London. Von seinem Vorgänger Tony Blair hätte der britische Premier Gordon Brown eine Lektion lernen können: Nichts ist schneller verspielt als politisches Kapital. Ob er es nach dem Verzicht auf sofortige Neuwahlen wieder zurückgewinnen kann, scheint fraglich. Der frühere konservative Verteidigungsminister Michael Portillo, heute einer der scharfsinnigsten politischen Beobachter des Landes, sprach gestern von einem „Fehler, der ihn seine Karriere kosten könnte“.
Brown habe die Wähler „wie Idioten behandelt“, schimpfte Tory-Chef David Cameron. Er habe genau wie einst Blair „Parteipolitik vor die Interessen der Nation“ gestellt, donnerte der Chef der Liberaldemokraten, Sir Menzies Campbell.
Browns Missetat: Beflügelt von unerwartet guten Meinungsumfragen hatte Brown in den vergangenen Wochen Spekulationen über Neuwahlen noch in diesem Herbst völlig aus dem Ruder laufen lassen. Die seit zehn Jahren regierende Labour Party verspürte in den ersten 100 Tagen unter Brown derartigen Aufwind, dass man offen frohlockte, die Konservativen mit einer vierten Niederlage in Folge „zerstören“ zu können.
Am Parteitag vor zwei Wochen sprach nicht nur Außenminister David Miliband davon, dass Labour „noch einmal zehn Jahre an der Macht“ anstrebe. Genau dieses Auftrumpfen wurde der Regierungspartei schließlich aber zum Verhängnis. Nachdem sich der politische Wind plötzlich gedreht hatte und die Tories in den Umfragen spektakulär aufholten, beendete Brown nun am Wochenende alle Spekulationen: „Ich werde keine vorzeitigen Neuwahlen ausschreiben“, sagte er der BBC. Stattdessen wolle er den Briten mit der Arbeit seiner Regierung nun „beweisen, dass unser Konzept der Veränderungen das richtige ist.“ Damit steht Brown blamiert da. Er hat einen großen Anlauf genommen – und dann den Sprung doch nicht gewagt.
Ein trüber Herbst für Brown
Wieder einmal, wie Labour-Veteranen hinter vorgehaltener Hand anmerkten: Brown habe auch dreizehn Jahre gebraucht, um seinen Vorgänger Blair zu stürzen. In der Partei rechnet man nun mit schweren Zeiten: „Die nächsten Wochen werden nicht lustig für uns“, sagte ein Kabinettsmitglied.
Hinzu kommt, dass die Regierung auch die Wachstumsprognosen zurücknehmen muss. Es steht ein trüber Herbst bevor. Die Opposition reagierte auf Browns Rückzieher erwartungsgemäß mit Spott und Hohn. Zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung erweckt die Entscheidung Browns den Eindruck, als hätte der 56-jährige Premier Angst vor seinem Herausforderer bekommen.
Ein schöneres Geschenk hätte sich Cameron zu seinem 41. Geburtstag am Dienstag gar nicht wünschen können. Der Autoritätsverlust Browns ist beträchtlich, Tory-Chef David Cameron darf sich als großer Sieger der vergangenen Tage fühlen. Kritik und Spott prasseln von allen Seiten auf ihn ein: „Ein Fehler, für den er bezahlen wird müssen“, urteilte selbst die Labour-freundliche Zeitung „Observer“.
Gar mancher hat dieser Tage – auf Brown gemünzt – das alte englische Kinderlied vom „Grand Old Duke of York“ auf den Lippen, der seine Truppen zuerst den Hügel hinaufmarschieren lässt, um sie dann unverrichteter Dinge wieder abzuziehen. Und wieder von vorne. Gordon Brown ist in wenigen Tagen vom starken Mann zur Witzfigur geworden.
David Cameron ist erst seit zehn Monaten Parteivorsitzender der Konservativen und Oppositionsführer. Der 40-jährige Cameron verordnete den Tories einen Richtungswechsel: Er lenkte die Partei in die Mitte und öffnete sie für Umweltthemen. [AP]
("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.10.2007)

Yigg
Webnews
Mr. Wong
Delicious
Facebook
Scoop
Google
Präsident, Drogenboss & Co Die mächtigsten Menschen
Politik skurril ''Kann Solarien nur empfehlen''
ÖVP-Casting Spaßbewerber und Gegenkampagnen











