La Paz. Boliviens Staatswappen ist schon kompliziert genug – in Zukunft soll ihm auch noch ein Koka-Blatt angeheftet werden. Das wünschen sich der Präsident und seine Anhänger von der Bewegung zum Sozialismus (MAS).
Seit einem Jahr tagt die Verfassungsgebende Versammlung in Sucre und hat sich nicht einmal auf einen Paragrafen einigen können. Seit Jänner 2006 regiert Evo Morales (48), der erste Indio-Präsident Boliviens. Wie sein Kollege und Freund Hugo Chavez in Venezuela liebt Morales, der ehemalige Agitator unter den Koka-Bauern, die große Geste. Symbolpolitik wäre dafür das geeignete Wort.
Der Präsident lässt Erdgasanlagen militärisch besetzen, um die Nationalisierung der Bodenschätze zu unterstreichen. Seine Anhänger wollen Coca Cola zwingen, für die Namensführung zu bezahlen, denn Koka sei ja nun das traditionelle Kraut der Indios in Bolivien. Und nun soll eben diese Pflanze, das „Geschenk der Götter“, auch Platz im Staatswappen finden. Das aber ist schwierig genug.
Andenkamel und Weizengarbe
Das Wappen Boliviens, das seit 1963 in dieser Form in Gebrauch ist, ist schon jetzt überfüllt. Es zeigt in einem Oval den Silberberg von Potosi; hinter dem Berg geht die Sonne auf, vor ihm stehen ein Alpaka, das Andenkamel und Nationaltier Boliviens, und man sieht eine Weizengarbe und einen Brotfruchtbaum. Diese beiden Dinge symbolisieren die Ressourcen Boliviens. Das Oval ist gold und blau umrandet, der obere Teil ist ebenfalls gold begrenzt. In dieser goldenen Umrandung steht in rot der spanische Name Boliviens, Bolivia, während die untere blaue Umrandung zehn goldene Sterne zeigt, die für die neun bolivianischen Departamentos stehen. Der zehnte Stern soll an die 1879 an Chile im Salpeterkrieg verlorene Provinz Cobija erinnern.
Hinter dem beschriebenen Oval befinden sich zwei Dreiergruppen der Flagge Boliviens, zwei Kanonenläufe, zwei Paar Musekten, eine Streitaxt und eine rote phrygische Mütze (das Symbol der französischen Revolution). All das soll den Willen der Bolivianer zur Verteidigung ihrer Heimat und ihrer Freiheit symbolisieren. Über dem Oval hockt ein Geier, ein Condor vor einem Lorbeerkranz.
Kein Platz mehr
Soll nun dieser Lorbeerkranz durch einen Zweig des Koka-Strauches ersetzt werden – oder müssten ihm Weizengarbe beziehungsweise Brotfruchtbaum weichen? Das sind die Schicksalsfragen einer Nation, in der die meisten Bewohner nicht einmal einen Dollar am Tag zur Verfügung haben.
Evo Morales will seinen Plan dennoch durchsetzen – so kompliziert er auch durchzuführen sei. Immerhin gehe es um die Wurzeln der eigenen Kultur, um das nationale Selbstverständnis. Dass Koka im Rest der Welt eher einen negativen Beigeschmack als Drogenpflanze hat, stört den umtriebigen Staatschef nicht. Es geht ihm eben um Symbolik – welche auch immer.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.05.2007)