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Türkei: Erste Runde der Präsidentenwahl annuliert

01.05.2007 | 18:39 |  Von unserem Korrespondenten Jan Keetman (DiePresse.com)

Das türkische Verfassungsgericht erklärt die erste Runde der Präsidentschafts-Wahlen für ungültig. Vorgezogene Parlaments-Wahlen sind möglich.

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ISTANBUL. Nach den scharfen Warnungen des Militärs vom Wochenende und der Massendemonstration in Istanbul hält die Erregung über die zwischen der gemäßigt islamischen Regierung und den sekulären Kemalisten umstrittene Präsidentenwahl in der Türkei an. Und sie steigerte sich Dienstag noch: Das Verfassungsgericht hob auf Antrag der Opposition den ersten Wahlgang im Parlament vom Freitag auf, bei welcher der Kandidat der Regierungspartei AKP, Außenminister Abdullah Gül, siegte.

Die Entscheidung war deshalb eher überraschend, da das Argument der Opposition, bei der Wahl seien zu wenige Abgeordnete anwesend gewesen, und daher habe Gül im Endeffekt nicht die nötige Zweidrittelmehrheit des gesamten Parlaments erreicht, auf schwachen Beinen zu stehen schien.

Auch hatten Justizkreise durchblicken lassen, dass eine Ablehnung des Antrags wahrscheinlich sei.
Zuvor hatte der Oppositionsführer Deniz Baykal indes kräftig nachgelegt: Baykal sagte Montag vor Journalisten, wenn das Gericht den ersten Wahlgang nicht aufheben würde, würde das Land in einen "gefährlichen Kampf" getrieben. Wie immer es gemeint war - es klang wie die Drohung mit Bürgerkrieg. Premier Erdogans Berater Güneyt Zapsu meinte gegenüber der Basler Zeitung über die Äußerung: "Wenn wir das gesagt hätten, wäre ein Verfahren gegen uns eröffnet worden."

Richter neigen Kemalisten zu

Zapsu hat schon Recht: In Ankara wird nicht mit gleichem Maß gemessen, die Justiz steht wie immer mehr auf Seite der Kemalisten. Mit einem dem Islam zuneigenden Präsidenten Abdullah Gül könnten die Hochburgen des Kemalismus langsam geschleift werden, denn der Präsident setzt die Höchstrichter ein und bestimmt die Rektoren der Unis.
Andererseits haben die Massendemonstration in Ankara mit bis zu 500.000 Teilnehmern am 14.#April und die noch größeren Kundgebungen in Istanbul vom Sonntag und Dienstag vor Augen geführt, dass Gül als Präsident von einem Gros der Gesellschaft abgelehnt wird. Die Regierung täte gut daran, das nicht zu ignorieren.

Es ist aber nicht sicher, dass der Knoten durch das Urteil gelöst wird. Die Regierung hat nämlich nun mehrere Möglichkeiten, den Wahlvorgang dennoch fortzusetzen - doch wahrscheinlicher ist, dass sie ihr Beharren auf Gül aufgibt und es der Hohen Wahlkommission überlässt, vorgezogene Parlamentswahlen anzusetzen. Die könnten Ende Juni stattfinden.

Neue Mehrheit für Islamisten?

Ob das aber die Krise lösen würde, ist doch ziemlich unsicher. Wenn nämlich wieder einige Oppositionsparteien an der Zehn-Prozent-Hürde für den Einzug ins Parlament scheitern sollten, bekommt die Regierung von Erdogan erneut eine komfortable Mehrheit im Parlament, ohne eine Mehrheit im Lande zu haben - und der Streit um das Präsidentenamt kann fortgesetzt werden.

Wilde Proteste am 1. Mai

Als ob es nicht genug Unruhe gäbe, erlebte Istanbul am Dienstag auch einen wilden Ersten Mai: Gouverneur Muammer Güler wollte verhindern, dass die "Revolutionäre Gewerkschaftskonföderation" eine Demo am zentralen Taksim-Platz macht. Schulen wurden geschlossen, Fährverbindungen unterbrochen, 17.000 Polizisten aufgeboten. Die Polizei griff Demonstrantengruppen mit Wasserwerfern, Tränengas und Knüppeln an. Bis Mittag wurden mindestens 580 Menschen verhaftet; Gewerkschafter sprachen von 900 Festnahmen und vielen Verletzten.

Die Demonstranten wollten dabei auf dem Taksim-Platz auch einer 1.-Mai-Kundgebung an diesem Ort vor 30 Jahren gedenken, bei der 36 Menschen von der Polizei erschossen wurden.

Hintergrund
Das Verfassungsgericht wurde von der Opposition angerufen, weil bei Runde eins der Wahl zum türkischen Präsidenten am Freitag im Parlament angeblich zu wenige Abgeordnete anwesend waren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.05.2007)

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16 Kommentare
ozgkrl
02.05.2007 10:18
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Islamisten!

Wenn ich die Postings unserer tuerkischen Mitbuerger lese komme ich zu dem Schluss, dass es MEHR radikale Islamisten in A als in TR gibt!!

ES GRAUT MIR DAVOR!

Antworten Gast: info
02.05.2007 11:12
0 0

@ozgkrl

Könnten sie bitte Namen nennen!!

ozgkrl
02.05.2007 12:54
0 0

Re: @ozgkrl

blitzky, panda, gentax...

wobei..bei blitzky bin ich eher der meinung das IT ein kurde ist

Gast: Reality
01.05.2007 20:56
0 0

Die Wirklichkeit

Man muss der Wahrheit ins Augen sehen, das kann so nicht weiter gehen. Der laizistische Block will den Leuten verkaufen dass sie die Elite sind und die praktizierenden Demoktraten sind. Die Realität schaut ganz anders aus. Der Verfassungsgerichtshof, Universitätsaufsicht, Presidentenpalast, .... wird von den Laizisten kontrolliert.
Das ist nun das Erbe ATATÜRKS, die vermeintlichen Kemalisten sind nur mit sich selbst beschäftigt wie sie ihre Macht noch mehr ausweiten können. Das Problem ist nicht Laizismus sondern die nicht funktionierende Demokratie. Sie berufen sich immer auf Atatürks Handeln bzw. Visionen. Aber was sind diese Visionen? das Militär?die Postenschacher?? "Die Führung ist ohne wenn und aber dem Volk vorbehalten" Die Realität schaut ganz anders aus.
Die Kundgebung vom Sonntag, wo ja das Laizistische Lager verteten war, gibt für das seit 80 Jahren bestehendes feudales System der AKP die Schuld.
10% Hürde, Wahlsystem fürs Parlament und President,..

ujvar
01.05.2007 19:04
0 0

Der islam-kranke Mann am Bosporus

Gott = Allah sei gedankt, dass die Türken eine Armee haben, die der weise Kemal Atatürk, als Wächter der Verfassung, gegen die Islamisten gesetzt hat.
In der Türkei regiert eine (islamische) Minorität, mit unter 25 % der Stimmen, die sich durch ein Wahlgesetz, das Parteien unter 10 % der Stimmen ignoriert, an die Macht geboxt hat.

Antworten Gast: Blitzky
01.05.2007 21:07
0 0

Re: Der islam-kranke Mann am Bosporus

Tatsächlich hat jedes autoritäre Regime eine privilegierte Truppe, die darüber wacht, dass sich keine wirksame Opposition bilden kann bzw. dass organisierter demokratischer Widerstand sofort im Keim erstickt wird (Securitate, Stapo, türkische Armee etc. etc.). In der Türkei sind sich alle Kräfte einig, dass Kurdenparteien durch systematische gerichtliche Verfolgung ihrer Spitzenpolitiker niedergehalten werden. Dass es nun aber die klar demokratisch legitimierte türkische Mehrheitspartei auch "erwischt" illustriert wohl am besten die pseudodemokratischen Verhältnise der Türkei.

Antworten Antworten Gast: Reality
02.05.2007 23:59
0 0

Re: Re: Der islam-kranke Mann am Bosporus

Muss ich teilweise zustimmen. In der Regierung sind aber viele kurdisch stämmige Abgeordnete vertreten.
Das den Kurden schlecht geht ist keine frage das ist eines der vielen Probleme in der Türkei.

ozgkrl
02.05.2007 09:33
0 0

Re: Re: Der islam-kranke Mann am Bosporus

Das ist NICHT richtig. Sie waren wohl noch nie im tuerkischen Parlament?!

Der Anteil der Abgeordneten soll bereits die 50% Huerde genommen haben (das sind dann um gut 25% mehr als der Bevoelkerungsanteil). Ausserdem ist Herr Guel ein alter Freund der PKK. Von anderen extremen abgesehen (haben die Herren Erdogan und Guel doch Spitzen des Islamischen Tschihad, Al Qu... etc. als "Ehrenwerter Maenner" und "Beschuetzer des Islam" bezeichnet und diese "Feine Gesellschaft" in ein Haus eines Anhaengers der AKP eingeladen und mit denen dort "gefeiert".

Also lieber Blitzky. Diese gejammere der Kurden funktioniert nur in Europa. Hier zu Lande sind die Menschen so gutglaeubig und glauben die Luegen!!

Ich gebe zu. Ich habe auch dazu gehoert. BIS ICH IN DER TUERKEI GELEBT HABE!! Die Tuerken und die Kurden bleiben sich NICHTS schuldig. Und beim Genozit an den Armenier waren die Kurden in GLEICHEM AUSMASS beteiligt wie die Tuerken. UND.. Es hat viele Kurden REICHT GEMACHT!!!

Antworten Gast: Info
01.05.2007 20:52
0 0

10% Hürde

Diese Hürde wurde von der (von ihnen so hoch gelobten Armee) nach dem Militaerputsch 1980 eingeführt!!!!!!!!!!!
Zuerst sich informieren, dann schreiben!!!!

gentax
01.05.2007 20:30
0 0

Re: Der islam-kranke Mann am Bosporus

Sie leiden doch nicht an Alzheimer, meine lieber Scholli. Hier ein kleiner Gedankenanstoß (von wegen 25%):"Mit knapp 43 Prozent aller Stimmen landesweit erhöhte die regierende AKP (Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung) ihren Stimmenanteil von 34 Prozent bei den Parlamentswahlen vom November 2002 um neun Prozent. Die einzige noch im Parlament vertretene Oppositionspartei, die linkskemalistische CHP (Republikanische Volkspartei), kam auf 18 Prozent und verlor gegenüber den Parlamentswahlen vom November 2002 zwei Prozent." Ist doch schön, dass man jemanden hat, der Ihren Gedankenlücken auf die Sprünge hilft. Und wenn sie die 10% Marke ansprechen - schauen sie mal nach Groß Britanien. Dann werden Sie bestimmt klüger was Wahlsysteme angeht. Wie immer gilt: zuerst denken, dann schreiben und immer an die Fakten halten.

ujvar
01.05.2007 22:07
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Die Fakten von Gentax

... sind minderer Art als Bildzeitung. Sogar der Pressesprecher der Koranpolitiker ist besser unterrichtet.Bei den letzten Wahlen 2002 gewann die herrschende AKP knapp über ein Drittel der Wähler. Dank eines in der Welt einmaligen Wahlrechts, wurden alle Parteienstimmen, die nicht 10% erreichten, vom Ergebnis ausgeschlossen. Die Partei der Erdogans und Güls hat mit diesem Trick drei Viertel der Sitze im Parlament. Das ist Demokratie à la Turk !! Das hat auch nichts mit dem britischen Mehrheitswahlrecht zu tun, da würden die Kurden in der Türkei ganz anders abschneiden.

Antworten Antworten Antworten Gast: Info
02.05.2007 08:52
0 0

@ujvar

Für alle die es immer noch nicht kapiert haben (vor allem für dich): Diese 10% Hürde hat sich nicht die AKP sondern das !!!Militaer!!! ausgedacht, um nach eigenen Angaben für mehr Stabilitaet zu sorgen = zu verhindern, dass kurdische Parteien (bis zu 9% Stimmen bei den Wahlen) ins Parlament einziehen.
Bezüglich ihrer angeblichen Fakten:
Gentax schreibt über die Regional-Wahlen, falls sie das noch nicht bemerkt haben!!

ujvar
02.05.2007 14:30
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Türkei - UNDEMOKRATISCHES WAHLSYSTEM

Lieber "Info", danke für die Bestätigung eines Wahlsystems dass etwa 40% der Bevölkerung - insbes. Kurdenparteien die unter 10% kommen, vom Parlament ausschliesst. Warum interessiert uns dass alles, weil es unbelehrbare Europafeinde gibt (der Islam fiel 8oo Jahre als Aggressor in Europa ein), die uns erzählen, dieses asiatische Volk wäre Teil Europas.

panda82
01.05.2007 18:37
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Das finde ich von der Presse Schamlos...

Die Presse schreibt, "Gefahr eines Bürgerkriegs steht im Raum."

Die Österreicher wollen in der Türkei gleich einen Bürgerkrieg haben. Das finde ich schamlos, weil das mit guten Willen nichts zu tun hat.

Die Türkei wird wahrscheinlich in den nachsten Monaten eine Wahl abhalten und sowohl eine neue Regierung als auch einen Staatpresidanten wahlen.


modestus
02.05.2007 06:57
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Re: stabile verhältnisse

nachbarn wünschen sich stabile berechenbare verhältnisse....da ist eine militärregierung die sicherste variante...es ist legitim sich das zu wünschen....für türken sind andere vorstellungen auch legitim

Gast: Rumit
01.05.2007 18:26
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????

Wilde Proteste am 1. Mai??? Bürgerkrieg???
Da hat DiePresse aber eine scöne Schlagseite! Im Wahrsten Sinne des Wortes!

Erster Mai gibt es immer Proteste in der Türkei und diese haben nichts mit der aktuellen Debatte um den BPräs zu tun.

Es sind nette aber doch von der Realität entfernte Artikel...

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