Deutschland: Bildungsministerin Schavan gibt auf

10.02.2013 | 19:17 |  von Karl Gaulhofer (Die Presse)

Mit dem Rücktritt der Ministerin verliert Merkel "sehr schweren Herzens" ihre treueste Verbündete. Die scheidende niedersächsische Wissenschaftsministerin Johanna Wanka übernimmt.

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Das Ende kam schnell, korrekt und unter Wahrung der Würde. Als die Universität Düsseldorf Annette Schavan am Dienstagabend den Doktortitel entzog, weilte die deutsche Bundesministerin für Bildung und Forschung noch im Rahmen einer Dienstreise in Südafrika. Dreizehn Stunden dauerte am Freitag der Rückflug von Kapstadt. Zeit genug, um „gründlich über die politischen Konsequenzen“ der Plagiatsaffäre nachzudenken. In Berlin wartete schon das Blitzlichtgewitter der Fotografen auf die CDU-Ministerin. Sie flüchtete sich in ihren Dienstwagen, hielt sich schützend eine Jacke über den Kopf. Kurz darauf bot Schavan Kanzlerin Merkel den Rücktritt an.

Am frühen Samstagnachmittag traten beide vor die Presse. Noch einmal verteidigte sich die Bildungspolitikerin, die nun ohne akademischen Abschluss dasteht: „Ich habe weder abgeschrieben noch getäuscht.“ Das harte Urteil werde sie nicht akzeptieren. Aber „wenn eine Forschungsministerin gegen ihre eigene Universität klagt“, dann sei das eine „Belastung“ für das Amt, die Regierung und die CDU. „Das geht nicht, das Amt darf nicht beschädigt werden“ – deshalb trete sie zurück, so lautet die Sprachregelung, nicht wegen des aberkannten Titels.

Mehrheit forderte Rücktritt. Merkel betonte, dass sie den Rücktritt nur „sehr schweren Herzens“ angenommen habe. In diesem Fall darf man die höfliche Floskel wörtlich nehmen. Mit Schavan verliert die deutsche Kanzlerin ihre loyalste Verbündete. Eineinhalb Jahrzehnte lang kämpften sie Seite an Seite und pflegten das gleiche Image: ruhig, bescheiden, uneitel, aber resolut und durchsetzungsfähig. Für die protestantische Ostdeutsche Merkel baute die katholische Westdeutsche Schavan eine Brücke zu Heimat und Kernschichten der Union. Die persönliche Freundschaft „wirkt über diesen Tag hinaus“, versicherte Schavan.

Politisch freilich blieb Merkel kaum etwas anderes übrig, als sich von dem angeschlagenen Kabinettsmitglied zu trennen. Eine Forschungsministerin, die beim Dissertieren nach Einschätzung ihrer eigenen Universität „systematisch und vorsätzlich“ getäuscht hat, wäre sieben Monate vor der Bundestagswahl ein gefundenes Fressen für die linke Opposition gewesen – auch wenn Sigmar Gabriel am Freitag erklärte, die Situation täte ihm für die Betroffene „leid“, weil sie eine „ausgesprochen kluge und anständige Kollegin“ sei. Die noble Geste konnte sich der SPD-Chef leisten, Volkes Stimme hatte schon gesprochen: 59 Prozent der Deutschen forderten Schavans Rücktritt, nur 29 Prozent wollten sie weiter im Amt sehen. Spätestens damit war klar: Nur ein geordneter Rückzug konnte Merkels Wahlkampf retten.

Ein Profi übernimmt. Der Rechtsstreit wird sich zudem über viele Monate hinziehen, die Chancen der Klägerin schlecht stehen. Noch nie hat ein Gericht den Entzug eines Doktortitels rückgängig gemacht. Denn der Ermessensspielraum der Hochschulen ist in Plagiatsfällen so groß, dass nur Formfehler oder grobe Fehleinschätzungen ihr Verdikt infrage stellen können.

Nicht nur der Rücktritt, auch die Nachfolge wurde eilig entschieden: Die scheidende niedersächsische Wissenschaftsministerin Johanna Wanka übernimmt. Sie braucht eine neue Aufgabe, weil die schwarz-gelbe Landesregierung in Hannover am 20. Jänner abgewählt wurde. Die gebürtige Ostdeutsche ist vom Fach, eine erfahrene Bildungspolitikerin, aber in der Öffentlichkeit fast unbekannt. Die 61-jährige Professorin hat wenig zu verlieren – und wenig zu gewinnen: Der Job ist undankbar, weil sich ein Neueinsteiger in den letzten Monaten einer Legislaturperiode kaum profilieren kann.

Neue Ministerin

Johanna Wanka
(61) kommt aus Sachsen, studierte Mathematik und war Rektorin der Technischen Hochschule Merseburg. Seit 2000 amtierte sie als CDU-Wissenschaftsministerin, erst in Brandenburg, dann in Niedersachsen. Akzente setzte sie dabei wenige. Zuletzt wollte sie die Unis für bildungsferne Schichten öffnen. Mit ihrer Vorgängerin Schavan hat sie das Jahr der Dissertation (1980) gemein – hoffentlich kein schlechtes Omen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.02.2013)

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185 Kommentare
 
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Titelsucht

Warum diese Titelsucht - insbesondere - bei
Politikern/Politikerinnen ?
Soll so dem Bürger eine ALLES umfassende Kompetenz des Titel-Trägers vorgetäuscht werden, die jeden Widerspruch zwecklos oder jede Debatte völlig überflüssig erscheinen
lässt ?
Wenn es denn unbedingt ein Doktortitel sein muss, dann kann eigentlich nur der Plagiate unverdächtigte Doktor honoris causa (Dr. h.c.)
empfohlen werden.
Der SPD-Kanzlerkandidat, Herr Peer Steinbrück
(jetzt auch Professor), bekam 2011 für seine besonderen Verdienste von der Uni Düsseldorf
den Dr. h.c. verliehen. (Uni Düsseldorf verlieh Frau Schavan (CDU) den aberkannten Doktortitel)
Verdienste des Herrn Steinbrück ?
Ja, natürlich, bei der WestLB, der IKB, Thyssen-Krupp etc.etc.
Das besondere Verdienst seiner Zustimmung zu den ESM-Gesetzen war nach 2011 und konnte so in die Verdienstewürdigung nicht mit einfließen.

Fazit : Bei irgend einer Uni werden sich für Politiker zwecks Verleihung des Doktors honoris causa schon verleihungswürdige "Verdienste" finden lassen.
Das h.c. kann ja schon mal "vergessen" werden !!


Es ist noch nicht aller Tage Abend

Man muss Schavan viel Kraft wünschen. Es wäre schön, wenn sie sich mit ihrer Klage allen Widrigkeiten zum Trotz doch durchsetzen könnte.
Diese Titelaberkennung ist nichts anderes als ein widerliches Spiel, das für die "Sieger" hoffentlich nur ein Etappensieg bleibt.

Sehr schade,

daß Schavan einknickte. Die rotgrüne Mediendiktatur siegte wieder einmal. Schande über die Universität Düsseldorf.


Nebenbei bemerkt

Was mir so einfällt ...
Wenn jemand eine wissenschaftliche Arbeit schreibt, sollte sie sachlich fundiert sein und keinen Blödsinn verzapfen. Klar. Wer so einen Beruf wählt, eben wissenschaftliche Arbeiten zu schreiben, sollte das richtig machen, nach den Regeln der Kunst. Und wir können sicher sein, dass diese Arbeiten innerhalb der "wissenschaftlichen Branche" von allen Kolleginnen und Kollegen mit Argusaugen begutachtet werden. Und wenn sich da "Abschreibungen" fänden, bliebe das nicht lange verborgen.

Und nun betreibt die Ministerin nicht so ein Geschäft des Veröffentlichens von Berichten, nein, sie macht "in Bildungspolitik". Und das - unisono berichtet - gar nicht so schlecht.

Und ich denke mir, und das sei mir gestattet, in diesem konkreten Fall ist die Qualität ihrer Dissertation ohne jegliche Bedeutung, mit anderen Worten, bedeutungslos. Sie hätte für diesen Tschob, wie es heute so falsch heißt, fachlich gesehen, überhaupt keine Dissertation gebraucht, sondern nur dicke Haut.

Jounalisten haben kein Schämen mehr

Gerade sie schreiben nur das, was unter gleich geschaltete Medien erlaubt und verordnet ist. Im Enddefekt ist es heute vollkommen egal welchen Artikel ich wo lese - die Verblödung und die Politische Botschaft ist überall der Gleiche.

So gesehen wäre es gescheiter wir mustern mal alle Medien aus und dann reden wir über Plagiate.

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Hetzjagd einer Meinungsdiktatur


Man sollte die Plagiatsjäger auf die Mittel reduzieren, mit denen Schavan vor über 30 Jahren ihre Arbeit schrieb. Nämlich Bibliothek und Schreibmaschine. Sie als Betrügerin zu kriminalisieren, weil sich ein von ihr geschriebener Satz in einem anderen Buch wiederfindet ist Wahnsinn. Die Uni beugt sich dem öffentlichen Diktat nur aus Angst um ihre Reputation. Aber vielleicht wollte man sie auch absägen, weil sie sich gegen das linke Erziehungsmodell einer Gsamtschule gewehrt hat.

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Re: Hetzjagd einer Meinungsdiktatur

Das ist keine Ausrede für geistigen Diebstahl! Viele Diplomanten und Dissertanten schreiben ihre Arbeit mit viel Aufwand und korrekter Zitierweise. Wer diese nicht einhält verdient auch keinen Abschluss. Ausnahmen von dieser Regel soll und darf es nicht geben. Somit ist auch in diesem Fall der Titelentzug korrekt. Dass es sich um eine 30 Jahre alte Arbeit handelt ist dabei unerheblich.

"ein von ihr geschriebener Satz in einem anderen Buch wiederfindet"

Und um zu diesem Urteil zu gelangen, haben Sie was getan? Schavans Dissertationsschrift gelesesen? Dann rate ich Ihnen, sich zusätzlich "Gewissen und Gewissensbildung heute" von Antoni Nowak auszuleihen und mit Schavans Arbeit zu vergleichen. Sie werden nicht nur einen Satz finden...

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Der grosse Unterschied!

In Deutschland haben Politiker so viel Anstand, dass sie alleine bei "Verdacht" zurück treten!!! Denn bewiesen ist noch lange niochts, auch wenn der Doktortitel entzogen wurde!

In Österreich laufen Untersuchungen seitens der Staatsanwaltschaft gegen den Bundeskanzler und viele Regierungsmitglieder! Korruption und Gaunereien sind an der Tagesordung, Unfähigkeit der Regierung und deren Berater (auch Experten genannt) wird schon als "normal" empfunden.

IN ÖSTERREICH TRETEN DIESE GAUNER UND KASPERLN NICHT ZURÜCK, IM GEGENTEIL, SIE WERDEN MIT HOCHBEZAHLTEN ÄMTERN BELOHNT!!!


Re: Der grosse Unterschied!

Einen güldenen Mittelweg deuchte ich am besten.

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Re: Der grosse Unterschied!

das ist leider die Realitätät.

Bei unseren Politikern ist in einem solchen Fall, sesselklebendes Aussitzen die Methode.

Diese Methode funktioniert, nicht zuletzt, auch darum, weil unser depper_tes Volk, nach maximal 2 Monaten, alles vergessen hat.

Was wir dringend benötigen ...

.. ist eine radikale, antisozialistische Partei.
Leider ist weit und breit keine zu sehen.

Hahn trat nicht zurück

er fuhr lieber mit dem Dienstwagen und Chaffeur ins Ausland auf Urlaub; schließlich war das eine Dienstfahrt, weil er auf der Fahrt wichtige Akten lesen musste.


"Dr"Hahn, wir warten immer noch...


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Re: "Dr"Hahn, wir warten immer noch...

ohhhhh, da können Sie wohl lange warten,
das Züricher Gutachten war sicher nicht billig.

???

Bisher hat sie als Ministerin eigentlich eine gute Arbeit geleistet, dass dieser Plagiatskandal genau im Wahljahr kommt ist natürlich reiner Zufall, und überhaupt nicht inszeniert.

Re: ???

30 Jahre hat es niemanden gekümmert, seit jedoch der politische Stil abgegleitet ist zur Fäkalienkultur um politische Gegner zu vernichten ist es wahrscheinlich besser, nur einen Taxischein zu machen.

Re: ???

Ich stimme Ihnen zu, dass Schavan als Ministerin gute Arbeit geleistet hat. Wäre sie mit der Plagiatsaffäre anders umgegangen - hätte sich bspw. für ihr "unsauberes Arbeiten" entschuldigt und eventuell freiwillig bis zur Klärung der Gerichte auf ihren Doktortitel verzichtet - dann hätte sich die ganze Sache nicht zu so einem Skandal aufgeschaukelt und sie müsste nun nicht zurücktreten.

Auch das hämische Grinsen bei Guttenbergs Rücktritt macht Schavan nun nicht gerade zur Sympathieträgerin - auch innerhalb der CDU/CSU!

Als ob die LInke ....

... jemals einen politischen Gegner entkommen hätte lassen, wenn er sich denn "entschuldigt" hätte.
Im Sozialismus geht es um die Vernichtund des Gegners.
Dieses Spiel funktioniert nur deshalb so gut, weil Parteien wie die ÖVP oder die FPÖ diesem Spiel nichts entgegensetzen. Wenn Sie so wollen: Weil ihnen der Killerinstinkt fehlt.

Niemals würden sich Sozialisten mit einer Partei einlassen, die ihnen ähnliches angetan hätte, wie das, was die LInken der FPÖ beim Hofburgball angetan haben.
Sie würden sämtliche Gespräche abbrechen und den politischen Gegner täglich, minütlich und sekündlich beschimpfen. Jeden Journalisten, der etwas positives über den politischen Gegner schreibt, desavouieren und ausgrenzen.
- oh, tschuldigung - das tun sie doch auch schon ohne Provokation ...

Re: Als ob die LInke ....

Sie verstehen nicht.

Den Druck haben die Medien gemacht.

Re: Re: Als ob die LInke ....

Wenn Sie mein Posting nochmals lesen und darüber nachdenken, was bei uns mit nicht-Linken Journalisten geschieht, werden Sie wissen, was ich meine.

Re: Re: Re: Als ob die LInke ....

Sie verstehen noch immer nicht.

Es geht hier nicht um unsere Medien - die in dieser Hinsicht tatsächlich ziemlich leicht politisch beeinflussbar sind -, sondern um die deutschen. Und die waren nahezu geschlossen für einen Rücktritt Schavans.

Re: Re: Re: Re: Als ob die LInke ....

Weil leicht die österreichischen Medien bezüglich ihrer Linkspolung so anders sind als ihre bundesdeutschen Pendants.... oida !!

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Werner, Erwin, Claudia und Gaby

Es ist erfreulich, dass es in Deutschland eine Rücktrittskultur gibt. Insbesondere, wenn es um Verbrechen wie Fußnoten geht, das einzige Schwerverbrechen, das außer Mord nicht verjährt. Zum Glück ist Österreich anders. In Österreich gibt es keine Schwerverbrechen, sondern höchstens Kapitalverbrechen. Nämlich Kriminalfälle, bei denen das Kapital der Steuerzahler verschwindet. Es existiert in Österreich sogar eine Staatsanwaltschaft, die diesbezügliche Vorfälle rund um einige im Amt befindliche Politiker untersucht. Hier geht es um Zeitungsanzeigen in Millionenhöhe, Veranlagungen von Mitteln der Wohnbauförderung und Bankeninsolvenzen in Milliardenhöhe. Das macht aber alles nichts, es hat keine Konsequenzen, die politisch Verantwortlichen bleiben im Amt. Und die Medien berichten über Fußnoten. Und wenn in Österreich ein Politiker sagt, dass er die Verantwortung übernimmt, bedeutet das, dass Werner, Erwin, Claudia oder Gaby auf keinen Fall zurücktreten werden, um nur einige zufällig ausgewählte Vornamen zu nennen.

Re: Werner, Erwin, Claudia und Gaby

nur kurz: das typische Kennzeichen einer ausgeprägten Ochlokratie.

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Da schau her

Originalzitat einer Salzburger Hochschulprofessorin : "Wenn ich mit dem Zug von Salzburg nach Wien fahre führe ich immer eine Diss. mit. In Linz miss ich damit fertig sein."
Mehr Zeit ist nicht drinnen. Daher laufrn viele Schavans herum.

 
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