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„Israel scheint mir wie eine kleine Kolonie Amerikas“

13.06.2007 | 18:45 |  THOMAS SEIFERT (Die Presse)

Der britische Historiker Tony Judt beklagt, dass Israel sein moralisches Gewicht in der Welt verliert und Kritiker mit der Antisemitismus-Keule mundtot macht.

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DiePresse: Eines der Kernprobleme im Nahen Osten ist das völlige Fehlen von Empathie für die jeweils andere Seite. Beide fühlen sich als Opfer: Israel ist das Land der Holocaust-Überlebenden und deren Nachkommen. Die Palästinenser fühlen sich aber auch als Opfer: Ihre historische Erfahrung ist al-Naqba, die Vertreibung.

Tony Judt: Die jüdische Opfer-Erfahrung liegt in einer anderen Zeit, an einem anderen Ort. Für die Palästinenser sieht es so aus, als hätte die Tragödie der Juden nichts mit ihnen zu tun: Sie spielt in Wien, Polen, Deutschland in den 30er- und 40er-Jahren. Während die palästinensische Opfer-Erfahrung in der Gegenwart und in der Region spielt.

Machen es sich viele Palästinenser nicht zu bequem, wenn sie sagen, an allem Übel sei Israel schuld? Ist es Israels Schuld, dass Fatah und Hamas in Gaza jetzt aufeinander schießen?

Judt: Auch jetzt verhalten sich die Palästinenser als Opfer. Weil sie gegen das starke Israel keine Chance haben, bekämpfen Sie einander. Araber müssen Verantwortung für arabisches Verhalten übernehmen. Aber Israels Umgang mit den Palästinensern und der Umgang der Palästinenser untereinander haben miteinander zu tun.

 

Ex-US-Präsident Jimmy Carter hat in seinem jüngsten Buch Israels Besatzung der Palästinensergebiete als Apartheid bezeichnet. Halten Sie den Vergleich für gerechtfertigt?

Judt: Einiges von dem, was die Israelis tun, erinnert tatsächlich daran, was in Südafrika passiert ist. Das beste Land wird von Juden kontrolliert, der Großteil der Wasser-Reserven, es gibt eigene Straßen für die Siedler, eigene Übergänge in die Westbank. Aber es gibt einen sehr wichtigen Unterschied: Israel ist eine Demokratie mit einer starken Zivilgesellschaft, die Kritik an den herrschenden Zuständen übt.

Aber in den vergangenen Jahren hat sich die Situation in Richtung Apartheid verändert. Das ist eine Tragödie für die Araber, für Israel ist es aber noch schlimmer. Denn es hat das moralische Gewicht in der Internationalen Staatengemeinschaft verloren. Dieses Gewicht zurückzuerlangen, wird sehr schwer werden.

 

Sie kritisieren den Einfluss der Israel-Lobby in den USA.

Judt: Den Anstoß haben John J. Mearsheimer und Stephen M. Walt mit ihrem Artikel über die Israel-Lobby gegeben. Ich stimme mit vielem von dem, was die beiden geschrieben haben, überein. Die Interpretationen waren aber weniger nuanciert. Es gibt freilich nicht nur die Israel-Lobby in Washington. Die Öl-Lobby ist nicht wirklich mit der Israel-Lobby kompatibel, denn diese Lobby ist an guten Beziehungen mit der arabischen Welt interessiert. Es gibt die Neokonservativen, die klassischen Realisten und andere. Die US-Politik wird sich aber stärker als bisher von Israel distanzieren. Das wird für Israel schmerzhaft, vor allem, weil das Land auf diese Entwicklung nicht vorbereitet ist.

 

Sie sind Jude. Und Sie sprechen über Apartheid und den überproportionalen Einfluss der Israel-Lobby. Sind sie ein Nestbeschmutzer?

Judt: Welches Nest? Das Nest der Juden? Ich bin Jude, aber das heißt noch lange nicht, dass ich zu Israels Untaten schweigen muss. Meine jüdische Identität bedeutet nicht, dass ich besondere Loyalitäten verspüren würde. Ich bleibe ein freier Mensch.

 

Es ist eine Sache, sich in New York oder Tel Aviv zu Wort zu melden. Aber Wien ist die Stadt von Theodor Herzl und Adolf Hitler, hier stehen die Dinge in einem ganz bestimmten Kontext.

Judt: Stimmt. Als ich die Einladung bekommen habe, in Wien zu diesem Thema zu sprechen, war mir zunächst unwohl. Wien war eines der Zentren des schlimmsten Antisemitismus in der Geschichte. Diese Geschichte darf nie in Vergessenheit geraten. Wenn aber nun Israel diese Geschichte benützt, um Kritiker Israels mundtot zu machen, dann gefährdet das die gesamte Erinnerungs-Kultur.

 

Ist nicht Eretz Israel ein Fluchtpunkt in Zeiten der Verfolgung? Schuldet man als Jude nicht Israel eine gewisse Loyalität? Wohin würden Sie flüchten, wenn Sie in Europa oder den USA nicht mehr leben könnten?

Judt: Nach Neuseeland. Ich glaube nicht, dass das heutige Israel ein Ort wäre, an dem ich mich wohl fühlen könnte. Ich fühle mich mit der herrschenden Kultur in Israel nicht besonders verbunden, auch nicht mit der Einstellung, der Regierung. Irgendwie scheint Israel mir heute wie eine kleine Kolonie Amerikas. Darüber hinaus: Wenn man schon den Teufel an die Wand malen möchte, dann werden in Europa Muslime mehr von Verfolgung betroffen sein als Juden.

 

Worin sehen Sie Israels Zukunft?

Judt: Ich habe lange Zeit an die Zwei-Staaten-Lösung geglaubt: Israel hier, ein palästinensischer Staat dort. Die meisten moderaten Kräfte glauben daran. Aber es gibt nur einen Staat mit begrenzten Ressourcen. Wenn es zwei Staaten gäbe, wäre Palästina schlicht eine kleine Kolonie Israels.

Ich denke, in der Realität gibt es zwei mögliche Resultate: Eines wäre eine Art „freiwillige ethnische Säuberung“. Israel macht es den Palästinensern so schwer, ein normales Leben in der Westbank zu leben. Also emigrieren die Palästinenser. Dann haben wir einen netten Judenstaat, „araberrein“, sozusagen. Oder es wird in Israel zwei Entitäten geben. Eine Zwei-Staaten-Lösung wäre besser gewesen. Aber ich fürchte, wir haben diesen Zeitpunkt verpasst.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.06.2007)

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12 Kommentare
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Schade

aber nicht alles, was in die "Presse" kommt ist gleichbedeutend mit Antidot gegen puren Unsinn!
Da knallt wieder ein illustrer Historiker den alten Stiefel (Israel Kolonie der Amies, Apartheid, ethnische Säuberungen etc.) garniert mit neuem Unfug ("da die P. gegn I. nichts mehr ausrichten können, müssen die armen Kerle sich halt selber abknallen) daher, und kommt damit sogar in eine vermeintlich angesehenes Blatt!

wüterich
14.06.2007 17:47
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Was tut Ihnen so weh, wenn .......


.....jemand Israel scherzhaft als "Kolonie Amerikas" bezeichnet. Jedenfalls ist diese Art von "Kolonialismus" für Israel bisher höchst vorteilhaft gewesen und sichert sein Überleben!
Zumindest kann man getrost das Land als 51. Bundesstaat der USA bezeichnen!

Gast: N:N
14.06.2007 09:27
0 0

kann dem nur seeehr bedingt zustimmen

aber beachtenswert:

"Araber müssen Verantwortung für arabisches Verhalten übernehmen."

Man muss die arabischen Staaten die den paläst. Terrorismus unterstützen zur Verantwortung ziehen
Man muss die arab. Staaten die eine menschenwürdige Behandlung paläst. Flüchlinge ablehnen zur Verantwortung ziehen.
Iran muss die Konsequenzen tragen wenn es Israel mit Vernichtung droht

Dies an die Adressen der europ-. Linken die aufgrund der gemeinsamen Gegnerschaft zur USA gegenüber den Machenschaften islamofaschistischer Tyrannenstaaten blind sind

Gast: eg
14.06.2007 06:09
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Diskreditierung inklusive

Tony Judt gibt Ihnen ein Interview, und ich bin verwirrt - weil beeindruckt. Einen Satz sagt er allerdings, der alle seine Aussagen wieder infrage stellt; er sagt: 'Wenn man schon den Teufel an die Wand malen möchte, dann werden in Europa Muslime mehr von Verfolgung betroffen sein als Juden. '

Kann einer, der ansonsten realistisch argumentiert, eine Verfolgung von Juden und Muslimen auf so aberwitzige Weise gleichsetzen? Sieht er nicht den Unterschied zwischen rassistischer Verfolgung und einer (möglichen) 'Verfolgung' aufgrund von islamistischen Denk- und Aktionsmustern (Indoktrinierung in den Moscheen, religiös motivierte Anschläge etc.), denen immer eine Strafverfolgung folgen muss? Was haben die Juden getan, dass man sie verfolgt hat, was die Islamisten, wenn man sie verfolgt? Kann oder will er nicht unterscheiden?

Dieser Satz diskreditiert sein Denken, es diskreditiert mich und meine anfängliche Zustimmung, und ich bleibe da, wo ich immer gewesen bin, auf der Seite Israels.

Antworten Gast: dojon86
14.06.2007 09:44
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@eg

Genauer lesen lieber eg und erst dann bellen. Herr Judt setzt mit keinem Satz eine mögliche zukünftige Verfolgung von Muslimen in Europa mit der vergangenen Verfolgung und Vernichtung der Juden in Europa gleich. Er sagt nur, das er eine Verfolgung von Moslems im Europa der Zukunft für wahrscheinlicher hält als eine Verfolgung von Juden. Nun jeder der sich die zunehmend unfaire Berichterstattung unserer Medien in Sachen Islam zu Gemüte führt, muß ihm recht geben.

diogenes
13.06.2007 22:04
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Moralische Gewicht ? hatten sie nie!

Was konnten sie verlieren?

Gast: grubenhund
13.06.2007 21:17
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Independent Jewish Voices (www.ijv.org.uk)

Liege ich nicht falsch, so ist der Interviewte Mitunterzeichner dieser Aktion - in Ländern der Kleinkrämer und Großschieber völlig undenkbar und amtlich als Nestbeschmutzer gebrandmarkt. Britanniens Demokratie tun weder israelkritische Juden noch inkurable Vorgestrige Abbruch - wie machen die das bloß?

wüterich
13.06.2007 20:19
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Israel, die "kleine" Kolonie Amerikas!

Da ist sicher viel Wahres dran! Komischerweise hören das manche gar nicht gerne!
Nur dieser "Sonderstatus" garantiert überhaupt das Überleben des sehr kleinen und -im Grund genommen - recht schwachen Staatsgebildes inmitten seiner extrem feindlichen Umgebung!
Der britsche Historiker scheint ja sehr genau zu wissen, wovon er spricht!
Von der Zweistaatentheorie scheint er auch nichts zu halten! Da dürfte er wohl auch Recht haben!!

Antworten Gast: christian
13.06.2007 21:34
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Wenn man den Film "Lawrence von Arabien" sieht,

merkt man, wie sehr Großbritannien die palästinensischen Araber hintergangen hat. Das Problem ließe sich in zwei Schritten lösen: Selbstbestimmungsrecht für den Nahen Osten (das wäre ja nur die vom Westen versprochene, in der Praxis vorenthaltene Demokratie) und Gründung eines eigenen Palästinenserstaates, denn die Idee von zwei Ententitäten in einem Israel wäre nach 70 Jahren blutiger Konflikte absurd. Die Palästinenser wären Staatsbürger 2.Klasse). Dieser Palästinenserstaat könnte dann mit anderen Nachbarstaaten eine Wirtschaftsgemeinschaft eingehen!

wüterich
14.06.2007 06:18
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Palästina wird es nie geben! Schuld haben wohl beide Teile

Für die Bildung eines Palästinenserstaates fehlt es an jedweden Voraussetzungen!
Mit seiner ungezügelten Siedlungspolitik in Ostjerusalem und im Westjordanland hat Israel einen solchen Staat für alle Zeiten unmöglich gemacht! "Gezielte Tötungen" mit oft sehr zweifelhaftem Erfolg waren auch keine vertrauensbildenden Schritte!
Aber auch die starrsinnige Kompromisslosigkeit mancher Palästinensergruppierungen hat das Ihre dazu beigetragen!

Antworten Antworten Antworten Gast: Ganyboy
15.06.2007 11:28
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Re: Palästina wird es nie geben! Schuld haben wohl beide Teile

Palästine bleibet ein Palästine Gestern ,Heute und Morgen

wüterich
15.06.2007 15:06
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"Palestina bleibt Palästina"!=Nichts bleibt Nichts !


"Palästina" ist praktisch nicht mehr als ein leerer, nichtssagender Begriff auf dem Papier! Nach dem Ende des britische Mandats Palästina im Jahre 1948 konnte dieser Region nie staatliches Leben eingehaucht werden!
Israel hat viele schwere Fehler gemacht, die Palästinenser haben jedoch von 1948 bis heute durchwegs hirnlos und selbstmörderisch gehandelt!
Und das sagt jemand aus tiefer
Überzeugung, dem man wirklich nicht vorwerfen kann, dass er ein Fan israelischer Innen- bzw. Außenpolitik ist!