Experten: „Nordkorea kann Hawaii nicht treffen“

29.03.2013 | 18:34 |  WOLFGANG GREBER (Die Presse)

Nordkorea ließ angeblich seine strategischen Raketentruppen aktivieren und deutete Angriffe auf die USA an. Laut Experten eine Illusion: Nordkoreas Langstreckenraketen würden überschätzt.

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Die Zeit ist gekommen, um Rechnungen mit den US-Imperialisten zu begleichen“, tönte es in der Nacht auf Freitag aus Pjöngjang, wo das Regime seit Tagen an der Kriegsrhetorikschraube dreht. Man habe die strategischen Raketentruppen in Kampfbereitschaft versetzt, da zwei strategische B-2 „Spirit“-Bomber der US-Airforce einen Übungsflug von den USA nach Südkorea samt Abwurf von Übungsbomben absolviert hatten; die Spirits können Atomwaffen tragen.

In den Wochen zuvor hat Nordkorea den Waffenstillstand nach dem Koreakrieg (1950–53) gekündigt und Südkorea und den USA mit Krieg gedroht, ja mit dem Beschuss von Hawaii und der US-Pazifikinsel Guam, Kernwaffeneinsatz inklusive. Was hinter der Eskalation in dem bettelarmen Land steht, ist unklar, Beobachter rätseln über Machtkämpfe im Regime von Jungdiktator Kim Jong-un (30) und Unzufriedenheit im Volk (rund 25 Millionen Einwohner). Wie lange die Gefechtsbereitschaft der Raketen beibehalten werde, gab Nordkorea nicht bekannt; aus Südkorea hieß es, man habe außergewöhnliche Truppen- und Fahrzeugbewegungen auf Raketenbasen im Norden beobachtet.

Russland äußerte sich besorgt, die Lage könne außer Kontrolle geraten. Einen Angriffskrieg auf Südkorea könnten Nordkoreas nach Zahl überlegene, aber technisch obsolete, unterversorgte Streitkräfte nicht gewinnen, da sind sich Experten einig. Lokale Vorstöße würden rasch stecken bleiben, allenfalls Teile von Seoul könnte der Norden unter hohen Verlusten erobern. Doch welche Gefahr geht von den „strategischen Raketeneinheiten“ aus?

 

Das geheimnisvolle Arsenal

Die Antwort ist schwierig: Es gibt über Nordkoreas Arsenal wenig handfestes Wissen, man geht in der Regel von mehr als 900 ballistischen Raketen aus. Für die allermeisten davon ist indes schon der Begriff „strategisch“ falsch: 600 bis 800 sollen Reichweiten von unter 700 Kilometer haben, also für Einsätze im vorwiegend taktischen Rahmen. Dabei handelt es sich meist um die „Hwasong“, die Nordkorea in den 1970ern aus sowjetischen „Scud“-Kurzstreckenraketen entwickelt hat. Damit ist Südkorea abgedeckt, Japan aber nur zu kleinen Teilen (geringste Distanz Nordkorea–Japan: etwa 550 km).

Die „Rodong-1“, ebenfalls Scud-Derivat mit „Input“ aus China, kommt auf 1300 km, das reicht aber weder für Guam (etwas 2300 km Distanz), Alaska (4800 km) noch Hawaii (rund 7200 km) Es soll 50 bis 200 Rodongs geben.

Bleiben für Gefährdungen von US-Boden nur zwei bekannte Systeme: „Taepodong-2“ (6500 bis 10.000 km) und „Musudan“, Letztere ist mobil auf einem Schlepper untergebracht. Allerdings gab es von der Taepodong bisher nur einen Teststart, 2006, und der scheiterte; zudem wird das Arsenal auf maximal drei Stück geschätzt.

Die „Musudan“ ist eine eigene Story: Die tauchte 2010 bei einer Parade auf, bald aber mutmaßten Beobachter, dass es Attrappen waren; das war auch bei einer Rakete mit dem Code „KN-08“ so, die man April 2012 erstmals sah: Da passten Teile nicht zusammen, Schrauben hingen raus, die Spitzen hätten den Eintritt von einer außeratmosphärischen Flugbahn zur Erde konstruktionsbedingt nicht überlebt, und es gab Indizien, wonach jede Rakete ein zusammengebasteltes Einzelstück, nicht Produkt einer einsatzreifen Serienfertigung war.

 

Verletzte China UN-Resolution?

Übrigens: Die Raketenschlepper der KN-08 waren vom Fahrzeugbauer „Casic“ aus China, das ließ sich aufgrund der Bauart (kleines Foto) erkennen. Nordkorea könnte so etwas nicht bauen. Nun ist aber laut Resolution des UN-SicherheitsratS von 2006 die Lieferung von Gegenständen an Nordkorea, die mit Raketen zusammenhängen, verboten. Peking dementiert, die Fahrzeuge geliefert zu haben – im übrigen gebe es für diese auch zivile Anwendungen.

Bei der Musudan, die von einem neueren Russenmodell abstammt, lässt sich die Trefferwahrscheinlichkeit schätzen, und die ist bescheiden: Die „Circular Error Probability“ CEP (sie gibt den Radius an, innerhalb dessen statistisch gesehen 50 Prozent der Raketen treffen) beträgt 1,3 Kilometer. Vergleich: Eine U-Boot-gestützte „Trident II“-Atomrakete der USA hat eine CEP von 100 Metern – bei einer Reichweite von 11.000 km.

Taepodong, Musudan und KN-08 dürften also vorwiegend Phantome sein und (noch) nicht für Atomsprengköpfe taugen, von denen das Land höchstens drei bis fünf von geringer Stärke besitzen dürfte. Von diesen würde, das lässt sich aus militärischen Erfahrungen generell ableiten, wohl ein Drittel bis die Hälfte beim Einsatz aus diversen Gründen versagen. James Hardy, Asien-Pazifik-Experte beim Militärfachblatt „IHS Jane's Defence“, folgert: „Nein, Nordkorea kann Hawaii nicht treffen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.03.2013)

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77 Kommentare
 
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Und wenn es nur Ablenkung ist

Beruhigt es uns wirklich, wenn es in einer Atommacht zu Hungerrevolten, einem möglichen Militärputsch, oder anderen Szenarien kommt?

Ich persönlich, halte das nicht für beruhigend, im Gegenteil.

Wenn der junge Kim nur von den Mißständen im Land ablenken will, ist das noch lange nicht weniger schlimm.

Stellen wir uns nur folgendes Szenario vor. Der arabische Frühling unter Mubarrak in Ägypten als Revolte der Unzufriedenen und Ägypten wäre ein Atommacht. Ob die "Experten" da auch so seelenruhige, distanzierte Kommentare verfasst hätten?

Die...

Sanktionen müssen nun weiter massiv verschärft werden um Nordkorea weiter kräftig auszudünsten wie den kriegslüsternen Iran auch.

Eine US-amerikanische Rakete, die nicht einmal auf 100 Meter Entfernung trifft, ist wohl nur für die eigene Bedienungsmannschaft gefährlich!


Re: Eine US-amerikanische Rakete, die nicht einmal auf 100 Meter Entfernung trifft, ist wohl nur für die eigene Bedienungsmannschaft gefährlich!

Sie sind wohl Geisteswissenschaftler und verstehen das Technische daher nicht: Wenn man ein Objekt auf eine Entfernung von 11.000 Kilometern auf 100 Meter genau ins Ziel bringt, so ist das verdammtnochmal extrem präzise. Sie treffen vermutlich beim Biseln auf 2 Meter Abstand nicht mal durchs Innere eines Eherings, gell? ;-)

Re: Re: Eine US-amerikanische Rakete, die nicht einmal auf 100 Meter Entfernung trifft, ist wohl nur für die eigene Bedienungsmannschaft gefährlich!

Sie sind beide im Unrecht.

Aus 11.000 km Entfernung kann man mit einer Rakete sehr wohl präziser als auf 100 m treffen.

Nur sind Raketen nicht dafür gebaut, sondern vorwiegend für den Transport von Atombomben. Und da kommt es auf 100 m nicht an.

Re: Re: Re: Eine US-amerikanische Rakete, die nicht einmal auf 100 Meter Entfernung trifft, ist wohl nur für die eigene Bedienungsmannschaft gefährlich!

Nene, ich alter Rechthaber hab schon Recht. ;-) Schaun Sie, der Autor spricht von einer CEP der Trident von 100 Meter, was also heisst, dass gemäß der statistischen Normalverteilung 50 Prozent der Geschosse INNERHALB eines 100-Meter-Kreises treffen. Eine gezielte, beabsichtigte und stets bei allen solchen ballistischen Raketen wiederholbare 0-Meter-Punktlandung ist technisch ganz einfach unmöglich. Innerhalb des Kreises kann das aber natürlich überall gestreut sein, am Rand, halbwegs zur Mitte hin und mitten im Bull's Eye. Man kann also mit einer Trident durchaus genauer treffen als mit 100 Meter Abstand vom Zielpunkt, nur ist das mehr eine Frage der Wahrscheinlichkeit als der tatsächlichen Fähigkeit. Dabei ist der CEP der Trident II (bzw. deren Gefechtsköpfe!) auf diese Entfernung eh so ziemlich der kleinste aller vergleichbaren Waffen, bei der russischen Topol-2 ist er etwa 200 Meter. Aber klar, nuklear kommt das auf 100 Meter nicht an; aber hängt natürlich vom Gefechtskopf ab. Bei einem superschwer verbunkerten unterirdischen Ziel können 200 Meter mehr oder weniger sehr wohl Überleben oder Tod bedeuten. Kawumm!

Nordkorea hat ein Deutsches U-boot

Das von Deutschland jedoch in ein ganz bestimmtes Land im nahen Osten geliefert wurde. Und dieses U-boot ist nuklearfaehig.

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Re: Nordkorea hat ein Deutsches U-boot

Quelle?

Re: Re: Nordkorea hat ein Deutsches U-boot

Vielleicht meint er das, das seinerzeit den südkoreanischen Zerstörer versenkt hat. Bevor die schwedische Untersuchungskommission abgereist ist und von den restlichen Experten revidiert wurde, dass es sich um einen nordkoreanischen Torpedo gehandelt habe.

Nordkorea steht mit dem Rücken zur Wand und

versucht jetzt eben verzweifelt noch weiter materielle und politische Vorteile zu erpressen indem es den verrückten gibt. Dahinter steckt Kalkül um über die verblödete Medienöffentlichkeit Druck auszuüben.

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Re: Nordkorea steht mit dem Rücken zur Wand und

Genau, die wollen Schutzgeld erpressen.

Re: Nordkorea steht mit dem Rücken zur Wand und

Die n.koreanische Haltung kommt mir auch vor wie die eines eingeschnappten, trotzigen kleinen Kindes, dem niemand Aufmerksamkeit schenkt (auch Russland und sogar China wenden sich von N.Korea ab).

Re: Re: Nordkorea steht mit dem Rücken zur Wand und

Ich glaube man muss kein Polit-Experte sein um zu verstehen was dahinter steckt. Die Nordkoreaner sind sicher nicht dumm und wissen, dass sie sowohl den Südkoreanern aber natürlich auch den USA und den Russen gegenüber extremst unterlegen sind. Es dürfte sich im Land Widerstand gegen den Machthaber entwickeln und da die innenpolitische Lage im Land aufgrund von Hunger und Unterentwicklung desolat ist kann man die Leute nur noch zusammenhalten indem man ihnen etwas von einem bösen Feind da draußen vorspielt. Und weil das wohl auch nicht mehr alle glauben wird halt jetzt so getan als stünde ein Angriff von außen unmittelbar bevor. Nordkorea weiß sicher, dass nach der ersten Rakete die aufs Ausland geschickt wird 24h später alle Militärbasen in Schutt und Asche liegen, weil Japan, Südkorea und die USA gleichzeitig und akkordiert zurückschlagen würden. Und wenn man weiß was die gemeinsam an Waffen haben, dann ist die Lage im Prinzip sowas von klar, da kann gar niemand irgendwie zweifeln.
Anschließend würde eine Invasion Nordkoreas erfolgen, die Pläne liegen doch überall in den Schubladen und sind in wenigen Tagen umgesetzt, wenn man das will.

"Was hinter der Eskalation in dem bettelarmen Land steht, ist unklar"

2 nuklearwaffentaugliche B-2-Bomber fliegen vor Nordkorea auf,
und man gibt sich Mühe zu rätseln, WAS UM HIMMELS WILLEN KÖNNTE DENN NUR DIESE ESKALATION AUSGELÖST HABEN???

aber die Lösung ist flugs gefunden:
"Unzufriedenheit im Volk" in dem BETTELARMEN Land

dass die USA (und sein kleines Helferlein) bisher noch jede Krise ausgelöst hätten, ist natürlich völliger Schwachsinn, die wollten ja nur die LANGSTRECKENTAUGLICHKEIT ihrer schnuckligen Bomberchen testen

Re: "Was hinter der Eskalation in dem bettelarmen Land steht, ist unklar"

Die USA brauchen ihre Waffen nicht zu testen, die funktionieren alle einwandfrei. Die USA sind immer noch so bis an die Zähne bewaffnet, dass einem die Zahlen schier unglaublich vorkommen. Die USA haben hier sicher nicht den Aggressor gespielt, sie zeigen nur, dass sie ihrem Verbündeten Südkorea aber auch Japan beistehen würden, und daran ist wohl wirklich nichts falsch. Nordkorea führt sich auf als gäbe es kein Morgen und ist halt zu keinerlei Frieden und Freiheit von innen heraus bereit. Und jetzt auch noch die halbe Welt bedrohen, da wird sich die USA wohl wehren dürfen, oder?

Re: "Was hinter der Eskalation in dem bettelarmen Land steht, ist unklar"

Was Sie, werter "Genosse", hier übersehen, ist dass die USA die B2 erst nach den wochenlangen Drohungen vonseiten N.Koreas auf die Halbinsel verlegt haben.
Die B2 alleine sollten nur den Willen der USA zeigen, Südkorea auf jeden Fall beizustehen.
Noch ist mir außerdem nicht bekannt, dass die USA seit Jahrzehnten einem Nachbarland und dem "Rest der Welt" mit der nuklearen Annihilation drohen.

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Warum schalten sich

unser HBP und Frau Schmied mit samt Eva und Madeleine mit einer Friedensreise nicht endlich ein, um diesen Wahnsinn zu beenden?

Re: Warum schalten sich

bitte mit oneway ticket.

Re: Re: Warum schalten sich

Wollen Sie und Babs7 nicht HBP begleiten ? Dann würden in diesem Forum weniger blöde (und nicht zum Thema passende) Kommentare erscheinen.

Experten

Mögen die Experten Recht behalten, möge sich China und Russland nicht einmischen und möge die Rüstungsindustrie nicht wieder einmal alte Systeme über den Kriegsfall, entsorgen müssen.

ich hoffe direkt, dass der Blade Kim einen Schritt zu weit geht..

dann kann die Welt das Volk endlich von den paar Wahnsinnigen befreien...

leider wird das ziemlich blutig, nur ob es besser ist, dass die Leute dort langsam oder schnell sterben, in jedem Fall viel zu früh, lasse ich mal offen.

Re: ich hoffe direkt, dass der Blade Kim einen Schritt zu weit geht..

Was wenn China nicht zuschaut sondern den Norden unterstützt? Dann wirds kaum eine schnelle aber sicher eine blutige Entscheidung - die wohl auch ausserhalb Koreas zu Kampfhandlungen führen würde.

Re: Re: ich hoffe direkt, dass der Blade Kim einen Schritt zu weit geht..

Und was hätten dich Chinesen davon ?

Re: Re: ich hoffe direkt, dass der Blade Kim einen Schritt zu weit geht..

China und USA sind wirtschaftlich mittlerweile so eng miteinander verbunden, dass jeder Krieg der beiden gegeneinander unmöglich und absurd ist.
Nordkorea steht komplett alleine da, weil auch Russland nicht auf deren Seite ist, warum auch, das Land hat nicht viel zu bieten und man würde sich gegen die ganze Welt stellen wenn man auf die Seite Nordkoreas rückt.

Re: ich hoffe direkt, dass der Blade Kim einen Schritt zu weit geht..

ich kann ihre ansicht verstehen. nach einem krieg wäre dann endlich schluss mit einem der größten unsicherheitsfaktoren auf dieser welt.

aber: für die menschen im großraum seoul, der mit rund 24 mio einwohnern der 2. größte ballungsraum der welt ist (und somit allein fast so viele einwohner wie ganz nordkorea hat), für die wäre ein krieg eine katastrophe. das kim-regime wird sicher nicht davor zurückschrecken, die stadt mit schwerer artillerie großflächig niederzuschießen, und dazu hätte nordkorea sicherlich das potential.

Re: Re: ich hoffe direkt, dass der Blade Kim einen Schritt zu weit geht..

Das ist sicher die Gefahr, der verrückte Kim der als "letzte Tat" bevor er selber draufgeht den Südkoreanern im Wahn alles draufballert was geht. Allerdings glaube ich nicht, dass er viel Erfolg haben würde, denn die USA und Südkorea sind sicher extrem auf der Hut und können ganz sicher innerhalb kürzester Zeit reagieren. Kim hat keine Chance. Allerdings würden sicher einige Menschen sterben müssen, wieder mal total unnötig.

 
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