Ami Ayalon: "Schlag gegen Iran nicht vom Tisch"

23.02.2013 | 18:37 |  von michael laczynski (Die Presse)

Der Ex-Direktor des israelischen Geheimdienstes, Shin Bet, Ami Ayalon, fordert ernsthafte Verhandlungen mit den Palästinensern.

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Für einen Ex-Direktor des geheimnisumwitterten israelischen Inlandsgeheimdienstes Shin Bet verhalten Sie sich ungewöhnlich: Sie treten in einem Dokumentarfilm auf, suchen die Öffentlichkeit. Warum?

So wie ich es sehe, hat man als Agent so lange im Verborgenen zu bleiben, solange man im Einsatz ist. Was danach kommt, bleibt einem selbst überlassen. Viele meiner Freunde vom CIA und FBI halten Vorträge an Universitäten, nehmen an Debatten teil. Insofern bin ich keine Ausnahme. Was allerdings in der Tat anders ist: Ich und meine Kollegen von Shin Bet beziehen in dem Film „The Gatekeepers“ Position zu einem Kernthema. Obwohl wir nicht immer derselben Meinung sind, sind wir in dieser Sache einig – Israel muss mit den Palästinensern verhandeln.

Fast scheint es so, als seien in Israel die Geheimdienstler und Generäle pragmatischer und realistischer als die Politiker: Sie fordern den Dialog mit den Palästinensern und warnen vor einem Angriff auf den Iran.

Sie dürfen diese zwei Sachen nicht miteinander vermischen. Im Sicherheitsapparat ist man nicht grundsätzlich gegen einen Angriff auf den Iran. Man sagt aber, dass wir nur als Teil einer von den USA angeführten Koalition angreifen sollten. Der Iran ist eine existenzielle Bedrohung für Israel und wir sollten alles unternehmen, damit er nicht nuklear aufrüstet. Ein Schlag gegen den Iran ist keineswegs vom Tisch, aber er ist eine gefährliche Option.

 

Und die Palästinenser?

Sie sind in der öffentlichen Debatte kaum präsent. Im Wahlkampf sprach niemand über sie, die meisten Israelis haben sie vergessen. Ich glaube aber, dass wir die Palästinenserfrage nicht von der Causa Iran trennen können.

Warum?

Weil der Weg nach Teheran über Jerusalem und Ramallah führt. Wenn wir den Iran stoppen wollen, müssen wir pragmatisch denken und eine regionale Koalition schmieden. Das geht aber nicht, solange es in den israelisch-palästinensischen Verhandlungen keinen Fortschritt gibt. In der arabischen Straße ist das der Lackmustest: Können die USA und Europa Israel an den Verhandlungstisch bringen?

In Israel sieht man es offenbar anders.

Die israelische Gesellschaft ist verwirrt. Unsere Friedenshoffnungen aus den 1990er-Jahren haben sich mit der zweiten Intifada zerschlagen. Israelische Wähler würden heute keinem Politiker die Stimme geben, der Frieden verspricht. Überhaupt ist der Begriff „Frieden“ verbraucht und diskreditiert.

Zurück zum Iran: Hat ein Angriff Sinn, wenn man damit eine iranische Atombombe nur verzögern, aber nicht verhindern kann?

Ein weiser Ökonom hat einst festgestellt: Langfristig betrachtet sind wir alle tot. Eine Verzögerung des iranischen Atomprogramms ist nicht alles, aber trotzdem wichtig. Die iranische Gesellschaft ist sehr dynamisch, nach den nächsten Wahlen kann sich viel verändern. Drei oder fünf Jahre zu gewinnen wäre schon ein Fortschritt.

Apropos Dynamik: Israels Nachbarschaft wandelt sich, in Ägypten und Syrien finden Umwälzungen statt. Wie schätzen Sie Israels momentane Gefahrenlage ein?

Es gibt viele Risken, aber auch Chancen. Seit Jahrhunderten rittern drei Machtzentren um Dominanz in der Region: der Iran, Ägypten und die Türkei. Die Entwicklungen in Syrien haben die iranische Achse geschwächt. Ägypten wiederum ist mit sich selbst beschäftigt.

Bleibt also die Türkei.

Ich kann mir ein Szenario vorstellen, in dem die Türkei zum regionalen Vorbild aufrückt und mit den USA eine Koalition anführt, um dem radikalen Schiismus Einhalt zu gebieten. Ankara wird sich aber nicht bewegen, solange die Palästinenserfrage ungeklärt ist.

Ami ayalon

Von 1996-2000 war der heute 67-Jährige Direktor des israelischen Inlandsgeheimdienstes Shin Bet, der sich unter anderem für die Terrorbekämpfung einsetzt. 2007 bis 2008 war er Mitglied des Sicherheitsrates im Kabinett von Ehud Olmert. Ayalon ist Mitbegründer der Initiative „Blue White Future“, die sich für eine Zweistaatenlösung einsetzt. Zuletzt trat er in dem Oscar-nominierten Film „The Gatekeepers“ auf.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.02.2013)

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9 Kommentare

Empfehlung!

Seht euch die Oscar nominierten Filme
"The Gatekeepers" und "5 Broken Cameras" an!

Der...

kriegslüsterne Iran sollte scnellsten angegriffen und sämtliche Atomanlagen vernichtet werden. Ein längeres zuwarten macht die Sache nur noch gefährlicher für die ganze Region. Die Stabilität im Nahen Osten muss durch Israel/USA mit allen Mittel aufrecht erhalten werden.

Stabilität durch Krieg?

sie meinen so wie in Afghanistan, Somalia und Irak?

Re: Der...

Sagen Sie uns nur eines, @ mil1977:
UNTER WELCHEM STEIN-LEBEN SIE DENN?!
Gegen Ihre Kriegshetze war ja Jo GÖBBELS ein Waisenknabe!
Und noch eins-Wer hat Sie denn auf die verquerte und geradezu ALBERNE IDEE GEBRACHT, dass im Nahen Osten STABILITÄT HERRSCHE?!


was für eine infantile Vorstellung... Re: Der...

Aber zu einem Militärschädel passend.

Lösung der Nahost-Atomfrage

Alles darf offenbar gefragt werden, und wird sogar etwas realitätsbewusster als sonst beantwortet.
Eine Frage allerdings nicht. Was ist mit den Atomwaffen Israels?
Israel hat als erster Staat Kernwaffen in die explosive Nahostregion eingebracht und damit die Herausforderung an andere, es ihm gleich zu tun, verursacht. Will man keine iranischen Atomwaffen, dann gibts nur eines:
Beiderseitiger Verzicht bzw. schrittweiser Abbau. Israel könnte zunächst seine A-Waffen unter US-Kontrolle stellen. Dann schrittweiser Abbau, mit dauernden parallen Kontrollen im Iran. Ab einem gewissen Stadium endgültiger Abbau bzw. Verzicht aller Nahoststaaten auf Atomwaffen mit dauernden internationalen Kontrollen, natürlich auch in Israel.
Wieso soll das nicht gehen?
Israel ist und war in allen Phasen des bisherigen Nahostkonfliktes immer militärisch auch ohne Atomwaffen haushoch überlegen.
Die Geschichte vom armen, kleinen, wehrlosen Israel ist ein Märchen.

Re: Lösung der Nahost-Atomfrage

Israel ist nicht nur gefühlt sondern tatsächlich existenziell gefährdet (ins Meer jagen), seine Feinde nicht. Die Verhältnismäßigkeit hört sich da schon auf. Die Panik fängt da an.

MÖRDERISCHER ZIONIST

FAZIT eines 67jährigen: Unversöhnlicher und uneinsichtiger- alt gewordener MASSENMÖEDER!!

Re: MÖRDERISCHER ZIONIST

So "ticken" Leute, denen von berufs wegen nicht widersprochen werden durfte. Zionist oder sonstwas ist dazu nur Beiwerk.

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