Italien: Das unheimliche Comeback des Silvio Berlusconi

31.01.2013 | 17:25 |  von unserem Korrespondenten PAUL KREINER (Die Presse)

Warum der ehemalige italienische Premier Silvio Berlusconi in Umfragen vor der Parlamentswahl rasant aufholt. Im Lauf des Jänner ist Berlusconi so stark geworden, wie es niemand erwartet hatte.

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Rom. Seine Leute sagen, Silvio Berlusconi sei müde gewesen und krank, und wer weiß: die Wirkung von mehreren Antibiotika gleichzeitig . . . Er selbst sagt, zu viele Journalisten hätten sich zu eng um ihn gedrängt; da seien ihm diese Sätze halt so rausgerutscht. Glauben will das in Italien niemand. Denn als Berlusconi am Sonntag  mit großem Gefolge gänzlich unangemeldet ins Mailänder Holocaust-Gedenken platzte, da ließ schon das auf eine geplante Aktion schließen. Und Berlusconis Sätze, die hörten sich weniger spontan an als vielmehr genau ausgedacht.

Berlusconi sagte also – beim Gedenken an die deportierten Juden und die politischen Gefangenen des Faschismus!  –, zwar seien die Rassengesetze „die schlimmste Schuld“ des Benito Mussolini gewesen, „vieles andere“ aber habe der Duce „gut gemacht“. Italien trage „nicht die gleiche Verantwortung wie die Deutschen“; die Vernichtung der Juden sei den Italienern von den verbündeten Deutschen „auferlegt“ worden.

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Seitenhiebe auf Merkel

Berlusconis Auftritt spielt auf mehreren Ebenen. Zum einen, das unterstreichen Parteifreunde wie Ex-Minister Renato Brunetta, gebe Berlusconi nur wieder, „was die meisten Italiener denken“. Er hat die Wähler am rechten Rand angesprochen. Zweitens nutzte Berlusconi die Gelegenheit, publikumswirksam auf Deutschland hinzuhacken. Das ist ein Zentralmotiv seines Wahlkampfs: Deutschland habe Italien die Haushaltsstrenge aufgedrückt und in die Rezession getrieben, „Frau Merkel“ habe ihn, den vom Volk gewählten Berlusconi, aus dem Amt gedrängt und Mario Monti eingesetzt. Deutschland suche die „Vorherrschaft“ in Europa  – zulasten Italiens.

Drittens legt es Berlusconi derzeit überall  darauf an, im Mittelpunkt zu stehen und Gelegenheiten dafür zu kapern. Er tritt so oft im Fernsehen auf wie nie, sagt irgendetwas, über das wiederum die anderen Fernsehkanäle meinen berichten zu müssen. Sämtliche Nachrichtensendungen, nicht nur die drei Programme seines Privatkonzerns, widmen Berlusconi weit mehr Sendeminuten als  der wahlkämpfenden Konkurrenz. Es ist ein Lawineneffekt; wer immer, egal zu welcher Tageszeit, den Fernseher einschaltet – er sieht Berlusconi.

Wahlforscher sagten bisher, das sei sein verzweifelter Versuch, aus einer ausweglosen Minderheitsposition das Beste zu machen. Im Lauf des Jänner aber ist Berlusconi so stark geworden, wie es niemand erwartet hatte. Betrug sein Rückstand gegenüber dem als sicher betrachteten Wahlsieger, dem Sozialdemokraten Pier Luigi Bersani, in der letzten Dezemberwoche noch 12,5 Prozentpunkte, so ist er nun auf 4,9 Punkte zusammengeschmolzen.

Dazu trägt auch der Skandal um die Großbank Monte dei Paschi aus Siena bei, die – wie die Stadt als solche – dem Einflussbereich der Linken zugerechnet wird. Hier wurde nicht nur gezockt und verloren; hier war womöglich auch eine Milliardenkorruption im Spiel. Optimales Wahlkampf-Material für Berlusconi. Schädlich nicht nur für Bersanis Linke, sondern auch für Monti: Er gilt in Italien als „Mann der Banken“; auch seine Umfragewerte sind mit dem Auffliegen des Skandals gesunken.

Balotelli bringt bis zu zwei Prozent

Jetzt hat Berlusconi einen weiteren Coup gelandet: Er hat das Enfant terrible des Fußballs, den genialen, wenn auch unberechenbaren Stürmer Mario Balotelli, für seinen Erstligaklub eingekauft, den AC Milan. Auch das, so räumt Berlusconi selbst ein, spielt auf mehreren Ebenen: „Der eine Mario“, Monti nämlich, habe „die Italiener mit seinen Steuererhöhungen bluten lassen“; der andere, Balotelli, habe den Deutschen (!) im EM-Halbfinale 2012 die zwei Siegestore hineingeknallt.

20 Millionen Euro musste Berlusconi für Balotelli bezahlen, aber Wahlforscher meinen, das Geld sei gut angelegt; Balotelli bringe Berlusconi ein oder zwei Prozent der Wählerstimmen zusätzlich.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.02.2013)

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20 Kommentare

Wenn noch einer Fragen hat,...

..., wie es sein kann, dass Verbrecher wie Milosevic, Adolf, die Sowjets oder das iranische Regime solange intelligente Völker regieren konnten :

Wer die Medien kontrolliert, hat die Macht. Berlusconi wird zurückkommen, ob wir wollen oder nicht.

Berlusconi schafft es nach Jahren immer noch, mich mit Skurrilitäten zum schmunzeln zu bringen:

Nur in Italien gewinnt man 2% zusätzliche Stimmen indem man einen Fussballer verpflichtet. Noch dazu handelt es sich um einen Balotelli. Nur um das zu verdeutlichen: Bei der letzten Wahl 2006 waren 47 Mio Italiener wahlberechtigt. Eine knappe Million Italiener (2% = 940.000) würden also Berlusconi wählen weil der AC Milan Balotelli verpflichtet.

Dieses Land ist eine einzige gigantische Komödie...

Re: Berlusconi schafft es nach Jahren immer noch, mich mit Skurrilitäten zum schmunzeln zu bringen:

Was das (partei-) politische Leben betrifft, so darf Italien durchaus als "Komödie" bezeichnet werden. Nicht umsonst mischt zur Zeit ein Komiker die politische Szenerie mächtig auf (die Rede ist von B. Grillo)! Auf jeden Fall muss doch mit Erschrecken festgehalten werden, dass die ehemals grosse Nation - der die westliche Welt manch zentrale Errungenschaft zu verdanken hat - scheinbar ungebremst dem politischen, aber auch moralischen und ökonomischen Zerfall entgegenfliegt. Eine Entwicklung, die Berlusconi - insbesondere in seiner "Paraderolle" als Medienmogul - zumindest mitzuverantworten hat.

MfG

Berlusconi ante portas ......

Berlusconi wird zurückkommen. Er verfügt über einflussreiche Medien.
Im übrigen will Berlusconi den EURO aufgeben und zur Lira zurück.
Somit ein Hoffnungsträger mehr --- neben Cameron und den Holländern.

Re: Berlusconi ante portas ......

Also, Berlusconi als (Zitat) "Hoffnungsträger" zu bezeichnen ist zumindest tollkühn. Ich denke, dass er Ihre (Vorschuss-) Lorbeeren weder im italienischen, noch europäischen Kontext verdient.

MfG

Re: Re: Berlusconi ante portas ......

Natürlich ist er ein "Hoffnungsträger".
Berlusconi wird das tun, was Monti zuvor
angedroht hatte, nämlich :
Mithelfen, die supranationale, undemokratische EU mit dem EURO zur Hölle zu schicken und den Weg für ein demokratisches Europa der Vaterländer freizumachen !!

Re: Re: Re: Berlusconi ante portas ......

Besten Dank für Ihre Antwort.

Selbst wenn Sie ein Verfechter einer Restauration der europäischen, vollständig souveränen Nationalstaaten mit eigener Währung und Kompetenzen sein sollten und diesbezüglich gewisse Hoffnungen in S.B. setzen sollten, so denke ich kaum, dass ein "neuer" Premier Berlusconi (oder allenfalls ein Getreuer wie Alfano) weder im Stande wäre, noch ernsthafte Intention hegen würde, diesen Weg mit aller Konsequenz zu gehen. Das sind leere Parolen im Wahlkampf. In diese Kategorie gehören im Übrigen auch die antideutschen Ressentiments, die regelmässig aus Rom (besser: Mailand) zu hören sind. Damit lassen sich nun mal Stimmen generieren.

Ich grüsse Sie.

von wegen niemand erwartet

das immer nur ein vom europäischen Etablisment erzeugter Wunschgedanke. Und ohnehin nur ein scheinheiliger. Gewürzt mit einer Art tolpatschigen medialen Meinungsmache
Natürlich ist Berlusconi stark. Er hat ja kaum Gegner. Der letzte Italiener hat inzwischen verstanden, dass Monti nichts zustande bringt und Bersani dackelt diesem auch noch hinterher, indem er fleißig verspricht, ja nicht zu links sein zu wollen in Aussicht auf eine Koalition.

Frage

Warum regt sich alle Welt über Berlusconi auf?
Nicht er hat die Katastrophe verursacht, sondern die ferngesteuerten Eurokraten.

Re: Frage

Politisch gesehen könnten Sie allenfalls sogar richtig liegen (obwohl Berlusconi in all seinen Premierjahren nüchtern betrachten kaum etwas auf die Reihe gebracht hat). Für die italienische Zivilgesellschaft allerdings waren all die "B-Jahre" (damit meine ich insbesondere auch sein noch andauerndes Wirken als Medienzar!) eine Katastrophe, denn Berlusconi hat vornehmlich etwas geschafft: Den moralisch-ethischen Zerfall der italienischen Zivilgesellschaft.

Der Goldman Sachs Trojaner ist den Italienern zu tiefst suspekt

Alles besser als GS-Trojaner die Banken retten, Superreiche schützen, Staatsvermögen verscherbeln, Sozialsysteme zerstören u.v.m.


Re: aber der Cavaliere ist selbst ein Superreicher !

Und zwar auf Kosten seines eigenen Volkes; was wieder Brecht bestaetigt: "nur die duemmsten Kaelber waehlen ihre Schlaechter selber".
Ausserdem hatte wr nie mehr als 30% der Stimmen, hat sich aber mit Allianzen und manipuliertem Wahlrecht an der Macht halten koennen.

Re: Re: aber der Cavaliere ist selbst ein Superreicher !

Alles besser als ein Bankster in der Politik.

Wo hin dieses System führt, sehen wir am Beispiel USA.

Nur wird z.B. in den Mainstream-Medien Nichts über die marode weil privatisierte Infrastruktur in den USA geschrieben.

Sozialversicherung, hust, naja...

Und beide Parteien, Republikaner und Demokraten werden von Wirtschaft und Banken gekauft.

Sorry, sie werden großzügig mit Spenden unterstützt.

Warum sollte z.B ein Feymann oder Spindlegger ...

... besser als Berlusconi sein?
Die Empörung über ihn wird vom "Qualitätsjournalismus" niemals mit vernünftigen Argumenten untermauert, die nicht auch auf andere Politiker zutreffen.

Abgesehen davon, dass mir z.B rechte Politiker beim Hintern lieber sind als linke beim Gesicht.

Re: immerhin haben Faymann und Spindelegger

kein Naheverhaeltnis zur Mafia, keine Steuerbetrugsprozesse, kein Dutzend Villen, die er sich aufgrund von seiem in 4 Regierungsperioden angehaeuften Reichtum leistet, weiterhin keine Ruby, kein Bunga Bunga, keine 120 % Busgetdefizit, usw.....

die Italiener müssen total frustriert sein

ansonsten würden sie diesen - mir fehlen die Worte - wegsperren und die Schlüssel wegwerfen

Überraschend

kommt es nicht. Genau genommen ist das Demokratie. Derjenige mit dem meisten Trara gewinnt normalerweise die Wahl. Daher kommt ja auch das Wort Populismus.

Forza Italia!

Viva Silvio!

In Italien war der eigentlich nie besonders unbeliebt

aber jetzt vor der Wahl fällt das halt unseren Medien wieder stärker auf. Das kommt davon, wenn man vor lauter Scheuklappen vergisst dass man welche aufhat.

Wegen einem Fußballer

kriegt ein Politiker 1-2% der Wähler. Die sollten gleich mal die Wahlberechtigung verlieren.

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