Amerika ist im Kriegszustand – nicht nur faktisch, sondern auch tiefsitzend geistig: So läuft jedes Wochenende auf CNN „This Week at War“, ein Panoptikum der Kriegs- und Terror-Ereignisse, das mittlerweile so normal erscheint wie die „Wochenschau“.
Jüngstes Thema: die nukleare Bedrohung der USA – etwa durch in Frachtschiffen versteckte Atombomben. Da ist's wohl kaum Zufall, dass sich der UN-Sicherheitsrat nächste Woche trifft, um neue Sanktionen gegen Iran zu verhängen – das Land, von dem die USA trommeln, dass dessen Atomprogramm dem Bau der Bombe dient – und Iran diese auch für Terror nutzen könnte. Zudem wurde die US-Navy vor Irans Küste verstärkt.
Wie soll es weitergehen? Kann man Iran abhalten, das zivile Atomprogramm zu militarisieren? Der Österreicher Wolfgang Danspeckgruber, Leiter des „Liechtenstein Institute on Self-Determination“ an der Universität Princeton, lud dazu eine hochkarätige Gesprächsrunde aus Diplomaten, Politologen, Historikern, Militärs. „Die Presse“ durfte am Treffen im Studenten-Städtchen nahe New York teilnehmen – unter der Auflage, die teils brisanten Gesprächsinhalte nicht ihren Urhebern zuzuordnen. Im Folgenden einige Kernaussagen der Expertenrunde:
•Stand von Irans Atomprogramm: Relativ schlecht. Iran produziert minderqualitative Ausgangsstoffe für Brennstäbe bzw. A-Waffen. Der Ausbau der Urananreicherungsanlage Natanz zieht sich: Dort hätten jetzt 3000 Zentrifugen stehen sollen; es sind aber nur etwa 600. 2009 wäre die Kapazität da, innert zweier Jahre eine Bombe zu bauen. Davon sei Iran keinesfalls „nur drei Monate“ entfernt, wie „zahllose israelische ,Sprecher‘ in den letzten 15 Jahren immer sagten.“ Dass Teheran aber die Voraussetzungen schaffen will, eine Bombe bauen zu können, gilt als fix.
•Ahmadinejad in Nöten: Die Skepsis im Iran gegenüber Präsident Ahmadinejad wächst. Grund eins: die Wirtschaftspolitik: „Er tut alles, um Iran zu ruinieren. Verteilt Milliarden an die Armen, die geben das aus. Folge: massive Inflation.“ Und: „Er senkte die Zinsen. Nun holen die Armen noch mehr Geld von der Bank und geben es aus; die Reichen auch – oder sie bringen es nach Dubai. Jetzt sind etwa Tomaten so teuer, dass alle revoltieren.“
Grund zwei: die Außenpolitik. „Iraner hassen Isolation. Die wollen mit der Welt kommunizieren, etwas gelten. Viele stört, dass Ahmadinejad Probleme aktiv anzieht.“ Russland und China, die Iran vor harten Sanktionen schützen, seien als Freunde nicht genug: Perser wollten sich mit Europa gut stellen. Ahmadinejads Freundes-Suche in Lateinamerika wirke lächerlich: „,Die dort sind gut für Kaffeehausplauderei, aber nicht für unsere Interessen‘, lästerte ein iranischer Abgeordneter.“ Grund drei: Ahmadinejads Mentor Ayatollah Khamenei soll todkrank sein. Sein Abgang würde die Pragmatiker stärken.•Sanktionensinnvoll? Da gab es zwei Lager: Die leidensgeprüften Iraner könnten das jahrelang aushalten, sagen die einen. Andererseits seien Perser ein Händlervolk, Wirtschaftssanktionen träfen die mächtige Händlerklasse hart: „Dort haben viele viel zu verlieren.“ Im Extremfall sei ein Putsch denkbar.
•Droht Krieg? Sorgen bestehen, dass US-Präsident Bush vor dem Ende seiner Amtszeit zum Angriff bläst, um Irans A-Programm zu verlangsamen: „Er glaubt, dass er dazu von der Geschichte berufen sei und ihm Jesus ins Ohr flüstert“, raunte ein US-Offizier. Doch mehr als Luftangriffe seien kaum machbar. Und: „Man hat noch nie jemand in den Gehorsam gebombt.“
Die Folgen: „Dann würde Iran die Bombe bauen.“ Es gäbe Terror: Siehe die Anschlagswelle von 1985/86 in Paris, nachdem aufflog, dass Frankreich dem Irak im Golfkrieg Kampfjets geliehen hatte. Und: „Dann könnten die Iraner ihr großes strategisches Spiel starten: Regime-Wechsel im arabischen Raum anzetteln, um die verrotteten Regime dort zu stürzen.“
•Möglichkeiten des Westens: „Es scheint derzeit nichts zu geben.“ Manche ventilieren folgenden Weg: (1) Iran mit Wirtschafts- und politischen Sanktionen mürbe machen und so den inneren Konflikt schüren; (2)Syrien, Irans einzigen regionalen Freund, ins westliche Lager holen; (3) die Beziehungenzum Iran normalisieren und ihn als gleichwertigen Player anerkennen: „Die wollen mit den anderen großen Jungs am Tisch sitzen.“
Dazu aber müssten die USA ihre Teheraner-Geiseldrama-Neurose überwinden und mit Iran normal verkehren. „Dafür wären die Iraner bereit, sehr viel zu bezahlen.“ Etwa, auf die Bombe zu verzichten.
Für das Iran-Seminar, zu dem Wolfgang Danspeckgruberrenommierte Experten geladen hatte, galt die „Chatham House Rule“: In Berichten darüber dürfen Aussagen nicht ihren Urhebern zugeordnet werden. Dennoch seien einige der drei Dutzend Teilnehmer erwähnt: So der frühere UN-Topdiplomat Lakhdar Brahimi, Iran-Experte Ali Ansari (Uni St. Andrews, Schottland), der frühere deutsche Außenminister Joschka Fischer, der in Princeton lehrt.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.03.2007)

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