Großbritannien: "Verrückte, Beklopfte und geheime Rassisten"

03.05.2013 | 18:14 |  Von unserem Korrespondenten GABRIEL RATH (Die Presse)

Die UK Independence Party holte bei den jüngsten Lokalwahlen in England und Wales ein Viertel der Stimmen. Die extrem rechte Partei lehnt die EU und Einwanderer ab und lehrt das Establishment das Fürchten.

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London. Seine Partei hat keinen einzigen Abgeordneten im Parlament, er selbst sitzt im Europaparlament gleichsam in der Schmuddelecke. Doch seit Monaten geriert sich Nigel Farage, als würde er Großbritannien regieren. Mit dem sensationellen Erfolg seiner UK Independence Party (UKIP) bei den Lokalwahlen in weiten Teilen Englands und Wales, bei denen seine Partei im Durchschnitt ein Viertel aller Stimmen gewann, sieht sich Farage bestätigt. „Wir sind jetzt die wahre Partei des Protests“, sagte er und drohte den etablierten politischen Kräften: „Das ist eine Zeitenwende.“

Vor 20 Jahren gegründet, bewegte sich UKIP viele Jahre am Rand der politischen Bedeutungslosigkeit. Ihr Aufstieg beginnt vor 2010 mit zwei Ereignissen: Mit Nigel Farage tritt eine charismatische und schlagfertige Führungspersönlichkeit an die Spitze der Partei, der den Smalltalk mit der Landbevölkerung von Cornwall ebenso gut beherrscht wie das politische Palaver mit kritischen Journalisten in London. „Es gibt eine Sache, die ich wirklich bewundere an David Cameron“, sagte Farage vor einiger Zeit der „Times“: „Er hat den Prozess des Grauwerdens seiner Haare gestoppt.“

Das zweite Ereignis ist die Bildung einer Koalitionsregierung zwischen Camerons Konservativen und den Liberaldemokraten 2010, für viele Tories ein bis heute nicht vergessener Verrat. Farages Spott über Camerons Haare spielt geschickt mit der Kritik vieler Konservativer, dass der Premier keine wirkliche politische Überzeugung verfolge. Farage nützt das aus und gibt seit Monaten etwa in der Europapolitik die Linie vor.

Dabei fordert UKIP den sofortigen Austritt Großbritanniens aus der EU. „Wir wollen wieder Herren im eigenen Haus sein“, fordert die Partei. Dazu passt auch eine feindliche Haltung gegenüber Einwanderern. Wirtschaftspolitisch meint die Partei, dass nach einem EU-Austritt Milch und Honig fließen werden und verspricht gleichzeitig Steuersenkungen und vermehrte Sozialausgaben.

 

„Die anderen Parteien sind alle gleich“

Dass dies offensichtlicher Unsinn ist, scheint die Wähler nicht zu stören: „Wir sind die einzige Alternative“, sagt Farage. „Unsere Wähler lehnen das Establishment ab und das zu Recht: Die anderen Parteien sind doch alle gleich.“ Der Meinungsforscher Sebastian Shakespeare hat als Motive für die Wahl von UKIP einerseits eine „Antipolitikstimmung“ und andererseits eine starke Identifizierung mit Farage erhoben.

Was UKIP den Wählern verspricht, ist die Rückkehr zu einem angeblichen britischen „Idyll“ der Vergangenheit, in dem man im Pub noch ohne Ausländer unter sich war, keine EU-Richtlinien das Trinken und Rauchen behinderten und man(n) sich auch einmal eine sexistische Bemerkung erlauben durfte. „Endlich jemand, der sagt, was ich denke“, ist einer der Hauptgründe für die Wahl von UKIP. Ihren größten Zuspruch findet die Partei unter unzufriedenen Konservativen: Sechsmal mehr Tory-Wähler können sich eine Stimmabgabe für UKIP vorstellen als Labour-Anhänger.

Doch warnt Labour-Vizechefin Harriett Harman zu Recht: „Wir machen es uns zu einfach, wenn wir UKIP-Wähler einfach als Protestwähler abstempeln.“ Genau das versuchte Cameron in der Vergangenheit: Als „Verrückte, Beklopfte und geheime Rassisten“ bezeichnete er die Partei und ihre Anhänger vor Jahren. Unter UKIP-Kandidaten befinden sich ehemalige Striptänzer ebenso wie Leute, die sich beim Nazi-Gruß fotografieren ließen („Ich habe meine Topfplanze imitiert“). Gefruchtet hat es nichts. Heute geben sie ihm das Tempo etwa in der EU-Politik vor. „Jedes Mal, wenn uns Cameron attackiert, legen wir um zwei Prozentpunkte zu“, freut sich Farage.

Dem Aufstieg seiner Partei sind dennoch Grenzen gesetzt. Zwar wird es für möglich gehalten, dass UKIP bei der Europawahl im nächsten Jahr sogar stärkste Partei wird. Doch bei der Unterhauswahl 2015, die nach dem Mehrheitswahlrecht stattfinden wird, kann UKIP nur zwischen zwei und zehn Sitze gewinnen. Farage weiß das: „Wir können das System nur ändern, indem wir es von innen aufbrechen und die anderen zwingen, sich nach unseren Vorstellungen zu ändern.“

Die United Kingdom Independence Party wurde vor 20 Jahren gegründet. Lange Zeit blieb sie irrelevant, bis Nigel Farage die Führung übernahm. Bei den Lokalwahlen holte die Formation nun durchschnittlich ein Viertel der Stimmen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.05.2013)

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45 Kommentare
 
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Extrem Rechte?!?

Eine anständige liberale Partei ist das!

Werter Herr Nowak, die Presse rückte unter Fleischhacker viel zu weit nach links, was sie da zu lassen geht dann schon gar nicht mehr.

Er ist ...

... auch unsere Hoffnung.
Wer noch einen Funken Verstand hat, muss eine EU-Austrittspartei wählen.

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Leicht wird es die UKIP nicht haben

weder im Parlament noch bei und in den Medien. Man wird versuchen, sie auszugrenzen, so wie man es in Deutschland mit der AfD (Alternative für Deutschland) macht. Fragt sich nur wer stärker ist und ob die UKIP bei der Bevölkerung so viele Anhänger findet, wie sie braucht um ihre Ziele durchzusetzen. Im heutigen Europa allerdings könnte man ihr reale Chancen zubilligen, denn die Zeichen der Zeit stehen für die EU nicht gut. Immer mehr Skandale innerhalb der Brüsseler Bürokratie kommen ans Tageslicht und das könnte für die EU verhängnisvoll werden. Da nützen weder schöne Reden noch fatale Lügen, was sich dort abspielt könnte der UKIP in dei Hände spielen. Hier ein Beispiel von vielen: http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2013/05/04/lobbyismus-in-bruessel-dinner-mit-eu-politikern-fuer-2-500-euro-pro-tisch/

Re: Leicht wird es die UKIP nicht haben

In Großbritannien ist es einfacher, weil sie eine längere Demokratische Tradition haben und die Sozialisten dort akzeptieren, dass es Menschen gibt, die anderer Meinung als das ZK sind.

Massenenwanderung...

wie sie UK oder auch A betreibt, ist und bleibt langfristig ein enormes Minusgeschäft in allen Belangen.

Alle die nicht für den Untergang Europas sind...


....sind rechts, verrückt oder Rassisten.

Who cares?

2 6

Re: Alle die nicht für den Untergang Europas sind...

Naja, nicht alle, aber 95%.

eigene Meinung bilden

als Alternative zu diesem tendenziösen Artikel.

http://www.youtube.com/watch?v=9svCaJLL6U0

widerliche Schmutzkampagne

wer noch einen Beweis braucht, dass unsere Journalisten alle gekauft sind, findet ihn hier

Zuerst denken dann schreiben!

"Wirtschaftspolitisch meint die Partei, dass nach einem EU-Austritt Milch und Honig fließen werden und verspricht gleichzeitig Steuersenkungen und vermehrte SozialausgabenDass dies offensichtlicher Unsinn ist, scheint die Wähler nicht zu stören".

Wenn die EU Zwangsbeiträge wegfallen, das Sozialfüllhorn nur mehr über Einheimische ausgeschüttet wird, keine korrupten Pleitestaaten mehr mit Steuergeld durchgefüttert werden müssen etc. etc. dann ist das Versprechen dieser Partei bei weitem kein Unsinn sonder nur ihre Denkart.

12 2

Die EU wird eines Tages zerfallen

so schnell wie das Bankgeheimnis.

Im UK auch schon..

Ja es geht alles den Bach runter, nur weil man keine kontrollierte Zuwanderung zustande bringt, die Bürger mit immer mehr Vorschriften, Verboten und Abgaben drangsaliert. Am Ende steht dann wie immer ein großer Krieg, um das marode System zu resetten. Ist es so schwer aus den Fehlern der 20er und 30er Jahre des vorigen Jahrhunderts zu lernen?

18 2

Bei so einem Artikel stelle ich mir die Frage: wer hat inseriert?


33 1

Nigel Farage im Europaparlament zu hören tut gut.

Er ist sprachlich exzellent, mit dem "Zug zum Tor". Der dümmlich Schulz weiß sich nur Kraft seines Amtes und seiner Genossen zu wehren.

Würde der "Schreiberling" die Situation im UK nur einigermaßen kennen, würde er nicht so kampagnenhaft "berichten". Die Sprache derer er sich bedient, ist jene, die er den "Extremisten " vorwirft. Kurz: sie trieft vor Scheinheiligkeit und Selbstgefälligkeit.

Die EU hat mit Demokratie nur mehr am Rande zu tun.Der Begriff Freiheit weicht zusehends dem Begriff Vollkaskostaat. Damit wird der Demokratie die Grundlage entzogen. Wer verhindern will, dass sich Menschen im persönlichen Leben und aber auch politisch falsch entscheiden zu dürfen (ausgenommen der äußerste Rand von Rechts-, Links-, Glaubensextremisten) baut den totalitären Staat und diese EU ist totalitär.

9 1

Re: Nigel Farage im Europaparlament zu hören tut gut.

ich stimme da ganz zu. Der Artikel ist stuemperhaft und falsch.

UKIP ist die einzige Stimme im EU Parlament , die das Problem auf den Punkt bringt.

Das ist schon auffällig plump, wie hier versucht wird, die UKIP in die rechte Ecke zu stellen.


39 1

Das nennen ich Qualitätsjournalismus.

"verrückt, bekloppt und rassistisch"
"extrem rechts"
"im Europaparlament in der Schmuddelecke"

Gratuliere zu so viel Objektivität.

2 6

Die Vorstellungen,

die hier vorgebracht werden, klingen schon etwas überholt und ob die Engländer wirklich so eine Rückschraube wollen, das wäre fraglich.
Doch ein Nachdenken und eine Korrektur der gesamten EU wäre wohl höchst an der Zeit.

Bloß, dass was hier in die eine Richtung zeigt, genau das macht die EU in die andere Richtung.

Aus meiner Sicht, sind beide Randpositionen nicht ideal. Der Unterschied ist nur die eine, eher linke Position ist gesellschaftlich anerkannt. Durch das laute Geschrei und ständige klopfen der Werbesprüche, akzeptiert die schweigende Masse, das halt, aber es ist genau so nachteilig für die Menschen, wie die andere Richtung.

Wieso der breite Mittelweg so schwierig zu finden ist und man sich immer in den Ecken drängt, ist unverständlich.

Unsere politischen Eliten, sowohl auf EU-Ebene, als auch auf nationaler Ebene, scheinen nur einen radikalen Kurs zu kennen, den gegen die Wand.

Da hilft auch kein Mittelweg, um zurückzurudern.

Panik unter der linken Medienmeute?

Ja die Zeiten ändern sich und es geht immer rascher!
Der Zug der linken Lemminge Richtung Abgrund....

die Überschrift trifft wohl eher

auf den Verfasser zu...

Volles Verständnis

Wer die englische Situation kennt, kann die Entstehung dieser Partei verstehen. In Teilen Englands existiert die Scharia. Pakistanische Banden vergewaltigen englische Mädchen. Islamische Terroristen dürfen aufgrund von EU Gesetzen nicht abgeschoben werden. Da wären auch mir die etablierten Parteien zu wenig.

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bravo

Farage, wieder ein Schritt in die richtige Richtung ... diese EU muss, so wie sie momentan agiert, fallen!!!!! ich wünsche jedem Europäischen Land einen Farage!!!!

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solche Idioten

koennen nur existieren weil die klassischen Parteien groben Mist bauen.

Re: solche Idioten

"weil die klassischen Parteien groben Mist bauen"... jedoch von den noch grösseren Idioten wieder gewählt werden.

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Re: solche Idioten

Die klassischen Parteien sind der grobe Mist!

 
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