08.11.2009 08:50 | Meine Presse Merkliste0

Armenien: Aufruhr à la Tiflis: "Robert, go home"

16.04.2004 | 00:00 |  Von unserer Korrespondentin ELKE WINDISCH (Die Presse)

Die Opposition versucht nach dem Muster Georgiens, Präsident Kotscharjan aus der Macht zu drängen.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

MOSKAU. Nach Georgien, wo Massenkundgebungen Ende November Eduard Schewardnadse zum Rücktritt gezwungen hatten, bahnt sich ein ähnliches Szenario bei den südlichen Nachbarn in Armenien an. Vom andauernden Protest der Opposition alarmiert, der am Karfreitag auf dem "Platz der Freiheit" in der Hauptstadt Jerewan begonnen hatte, rief Mitte der Woche sogar Russlands Präsident Wladimir Putin bei Staatschef Robert Kotscharjan an.

Putin trug Moskaus Bedenken wegen der wachsenden Instabilität in der 3,8 Millionen Einwohner zählenden Transkaukasus-Republik vor. Schließlich gehört Armenien zu den treuesten Verbündeten.

Für heute, Freitag, hat die Opposition zu einer neuen Massendemonstration aufgerufen. Nicht nur die Bilder aus Jerewan gleichen denen aus Tiflis aufs Haar. Auch die Gründe für den Aufruhr sind identisch: Kotscharjan, 50, werden massive Fälschungen bei den diversen Wahlgängen vorgeworfen.

Oppositionsführer Stepan Demirtschjan, ein Unternehmer, der auf radikale Reformen drängt, hatte die Wahlergebnisse immer sofort angefochten. Das Verfassungsgericht empfahl Kotscharjan daraufhin, per Referendum die Vertrauensfrage zu stellen. Der Spruch hatte jedoch nur empfehlenden Charakter. Doch nun scheint die Geduld der Massen am Ende: "Die Menschen", so Demirtschjan, "sind nicht mehr bereit, sich mit der Usurpation der Macht abzufinden." "Robert, go home" skandiert daher seit einer Woche die Menge auf der Straße.

Seit Beginn der Woche mischen Polizei und Truppen des Innenministeriums mit, die das Zentrum hermetisch abgeriegelt haben. Ein Protestmarsch zum Regierungssitz wurde mit Wasserwerfern aufgelöst, später gingen Ordnungskräfte mit Schlagstöcken gegen Demonstranten vor. Die Büros der wichtigsten Oppositionsparteien wurden demoliert und geschlossen.

Das Vorgehen der Ordnungskräfte sei durchaus angemessen gewesen, behauptete Kotscharjan im lokalen Fernsehen. Der Protest gehe von einer "aggressiven Minderheit" aus. Noch habe die Opposition "Zeit zur Umkehr". Wenn nicht, verfüge die "Macht über legitime Ressourcen, um die Sicherheit des Volkes zu schützen".

Demirtschjan ist mit 44 nur wenig älter als der georgische Präsident Michail Saakaschwili und in Armenien ähnlich populär wie der Georgier. Dies nicht zuletzt auch deshalb, weil viele Armenier mit Demirtschjans Vater Karen - unter den Sowjets lange Zeit KP-Chef der Republik - die besten Jahre ihres Lebens assoziieren. "Wir", verkündete er daher selbstbewusst, "gehen erst nach Hause, wenn wir unser Ziel erreicht haben".

Zwar weigert sich die Regierungskoalition bisher, das Thema Referendum im Parlament zu behandeln. Doch wegen des fortgesetzten Protests haben führende Politiker aus Kotscharjans Lager inzwischen Verhandlungsbereitschaft signalisiert.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Artikel kommentieren Kommentieren BookmarkBookmarken bei [Was ist das?]

Als Gast kommentieren

...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)

*... Pflichtfelder

Sicherheitscode
(Was bringt das?)*


Schwer lesbar?
Neuen Code generieren

Verbleibende Zeichen

Schlagzeilen Politik

  • Mitterlehner: Kein neues Konjunkturpaket
    Sozialminister Hundstorfer hat ein neues Konjunkturpaket angeregt, Wirtschaftsminister Mitterlehner erteilt dem eine Absage. Bei der Konjunktur vertraut er dem "freien Spiel von Angebot und Nachfrage".
    US-Gesundheitsreform: Erster Erfolg für Obama
    Die Abgeordneten des Repräsentantenhauses entscheiden, die Vorlage des Präsidenten weiter zu erörtern. Auch in den Reihen der Demokraten war die Reform bis zuletzt umstritten.
    November 1989: Und dann fiel der erste Stein
    Sie haben auf unser Taxi mit Fäusten getrommelt und es hin und her geschaukelt. Wir fühlten uns wie in einem kleinen Boot bei hohem Seegang. Wie ich als ORF-Reporter im November 1989 den Fall der Mauer miterlebte.
  • Minister sollen doch in den U-Ausschuss kommen
    Der U-Ausschuss-Vorsitzende Martin Bartenstein (VP) signalisiert im "Presse"-Interview Einlenken: Mit Minister-Befragungen habe er kein Problem. Indes plädiert Bartenstein für einen EU-Außenminister Alfred Gusenbauer.
    UNO fordert Kampf gegen afghanische Korruption
    Der UN-Sicherheitsrat will von Präsident Karzai Maßnahmen gegen Drogenhandel, Vetternwirtschaft und Korruption sehen. Afghanistan reagiert empört auf die Vorwürfe.
    Neuer Job für Gusenbauer in der Vermögensverwaltung
    Der Ex-Kanzler ist seit kurzem der Europa-Direktor des Investmentfonds Equitas European Funds, der Tochter einer Firma mit Sitz in Chile. Ziel sei es, österreichische Investitionen in Chile zu fördern.
  • SPÖ legt sich bei Pensionsvorsorge quer
    Kanzler Werner Faymann akzeptiert die Förderung von Produkten ohne Kapitalgarantie nicht. Das hatte Vizekanzler Josef Pröll vorgeschlagen. Der verteidigt die Wahlfreiheit zwischen Risiko und Sicherheit.
    Michael Spindelegger: "Bin kein Teilzeit-Minister"
    Außenminister Spindelegger hat mehr als nur den ÖAAB im Sinn: Er will Frieden in Sri Lanka vermitteln und gibt Wolfgang Schüssel "intakte Chancen", dank deutscher und skandinavischer Hilfe, Ratspräsident zu werden.
    Sport in der DDR: Spione im Trainingsanzug
    Die Stasi hatte überall Spitzel. Viele Sportler der ehemaligen DDR, die nach der Wende Profikarrieren machten, leugnen bis heute dieses dunkle Kapitel ihrer Vergangenheit.
  • Nominierung: Heftige Kritik an „EU-Unkenntnis“ Hahns
    Grünen-Chefin Eva Glawischnig ärgert sich über eine frühere Ankündigung Hahns, er werde auch als Kommissar Chef der ÖVP Wien bleiben. Doch das ist EU-rechtlich nicht möglich.
    In Honduras heißt es: Zurück an den Start
    Gescheitert ist ein Abkommen zwischen Interimsstaatschef Micheletti und dem gestürzten Präsidenten Zelaya zur Beendigung der Staatskrise. Zelaya erklärte das Abkommen für „tot.
    Hundstorfer: Abgaben auf Vermögen für Sozialstaat
    Sozialminister Rudolf Hundstorfer stellt sich gegen die Seniorenwünsche: Er will eine Erhöhung um 1,5 Prozent, wie sie sich laut Gesetz ergibt, während die Pensionisten 1,9 Prozent fordern.