Eine Welle von Selbstmorden erschüttert Spanien

14.02.2013 | 18:23 |  Von unserem Korrespondenten RALPH SCHULZE (Die Presse)

Auf Mallorca wählte ein Rentnerpaar den Freitod, weil es seine Schulden nicht mehr zahlen und delogiert werden sollte. Kein Einzelfall. In einem Volksbegehren wird nun ein Stopp der Zwangsräumungen gefordert.

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Madrid. In einer Woche sollten die beiden Rentner aus ihrer Wohnung auf Mallorca geworfen werden. Weil sie ihre Schulden bei der Bank nicht mehr bezahlen konnten. „Wir erwarten schlechte Nachrichten“, hatten die beiden spanischen Senioren, die in dem Urlaubsort Calvia wohnten, den Nachbarn voller Angst erzählt. Sie meinten den gerichtlichen Räumungsbefehl, den das Geldinstitut durchgesetzt hatte, um die Wohnung zu pfänden. Als der Bescheid eintraf, sahen Pedro T. (68) und Jovita R. (67) in ihrer Verzweiflung keinen anderen Ausweg mehr, als ihrem Leben ein Ende zu setzen.

Kein Einzelfall: Seit Monaten erschüttert eine Welle von Selbstmorden das Krisenland, in dem hunderttausende Familien vor allem durch Arbeitslosigkeit in die Armut rutschten und nun auf einem Schuldenberg sitzen. Erst am Vortag hatte sich ein 56-Jähriger in seiner Wohnung in der baskischen Stadt Basauri erhängt und einen Brief hinterlassen, in dem stand: „Ich kann nicht mehr.“ Auch ihm drohte der Rauswurf. Strom und Wasser waren bereits abgestellt. Fast zeitgleich wurde über ähnliche Fälle aus den Städten Cordoba und Alicante berichtet.

Die Nachricht vom Freitod der beiden Rentner auf Mallorca platzte mitten in eine Sitzung des spanischen Parlamentes, in der über ein Volksbegehren der Bürgerinitiative „Stoppt Zwangsräumungen“ debattiert wurde. Und vermutlich war es auch diese Doppeltragödie, die Spaniens konservative Regierungspartei im letzten Moment dazu bewegte, ihre ablehnende Haltung gegenüber diesem Volksbegehren aufzugeben. In dem Bürgerantrag, der von 1,4 Millionen Unterschriften gestützt wird, verlangen die Aktivisten, alle Zwangsräumungen von Krisenopfern sofort auf Eis zu legen.

 

400.000 Räumungen seit 2007

Die Konservativen von Premier Mariano Rajoy wollen nur in extremen Härtefällen die Wohnungspfändungen stoppen. Etwa, wenn Gefahr besteht, dass Kranke oder kleine Kinder auf die Straße gesetzt werden. Auch die Forderung des Volksbegehrens, dass im Fall einer Pfändung die Hypothekenlast automatisch getilgt sein sollte, gefällt der Regierungspartei nicht.

Nach offiziellen Angaben werden jede Woche mehr als 500 Zwangsräumungen in Spanien durchgesetzt. Seit Beginn der spanischen Wirtschaftskrise im Jahr 2007 sind bereits über 400.000 Räumungsbefehle vollzogen worden. Viele blieben auch nach dem Rauswurf auf hohen Schulden sitzen, weil die Banken den aktuellen Gegenwert der Immobilie als nicht ausreichend zur Hypothekentilgung ansehen. Eine Folge des Immobiliencrashs, der den Marktwert vieler Objekte praktisch halbierte.

„Zwangsräumungen töten“, stand auf einem Plakat, das Demonstranten vor dem Parlament in Madrid hochhielten, während drinnen über das Volksbegehren beraten wurde. „Gerechtigkeit“, riefen sie. Und: „Rettet die Menschen und nicht die Banken.“ Die Tatsache, dass Spaniens in Schieflage geratene Banken vom Staat und vom Euro-Rettungsfonds mit Milliarden gestützt werden, die Familien aber allein klarkommen müssen, empört viele Menschen. „Das ist“, schallte es über den Parlamentsplatz, „eine Schande.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.02.2013)

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5 Kommentare
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Staat versagt

Wer sich mit Lohnarbeit und Zinswohnen begnuegen muss, ist lebenslang dem Wohlwollen (und abnehmend finanziellen Wohlergehen) des Staates ausgeliefert. Wir muessen wieder nach kleineren, selbsttragenden gesellschaftlichen Einheiten streben; statt die Fruechte unserer Arbeit komplett an einen zentral entrueckten, endlos aufblaehenden, zunehmend versagenden Umverteilungsapparat abzuliefern, sollten wir eigen-und nachbarverantwortlich unser Leben selbst gestalten.

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Sehr geehrter Herr Schulze,...

... der Begriff "Selbstmord" ist obsolet geworden. Er spiegelt die uralte christliche Sichtweise wider, die die Selbsttötung als eine schwere Sünde gegen Gott definiert. Karl Jaspers bemerkte dazu, daß in nahezu allen Machtstrukturen der Suizid geächtet und verdammt wurde, weil man den Untertanen dieses Sichentziehen durch Wahl eines selbstbestimmten, endgültigen Auswegs nicht gönnen wollte.
"Mord" ist immer abwertend, man assoziiert Bösartigkeit, Wut, Haß, Gier, Rache etc. - Faktoren, die für einen Verzweifelten, der sich selbst tötet, keine Rolle spielen.

Es muss heißen:

Eine Welle von Suiziden. Siehe Leitfaden zur Berichterstattung über Suizid: "Sowohl pathologisierende (abwehrende) Entwertungen wie „Selbstmord“, als auch befürwortende Billigung, die sich in Begriffen wie „Freitod“ manifestiert, erweisen sich als ungünstig."

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Re: Es muss gar nix heißen

wie irgendjemand aus was fuer Gruenden auch immer moechte. Sprache ist unscharf und staendiger, chaotischer, oeffentlicher und demokratischer Neuinterpretation unterworfen und nicht irgendwelchen gesellschaftskontrollierenwollenden Enzykliken, herausgegeben von Pseudoauthoritaeten und Williwichtigs.

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Sprache ist ständig im Fluß,..

... da haben Sie schon recht. Doch dieser Fluß ist träge und langsam - gemessen an der Kürze des menschlichen Lebens. Der andere Aspekt ist der, daß wir Verbindlichkeit, Klarheit und Verläßlichkeit wünschen und bewahren wollen, zumindest für die paar Jahrzehnte unserer eigenen, persönlichen Existenz.
Es ist ein Spannungsfeld zwischen Chaos und Kosmos, in dem wir stehen.

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