Großbritannien: Der Abgang von „Brains“

27.03.2013 | 18:15 |  Von unserem Korrespondenten GABRIEL RATH (Die Presse)

Mit Ex-Außenminister David Miliband verliert Labour einen ihrer profiliertesten Politiker. Bei den Tories droht Machtkampf.

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London. David Miliband zieht sich aus der Politik zurück. Damit verliert die britische Labour Party einen ihrer profiliertesten, talentiertesten und weltweit angesehensten Repräsentanten. Der 47-jährige Ex-Außenminister gab am Mittwoch seinen Wechsel an die Spitze des International Rescue Committee, einer Flüchtlingshilfsorganisation, in New York bekannt. „Ich musste mich entscheiden, wie ich meine Ideale und Ideen in Zukunft am besten umsetzen kann“, erklärte Miliband in seinem Rücktrittsbrief.

Sicherlich nicht als Hinterbänkler im britischen Unterhaus, in dem er seit der Niederlage gegen seinen jüngeren Bruder Ed im September 2010 um die Labour-Führung hatte Platz nehmen müssen. Zwar zeigte sich David gegenüber Ed stets loyal, die Gerüchte über seine mögliche Rückkehr in die erste Reihe oder sogar die Übernahme des Parteivorsitzes wollten dennoch nie verstummen. David, der schon als 29-Jähriger von Tony Blair in den engsten Beraterstab geholt worden war und dem Spin Doctor Alistair Campbell den durchaus anerkennenden Spitznamen „Brains“ („Hirni“) gegeben hatte, hörte nie auf, Ed zu überstrahlen. So schwang in den verständnisvollen Abschiedsworten von Ed („Er wird mir immer ein wichtiger Ratgeber sein“) auch eine gehörige Portion von Erleichterung mit („wenn ich ihn brauche“). Trotz der Unpopularität der konservativ-liberalen Regierung schaffte es Ed Miliband bisher nicht, Zustimmungsraten für Labour in persönliche Anerkennung zu verwandeln. Premier David Cameron hat nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass er Ed als Herausforderer gegenüber David bevorzugt.

 

Charmanter Rebell Johnson

Mehr Ungemach droht dem Premier da aus den eigenen Reihen. Zur Halbzeit der Legislaturperiode lässt besonders der populäre Londoner Bürgermeister Boris Johnson Machtambitionen verspüren. „Ich würde schon einen Versuch machen wollen“, sagte er in einer BBC-Doku, nur um in seiner selbstironischen Art zu ergänzen, „aber es wird nicht geschehen.“ Was die versammelte Familie Johnson in dem Film nicht hinderte, seinen Führungsanspruch zu betonen. Schon als Kind habe Boris „König der Welt“ sein wollen, berichtete Schwester Rachel.

Wenn jemand den 48-Jährigen stoppen kann, dann nur er selbst. In einem Interview am Wochenende wurde er schonungslos mit seiner Vergangenheit konfrontiert: Als Nachwuchsjournalist wurde er von der „Times“ gefeuert, weil er ein Zitat erfunden hatte; einem Schulfreund half er, einem Widersacher die Rippen zu brechen. Und über (zumindest) eine außereheliche Affäre belog er seinen damaligen Parteichef – das war im November 2004; und als er damals aus dem Schattenkabinett flog, schrieben alle Kommentatoren, Boris Johnson sei erledigt. Im Mai 2008 nahm Johnson dem für unschlagbar gehaltenen Ken Livingstone das Amt des Londoner Bürgermeisters im Triumph ab.

Johnson gibt gern den Clown und Chaoten, ist aber ein messerscharfer Denker mit einer klaren Agenda. Er ist liberaler, urbaner und pragmatischer als seine eigene Partei. Dasselbe kann man vom Premier sagen („Cameron minor“ nennt Johnson mit sanfter Herablassung den Ex-Eton-Kommilitonen). Doch fehlen ihm Johnsons Charme, Persönlichkeit und Selbstironie. Nach dem desaströsen Interview sagte er: „Der Journalist war fantastisch. Er tat genau, was Aufgabe der Medien ist: uns zur Rechenschaft zu ziehen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.03.2013)

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4 Kommentare

Ein Schwerverbrecher

tritt ab.

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Re: Ein Schwerverbrecher

Was die "British People's Party" über ihn schreibt, würde die Bezeichnung rechtfertigen.

http://www.bpp.org.uk/milliband1.html

Politiker und Hirn ?

Bei dem heutigen Stand der Dinge und der ist sehr traurig, kann fast jeder Politiker mit einem Stueck gebrauchten Klopapiers voll ersetzt werden ! In Kaernten vor dem 3. Maerz, waere sogar das noch ein Kompliment gewesen...

Ed gegen Boris

Da haben die Briten bei der nächsten Wahl mal tatsächlich die Qual der Wahl. Solche Aussichten würde ich mir für Österreich auch mal wünschen!

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