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Schweden: Die vierte unruhige Nacht in Folge

23.05.2013 | 16:35 |  (DiePresse.com)

Die Krawalle breiteten sich von Stockholm nach Malmö aus. In der Haupstadt brannte eine Polizeiwache. Die neue Strategie der Polizei lautet Deeskalation.

In Vororten von Schwedens Hauptstadt Stockholm hat es in der Nacht auf Donnerstag wieder Krawalle gegeben. Zahlreiche Fahrzeuge wurden in Brand gesetzt, Polizisten mit Steinen attackiert. Mindestens ein Polizist sei verletzt worden, berichteten Medien. Eine Polizeiwache ging in Flammen auf. In der Früh kämpften Feuerwehrleute mit einem Großbrand in einem Restaurant im Zentrum von Skogås, südlich von Stockholm. Auch in der südschwedischen Stadt Malmö seien drei Autos in Flammen aufgegangen, berichtete die Polizei

Es war bereits die vierte unruhige Nacht in Folge. Seit Sonntag hat es jede Nacht Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und teilweise maskierten Jugendlichen gegeben. Hintergrund ist offenbar der Tod eines 69-Jährigen, den die Polizei - nach offiziellen Angaben in Selbstverteidigung - erschossen hatte. In Husby, einem Vorort im Norden Stockholms, gingen die Jugendlichen zum ersten Mal auf die Straße, warfen Steine und setzten Autos in Brand.

Öffentlicher Verkehr eingeschränkt

Wegen der Krawalle schränkten die Verkehrsbetriebe den Autobus- und U-Bahnverkehr im Süden Stockholms ein. Der Nachtverkehr auf der grünen Linie wurde abschnittsweise eingestellt. Im überwiegend von Immigranten bewohnten Vorort Fittja wurden wegen der Krawalle mehrere Haltestellen nicht bedient.

Schwedens Justizministerin Beatrice Ask will die Gewaltausbrüche nicht tolerieren. Angriffe auf Polizisten oder Rettungskräfte seien "inakzeptabel", sagte sie. Schweden wird von einem bürgerlichen Minderheitskabinett regiert. Ministerpräsident Fredrik Reinfeldt hatte bereits am Dienstag zu Ruhe aufgerufen.

Vertreter der Zivilgesellschaft sehen die Krawalle als Ausdruck von Ausgrenzung. "Wir erleben eine Gesellschaft, die sich immer mehr spaltet und in der die soziale und wirtschaftliche Kluft immer größer wird", sagte Rami Al-Khamisi, Mitbegründer einer Organisation, die sich für einen gesellschaftlichen Wandel in den Vororten Stockholms einsetzt.

Deeskalation mithilfe von Bürgern

Die Einsatzkräfte haben nun ihre Taktik geändert und setzen auf Deeskalation. Unterstützung bekommen sie aus der Bevölkerung. Elterngruppen und andere Organisationen gehen auf die Straße und versuchen, die Konfrontation zu entschärfen. Die Zeitung "Aftonbladet" berichtet am Donnerstag von einem Einwohner, der den Randalierern zurief: "Lasst das, ihr führt euch auf wie kleine Kinder."

Schweden reduziert seit den 1990er-Jahren die staatlichen Wohlfahrtsleistungen. Dadurch nahm die soziale Ungleichheit so stark zu wie in keinem anderen OECD-Land. Eine Rolle bei den Unruhen spielt auch die Benachteiligung von Migranten und Schweden mit Migrationshintergrund. Etwa 15 Prozent der schwedischen Bevölkerung wurde im Ausland geboren, der höchste Anteil in einem nordischen Staat. Die Meisten davon stammen aus Nachbarstaaten, in den Vororten von Stockholm gibt es aber auch viele Einwanderer aus Krisenstaaten wie dem Irak und Somalia. Diese sind stark betroffen von Arbeitslosigkeit und Armut.


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