierten. Der montägliche Feiertag, der Martin-Luther-King-Day, bot dazu einen weiteren Anreiz.

Nach vier Jahren der Zumutungen und der Krise waren die Amerikaner zur Party entschlossen, orchestriert von Beyoncé, Alicia Keys und Lady Gaga. Das ganze Wochenende waren Feste und Bälle im Gange, und am Montagabend sollten die Feiern mit dem Inaugurationsball in den fußballfeldgroßen Hallen des Convention Centers ihren Ausklang finden.

Der Präsident selbst verschrieb sich einem nüchternen Programm. Wie es Usus ist bei dem passionierten Schreiber, feilte er bis zuletzt an seiner Inaugurationsrede. Am Samstag widmete er sich – wenigstens für ein symbolisches Foto – dem Dienst am Gemeinwohl. An der Seite seiner Frau Michelle, seit ihrem 49. Geburtstag letzte Woche mit Ponyfrisur, malte er einen Bücherschrank in einer Volksschule an. Fürs Malen entwickelt er eine gewisse Routine: Vor vier Jahren strich er Wände an.

Sonntag Vormittag legte er nebst Vize Joe Biden am Heldenfriedhof Arlington einen Kranz nieder – auch dies ein erprobtes Ritual. Und kurz vor Mittag, um 11. 55 Uhr, trat er im Weißen Haus im intimen Kreis der First Family zum Schwur an, der offiziell den Beginn seiner zweiten Amtszeit markiert. Frisch und munter, mit verhaltenem Lächeln, sprach er den Eid.

Auf einen Blick

Angelobung. Für die öffentliche Angelobung werden am Montag rund 750.000 Menschen in Washington erwartet. Zu Obamas erster Inauguration 2009 kamen rund 1,7 Millionen Zuschauer in die US-Hauptstadt. Die heutige Zeremonie fällt mit einem Feiertag, dem Martin-Luther-King-Day, zusammen. Höhepunkt ist der Inaugurationsball am Abend.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.01.2013)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

AnmeldenAnmelden